Schlammschlacht im Netzwerk Recherche

Publishing Der Konflikt innerhalb des Netzwerk Recherche eskaliert weiter. In einem Brief an den Vorstand erhebt Medienwissenschaftler und Netzwerk-Mitglied Michael Haller Vorwürfe gegen den zweiten Vorstand Hans Leyendecker. Haller mahnt eine Mit-Verantwortung Leyendeckers im Skandal um das seltsame Finanzgebaren des Ex-Vorsitzenden Thomas Leif an. Leyendecker antwortet, indem er deutliche Vorwürfe gegen Leif erhebt. Von Vorsatz, Größenwahn und kriminellen Vorgängen ist die Rede.

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Zum Hintergrund: Bei der jüngsten Mitgliederversammlung des Netzwerks Recherche kam es zu einem Eklat. Es kam heraus, dass es unter der Verantwortung des Netzwerk-Vorsitzenden, des SWR-Chefreporters Thomas Leif, finanzielle Unregelmäßigkeiten gegeben hat. So wurden aufgrund falscher Abrechnungen Fördergelder der Bundeszentrale für Politische Bildung eingestrichen, die dem Netzwerk gar nicht zugestanden hätten. Leif wurde nach Bekanntwerden der Unregelmäßigkeiten aus dem Vorstand gedrängt und es wurde die Anwaltskanzlei Hoffmann & Partner beauftragt, die Vorgänge aufzuklären.

Der Abschlussbericht der Kanzlei wurde dann zunächst vom Spiegel und weiteren Medien, u.a. auch MEEDIA veröffentlicht und später auch auf der Website des Netzwerks Recherche zugänglich gemacht. Im November sollen die Vorgänge in einer weiteren Versammlung des Netzwerks aufgearbeitet und ein neuer Vorstand gewählt werden.

Neuen Ärger in dem honorigen Journalisten-Club gibt es aber schon jetzt. Netzwerk-Mitglied Michael Haller schrieb einen Brief an den Netzwerk-Vorstand, der MEEDIA vorliegt und in dem er vor allem gegen den Zweiten Vorsitzenden Hans Leyendecker schwere Vorwürfe erhebt. “Geschäftsführende Vorstandsmitglieder sind in Bezug auf ihre Funktionen vergleichbar mit der Geschäftsleitung oder dem Vorstand von Unternehmen. Unter diesem Blickwinkel kann ich nicht nachvollziehen, wieso es Hans Leyendecker als zweiter Geschäftsführender Vorstand es zugelassen hat, dass Thomas Leif offenbar allein unterschriftsberechtigt war (…), mithin sämtliche Finanzgeschäfte des Vereins ohne jegliche Absicherung oder Kontrolle zu besorgen hatte (unbesehen der Frage, ob er es so wollte).”

Haller verweist in seinem Schreiben auf “pingelige Rechercheberichte” in der Süddeutschen, an denen Leyendecker “großen Anteil hatte”, in denen Geschäftsleitungsmitglieder von Unternehmen “öffentlich zur Rechenschaft gezogen und harsch kritisiert” wurden, weil sie ihren Kontrollpflichten nicht nachgekommen sind. Haller fragt: “Warum sieht sich der zweite GF (Geschäftsführer, Anm.d.Red.) des Vereins, also Hans Leyendecker, nicht in der Verantwortung, sondern redet und publiziert zunehmend so, als sei der ganze Schlamassel allein die Schuld von Thomas Leif?”

Haller fragt außerdem, warum der gesamte geschäftsführende Vorstand plus Kassenwart nach Bekanntwerden der Vorwürfe nicht “in den Ausstand” getreten sei und keine unabhängige Prüfkommission eingesetzt worden sei. Schließlich verweist Haller darauf, dass er das Honorar der mit dem Prüfbericht betrauten Kanzlei Hoffmann & Partner in Höhe von 30.000 Euro als zu hoch empfindet. Einer “Einschätzung” von Hallers Treuhandbüro zufolge sei ein Honorar von 5.000 bis 8.000 Euro angemessen gewesen.

Haller schreibt, er höre, dass Hoffmann & Partner schon früher mit Hans Leyendecker zusammengearbeitet habe und ein “gewachsenes Vertrauensverhältnis zwischen der Kanzlei und HL” bestehe. Haller fragt, ob schon vor Mai 2011 eine Geschäftsbeziehung zwischen Leyendecker und der Kanzlei bestanden habe, warum der parteiische Vorstand hier einen Geschäftspartner beauftrage und ob niemand im Vorstand den “Status der Befangenheit” angesprochen habe.

Haller moniert weiter, dass eine Stellungnahme von Thomas Leif dem Abschlussbericht der Kanzlei nicht beigefügt gewesen sei und dass ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung einseitig die Position Hans Leyendecker wiedergegeben habe (“Leyendecker-Hofberichterstattung”).

Hans Leyendecker hat Michael Haller und dem  Netzwerk-Recherche-Vorstand mit einer Mail geantwortet, in der Leyendecker seinerseits Klartext spricht. Vor allem lässt Leyendecker in der Antwort jede Zurückhaltung gegenüber Thomas Leif fahren. “Leif brauchte einen zweiten Vorsitzenden, der nicht hinschaute. Dies nicht verstanden zu haben, war töricht. Ich habe Leif vertraut. Das war sehr dumm”, schreibt er. Und weiter: “Das Vorgehen von Leif halte ich angesichts der Fakten nicht für Fahrlässigkeit, sondern für Vorsatz. Ich hoffe dennoch, dass es die Staatsanwaltschaft bei 153a belässt.”

Leyendecker bezieht sich damit auf Paragraph 153a der Strafprozessordnung, nach dem die Staatsanwaltschaft von der öffentlichen Anklageerhebung absehen kann, wenn der Beschuldigte Wiedergutmachung leistet, kein schweres Vergehen vorliegt und kein öffentliches Interesse an Strafverfolgung besteht. Meistens wird die Anwendung von 153a mit der Zahlung einer Geldsumme an eine wohltätige Einrichtung verbunden. Übrigens war es auch der Paragraf 153a, der Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl vor einer Anklageerhebung in seiner Spendenaffäre bewahrt hat. Dass nun ausgerechnet der Enthüllungsjournalist Hans Leyendecker, der die CDU-Spendenaffäre um Helmut Kohl maßgeblich aufgedeckt hat, auf den Paragrafen 153a hofft, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
Der Vorwurf des Vorsatzes bezieht sich laut Teilnehmern an einer Vorstandssitzung des Netzwerk vom Samstag darauf, dass Thomas Leif nachträglich Dokumente handschriftlich geändert haben soll.

Zur Kanzlei Hoffmann & Partner habe oder hatte er keinerlei Geschäftsbeziehungen oder Verbindungen, schreibt Leyendecker weiter: “Die Wahl fiel auf diese Kanzlei, weil sie in der Nähe der damaligen Geschäftsstelle ihren Sitz hat und weil die Leute sauber und gewissenhaft arbeiten.” Außerdem sei er zum Zeitpunkt der Auftragsvergabe an die Kanzlei im Ausland gewesen. Es sei eine offenbar von Leif verbreitete Legende, dass er mit dieser Kanzlei irgendetwas zu tun haben könnte. Die Kosten für die Kanzlei hätten sich im üblichen Rahmen bewegt.

Leyendecker in seiner Mail: “Allein eine furchtbare Sitzung mit Leif, an der alle an dem Fall arbeitenden Mitarbeiter der Kanzlei und auch ich teilnahmen, kostete mehrere tausend Euro. Der Bericht der Wirtschaftsprüfer wäre kostengünstiger gewesen, wenn Leif die Wahrheit erzählt hätte.” Alles, “was Leif an Märchen erzählt hat”, sei in den veröffentlichen Bericht eingeflossen, entgegnet Leyendecker auf die Frage Hallers, warum die Stellungnahme von Leif nicht veröffentlicht wurde.

Wäre der Vorstand kollektiv zurückgetreten, hätte sich der Verein selbst zerlegt, so Leyendecker. Die Vorwürfe Hallers an die Adresse der Schatzmeistern würden sich “nicht gehören: “Sie ist jung, sie war nicht bösgläubig  und ist von Leif hinters Licht geführt worden. Die Frage ist nur: Wurde sie Leifsche Schatzmeisterin, weil sie jung ist und nicht bösgläubig war?” Auf einer Vorstandssitzung des Netzwerks am Wochenende wurde nun auf die Anregungen Hallers hin beschlossen, dass die gesamte Stellungnahme (Leyendecker: “die Märchensammlung”) Thomas Leifs im O-Ton auf der Website des Netzwerks veröffentlicht werden soll. Wann dies der Fall sein wird, ist aber offenbar noch nicht geklärt.

Leyendecker schreibt in seiner Antwort an Haller: “Bei alledem handelt es sich nicht um einen Feldzug gegen Leif, sondern um den Versuch, den Schaden in Grenzen zu halten, den ein größenwahnsinniger Vorsitzender angerichtet hat und gleichzeitig, so gut es noch geht, diesen Menschen zu schützen.” Dabei kann es keinen Zweifel geben, dass es hier mittlerweile um einen äußerst handfesten Zoff zwischen Leyendecker und Leif geht.

Wie geht es nun weiter mit dem Netzwerk? Derzeit würden Leute gesucht, die für einen neuen Vorstand bereit sind zu kandidieren. “Und dieses Vorgehen ist angesichts der kriminellen Vorgänge nicht einfach”, schreibt Leyendecker. Nichtsdestotrotz: Am 11. November gibt es eine Sitzung, bei der ein neuer Vorstand gewählt werden soll. Leyendecker selbst will auf keinen Fall nochmal kandidieren. Er habe das Amt überhaupt nur für die Übergangsphase behalten, weil er von anderen Vorstandsmitgliedern darum gebeten wurde. Die Schicksalstage für das Netzwerk Recherche sind noch nicht vorbei.

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