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Spiegel-Titelstory: der unnette Herr Jobs

Apple-Gründer Steve Jobs ziert in der Woche nach seinem Tod viele Titelbilder großer Nachrichtenmagazine – auch der Spiegel machte gestern mit Jobs auf. Die Covergeschichte mit dem verheißungsvollen Titel "Der Mann, der die Zukunft erfand" bleibt jedoch im Vergleich zu vielen US-Medien blass. Der 10-Seiter kann sich nicht entscheiden, ob der Jobs’ Vermächtnis würdigen oder zum erneuten Apple-Bashing ansetzen soll. Ganz nebenbei stellt der Spiegel klar: Steve war kein netter Mensch.

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Apple-Gründer Steve Jobs ziert in der Woche nach seinem Tod viele Titelbilder großer Nachrichtenmagazine – auch der Spiegel machte gestern mit Jobs auf. Die Covergeschichte mit dem verheißungsvollen Titel "Der Mann, der die Zukunft erfand" bleibt jedoch im Vergleich zu vielen US-Medien blass. Der 10-Seiter kann sich nicht entscheiden, ob der Jobs’ Vermächtnis würdigen oder zum erneuten Apple-Bashing ansetzen soll. Ganz nebenbei stellt der Spiegel klar: Steve war kein netter Mensch.

Wenn alles geschrieben und gesagt ist, muss noch einmal alles geschrieben und gesagt werden: So mutete die Aufgabenstellung für Blattmacher am 6. Oktober an, dem Morgen nach Steve Jobs’ Tod  – Chance als auch Bürde zugleich. Vor allem nachdem die Lebensgeschichte und Lebensleistung der nur 56 Jahre alt gewordenen Tech-Ikone wieder und wieder erzählt worden ist, zuletzt sechs Wochen zuvor, als Steve Jobs als Vorstandschef des damals wertvollsten Konzerns der Welt zurücktrat.

Auch der Spiegel hatte sich vor nicht allzu langer Zeit daran gemacht, die enorme Erfolgsgeschichte von Apple nachzuzeichnen: "Wie Apple die Welt verführt", versuchte das Hamburger Nachrichtenmagazin im April 2010 zu erklären – und blieb dabei mit den altbekannten Steve Jobs-Geschichten um Adoptiv-Eltern, Vaterschaftstest und die Vorliebe für Folksängerinnen eher an der Oberfläche. Der Apple-Gründer war für den Spiegel vor 18 Monaten ein "Verführer in schwarzem Rolli und blauen Jeans, mit hoher Stirn, Bart und Nickelbrille, der Mann, der bestimmt, wie wir leben wollen."

Dank Steve Jobs: "Die Technik ist eine Freundin"
Eineinhalb Jahre später attestieren die Hamburger Steve Jobs, das geschafft zu haben: "Er war ein Vollender, Perfektionierer und Perfektionist, Designer und Verkäufer", adelt der Spiegel. Jobs‘ oberstes Anliegen: Technikprodukte für die Massen zu schaffen, die nicht mehr als lebensfeindlich empfunden werden: "Heute sind Mensch und Technik versöhnt und vereint. Die Technik ist eine Freundin. Technik sind wir, bin ich, auf Englisch: ‚i’", resümiert das Nachrichtenmagazin und fasst die Lebensleistung des 56-Jährigen wie folgt zusammen: "Jobs war der Mann, der die Zukunft erfand, er hat die Bewegungen und das Denken des Menschen verändert."
"Der Mann, der die Zukunft erfand": Das klingt episch – allerdings nicht nur diesseits des Atlantiks. "Thanks for the future" lautet fast zeitgleich auch die Titelgeschichte der Newsweek, die der renommierte Tech-Journalist Alan Deutschman verfasst hat, der vor Jahren bereits eine unautorisierte, aber viel beachtete Biografie über den Apple-Gründer auf den Markt brachte: "The second coming of Steve Jobs."

Spiegel-Urteil: Steve Jobs, "ein despotischer Chef, launisch, cholerisch"
Die beiden Titelgeschichten, die von Jobs als Mann aus der Zukunft künden, könnten konträrer nicht sein: Deutschman menschelt mit Jobs-Anekdoten von Doubles-Dates mit Bill Gates, das Spiegel-Team um Lead-Autor Klaus Brinkbäumer zeichnet vor allem Apples Erfolgsgeschichte noch einmal nach. Während Deutschman Jobs‘ Charisma und seinen Charme als den ganz großen Schlüssel zum Erfolg sieht, macht der Spiegel bei Steve Jobs alles andere als vorteilhafte Charakterzüge aus:
"Er war ein despotischer Chef, launisch, cholerisch", so das vernichtende Urteil aus Hamburg: "Apple wurde absurd geführt und war dennoch gut."  

Absurd geführt und dennoch gut? Das läge den Schluss nahe, dass nach Jobs‘ Ausscheiden Apples eigentlich große Zeiten erst anbrächen – die Aktienmärkte bewerteten das zuletzt indes anders, wie die Kursrückgänge in den Tagen nach Steve Jobs‘ Tod dokumentieren.

Spätestens an dieser Stelle gleitet der Spiegel zu reflexartig in jene oberlehrerhafte Rhetorik ab, die den Hamburgern seit Jahrzehnten vorgehalten werden. "Die Redner und Blogger dieser hektischen Zeit", die sich vor dem Spiegel daran gemacht haben, das Leben und Wirken von Steve Jobs seit Donnerstagmorgen auf einen Nenner bringen, liegen in den Augen des 13-köpfigen Autorenteams, zu dem auch Stefan Niggemeier gehört, daneben.

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"Sie verglichen ihn mit Henry Ford und Walt Disney, mit Thomas Alva Edison und Albert Einstein – angemessen bombastisch und doch sachlich falsch." Der Apple-Gründer war nach Meinung der Spiegels "kein Erfinder und kein Schöpfer, und auch ein Forscher war er nur im weitesten Sinne." Trotz iMac, iPod, iPhone und iPad  "kein Erfinder und kein Schöpfer"? Diese Meinung dürfte das meist verkaufte deutsche Nachrichtenmagazin eher exklusiv haben.

Fauler Kompromiss zwischen Bashing und Hymne
Das gilt auch für andere Beobachtungen: "Früher streichelte der Mensch andere Menschen, und hin und wieder streichelte er Tiere, heute streichelt er Maschinen", ist in der Titelgeschichte in Anspielung auf das Fingerwischen auf iPhone, iPad und iPod zu lesen. "Morgens dann, wenn er erwacht, wischt die dreijährige Tochter mit dem Zeigefinger über den Bildschirm von Papas Computer, weil sie weiß, dass man das so macht: wischen, schmusen." Diese Wahrnehmung ist zumindest speziell: Wurde hier wirklich gerade die Nutzung von Multi-Touch-Geräten beschrieben?

Die Apple-"Jünger", wie der Spiegel die Kunden des wertvollsten Technologie-Konzerns der Welt nennt, kaufen auf jeden Fall bereitwillig die Kultprodukte. Warum? Weil sie so aufregend sind, "so sehr, dass erwachsene Menschen es in vollem Ernst als Triumph empfinden, wenn sie ein neues Apple-Produkt kaufen dürfen, so sehr, dass nur wenige Kunden sich fragen, ob es nicht schlicht idiotisch ist, alle zwei Jahre ein neues Gerät zu erwerben, obwohl beim alten nichts kaputt ist, und damit Millionen einem Konzern verfallen, der es verhindert, dass man einen Akku austauschen oder Dienstprogramme der Konkurrenz benutzen kann."

Bleibt die Frage, wie sich Spiegel-Leser bei der Lektüre dieser Zeilen auf den aufwendig programmierten iPhone- und iPad-Apps fühlen: als jene "weitgehend individualisierten, hochgradig globalisierten, durch und durch ästhetisierten Menschen des 21. Jahrhunderts", wie es Spiegel verschwurbelt in den Raum stellt?

Wie auch immer – am Ende der keinesfalls schlecht erzählten Steve Jobs-Story bleibt der Eindruck, das sich der Spiegel nicht entscheiden konnte, wo er hinwollte mit seinem 10-Seiter: Apple-Bashing ein paar Tage nach dem meist beachteten Prominenten-Tod seit Michael Jackson ging nicht, eine Hymne auf den größten Tech-Pionier zumindest der vergangenen Jahrzehnte aber irgendwie auch nicht. Herausgekommen ist ein Kompromiss, so faul wie ein angebissener Apfel. 

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