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Wagners irrer, wirrer Brief an Steve Jobs

Die Woche, in der Apple-Gründer Steve Jobs starb, sah eine Unzahl an Nachrufen, Würdigungen und Beiträgen zum Lebenswerk des Technik-Gurus. Das wahrscheinlich wirrste Stück zum Thema floss, wenig überraschend, aus der Feder von Franz Josef Wagner. RTL feierte ein Hochamt der Political Correctness, indem Oliver Pochers laue Witzchen beim Fernsehpreis entfernt wurden. Die FAZ legte sich online ein hübsches neues Outfit zu, und der Autor dieser Kolumne muss seine bösen Worte über ein Magazin revidieren.

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Zeit Online hat in dieser Woche ernste Konkurrenz im höchst inoffiziellen Wettbewerb um die schönste Nachrichten-Website Deutschlands bekommen. FAZ.net hat relauncht, und es ist richtig toll geworden. Weg mit dem modernistischen 90er-Jahre-FAZ.net-Logo und her mit dem Fraktur-Kopf der Zeitung, der jetzt dick und fett oben drüber prangt. Dazu wurde alles schön aufgeräumt, man sieht mehr, und auch die Ansicht der einzelnen Artikel sieht viel besser aus. Das Design stammt von der Agentur Kircher Burkhardt aus Berlin. Vorbild für solche Zeitungs-Websites ist womöglich die New York Times, die schon lange ein absolut stimmiges Online-Layout pflegt.

Für ein Skandälchen gut war in dieser Woche Oliver Pocher, dessen Witzeleien bei der Übertragung vom Deutschen Fernsehpreis allen Ernstes von RTL teilweise rausgeschnitten wurden. Pochers Witze seien zu “würdelos” für die langweilige Branchen-Selbstbewienerung Fernsehpreis gewesen. Gott, ist das erbärmlich! Da reißt der Pocher den einen oder anderen Gag auf Kosten der Gastgeber und Preisstifter und sofort wird das rausgeschnipselt? Witze vom Schlage: “Wer ist für die Gebührenerhöhung? Ja, das ist ein eindeutiges Ergebnis. Stimmung wie bei der MDR-Intendantenwahl hier im Saal. Schade, dass sie heute nicht alle da sein können. Der Einzige, der da noch nicht vorbestraft ist, ist Bernd das Brot.” Das war ja sogar noch leidlich komisch. Auch weit harmlosere und unwitzigere Pocher-Kommentare fielen der RTL-Schere zum Opfer. Und dann gab Pocher selbst hinterher reumütig klein bei und sagte: "Einige Teile meiner Laudatio sind spontan entstanden und waren nicht im Sinne der Veranstaltung." Was für ein abgestimmter, windelweich gespülter Quark! Man rufe sich nur mal in Erinnerung wie bitterböse Leute wie der US-Komiker Steve Martin schon die Oscar-Verleihung moderiert haben. Dagegen waren die Pocher-Sprüche beim Fernsehpreis auf Kindergarten-Niveau. Dass die Branche Selbstkritik noch nicht einmal in solch homöopathischen Dosierungen erträgt, ist ein echtes Armutszeugnis.

Nach so viel Dampf ablassen muss ich mich jetzt aber auch mal reumütig zeigen. In meinem MEEDIA-Blog habe ich mich das eine oder andere mal über die Zeitschrift View echauffiert. “Auf Augenhöhe mit dem Mittelmaß”, hieß u.a. ein wenig freundlicher Artikel. Nun muss ich zugeben: Seit einiger Zeit nehme ich die View immer lieber zur Hand. Im aktuellen Heft gibt es beispielsweise eine wirklich zu Herzen gehende Foto-Reportage mit Bildern, die Slum-Kinder mit ihren aus dem Müll gezogenen Spielzeugen zeigt. Darüber hinaus bietet View jeden Monat immer wieder ein überraschendes, lustig und anrührendes Bilder-Panoptikum, bei dem es immer was zu entdecken gibt. Beispielsweise auch Tierbilder von Hunden, die mit Hochgeschwindigkeits-Kamera gefilmt wurden, wie sie sich schütteln. Banal, aber saukomisch. Ist die View besser geworden oder habe am Ende ich mich geändert? Keine Ahnung. Meine Meinung zum Heft hat sich jedenfalls geändert. Zum Positiven.

Bei den ganzen, unzähligen Stücken zum Tode von Steve Jobs gab es viele lesenswerte Artikel. Aber ein Beitrag zum Thema gab dann doch Rätsel auf. Es ist die “Post von Wagner” an Steve Jobs. Dass Bild-Briefeonkel FJW wirre, irre Zeilen an einen Toten richtet, verwundert nicht weiter. Aber diesmal fantasiert er selbst für seine Maßstäbe einen argen Unsinn zusammen. Wagner beschreibt das Foto von Steve Jobs, das anlässlich seines Todes auf der Apple-Website zu sehen war. Wagner schreibt, es sei ein “fürchterliches Foto”, Jobs sehe darauf “hohlwangig” aus, “wie ein Mönch, der fastet”. Wagner beschreibt das Foto weiter: “Seine Gesichtshaut ist wie Pergamentpapier, die beiden Knochen unter den Augen ragen raus.” Nur zur Erinnerung. Es geht um dieses Bild:

Was Wagner beim Formulieren seiner Zeilen angeschaut hat – wir wissen es nicht. Wagner schließt seinen Brief mit den Worten: “Steve Jobs war ein Genie. Im Mittelalter gestalteten Künstler Genies mit Flügeln. Fliegen Sie weiter, Steve Jobs. Denn der Krebs kann Ihren Geist nicht besiegen.” Nochmal: “Im Mittelalter gestalteten Künstler Genies mit Flügeln.” Vielleicht nutzen wir alle das Wochenende, um über diesen doch sehr speziellen Satz nachzudenken. Andererseits: lieber doch nicht. Es ist ja bloß der olle FJW.

Schönes Wochenende!

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