Das Prinzip DvH: Lebe lieber unsichtbar

Verleger wirken heute oft ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Im Zeitungs- und Zeitschriftengeschäft wurden sie nach und nach durch angestellte Manager ersetzt. Dieter von Holtzbrinck, der am heutigen Donnerstag seinen 70. Geburtstag feiert, gehört zu der raren Kaste von Verlegern, denen Rendite zwar wichtig ist, aber nicht über alles geht. Sein zweiter Abschied vom operativen Geschäft ist absehbar. Holtzbrincks Medien, darunter das Handelsblatt und der Tagesspiegel, werden wohl bald in eine Stiftung eingebracht.

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Einen "leisen Lenker" nannte das Handelsblatt seinen Verleger zum 60. Geburtstag vor zehn Jahren. In der Tat – Dieter von Holtzbrinck scheut die Öffentlichkeit, gibt äußerst selten Interviews und bleibt im Hintergrund. In den vergangenen zehn Jahren ist einiges geschehen, doch die Zurückhaltung hat sich DvH bewahrt. Die Süddeutsche Zeitung kolportierte den Verleger-Spruch: "Wir sind besser, wenn wir nahezu unsichtbar sind." Das Holtzbrinck-Credo: Bewahrung der verlegerischen Integrität bei größtmöglicher Dezentralität der Titel.

Zur Erinnerung: 2001, noch vor seinem 60. Geburtstag, übergab Dieter von Holtzbrinck die Geschäftsführung der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck an seinen Halbbruder Stefan und übernahm selber den Vorsitz im Aufsichtsrat. Er wolle sich, so hatte er dem Handelsblatt erklärt, "definitiv aus dem operativen Geschäft heraushalten". Das so leicht nicht mehr erfolgreich zu bewältigen war. Vor dem Jahr 2000 liefen die Geschäfte glänzend, dann kamen die Krise der New Economy und mit ihr die Verkäufe von Beteiligungen (n-tv) und Einstellungen, darunter Wirtschaftsblätter wie die Telebörse und Online-Unternehmungen wie Infoseek und Economy One. Eine Übernahme des Berliner Verlags scheiterte derweil am Kartellamt. Dieter von Holtzbrinck zog sich 2006 komplett von der Verlagsgruppe zurück und vereinbarte mit seinem Bruder Stefan und seiner Schwester Monika Schoeller eine Auszahlung seiner Anteile am Medienkonzern auf Raten.

Der Stuttgarter Dieter von Holtzbrinck hatte bereits 1980, als er noch keine 40 Jahre alt war, von seinem Vater Georg die Geschäftsführung der Verlagsgruppe übertragen bekommen. DvH vergrößerte in den folgenden Jahren den Radius des erfolgreichen Verlagshauses, auch und vor allem durch internationale Zukäufe, darunter renommierte Buchverlage, das Wissenschaftsmagazin Scientific American und die britische Verlagsgruppe Macmillan. Eine Beteiligung auf Gegenseitigkeit mit dem Wall Street Journal Europe (Dow Jones) wurde nach einigen Jahren wieder rückgängig gemacht. Er übergebe nicht besenrein, sondern er übergebe nur den Besen, hatte Dieter 2001 anlässlich des Wechsels an der Spitze der Verlagsgruppe gesagt.

Im März 2009 dann die überraschende Rückkehr Dieter von Holtzbrincks ins Verlagsgeschäft: Stefan trat die Verlagsgruppe Handelsblatt, den Tagesspiegel und die Hälfte an der Zeit an den mehr als zwanzig Jahre älteren Bruder Dieter ab. Der gründete DvH Medien, mit Unterstützung des Vertrauten Michael Grabner. "Nachdem mein Bruder mit mir darüber sprach, wie er in der unabsehbaren Wirtschaftskrise den Spielraum für die Verlagsgruppe sichern könnte, haben wir unsere alte Vereinbarung auf eine neue Grundlage gestellt", erzählte DvH damals dem Handelsblatt: "Wir tauschen die ausstehenden Zahlungen mit den genannten Beteiligungen." Zwar habe er nicht vorgehabt, "nochmals als Verleger tätig zu werden". Aber: "Mir ist wichtig, dass diese Qualitätsmedien, an deren Ausbau ich jahrelang mitgewirkt habe und denen ich mich verpflichtet fühle, eine gute Zukunftsperpektive behalten." Was darin mitschwang, war neben einem Gefühl der Verpflichtung auch eine merkliche Sorge um die Zukunft der Titel. Doch DvH schaute nicht nur auf die familieneigenen Medien: Bereits vor dem Deal mit Bruder Stefan hatte er Interesse am Kauf der Süddeutschen Zeitung signalisiert. Doch daraus wurde bekanntlich nichts.

Zwei Gründe waren für den Tausch innerhalb der Familie entscheidend – Bruder Stefan hat nur noch begrenztes Vertrauen in die Zukunft von Printmedien per se. Für einzelne Medien wie etwa die Zeit gilt die Skepsis nicht, wohl aber für die Gattung Print als solche. Zuletzt hatte er die durchaus profitable Main-Post an den Verlag der Ausgsburger Allgemeinen verkauft. Gegenüber dem Handelsblatt hatte SvH immerhin einmal bekannt: "Wir werden immer auch ein Printunternehmen sein." Zum anderen waren SvH die Rückzahlungen an seinen Bruder zu einem Klotz am Bein geworden. Sie hinderten ihn an der Investition in neue digitale Projekte, in denen er die Zukunft sieht.  Mit dem Kauf von StudiVZ hatte Stefan von Holtzbrinck zwar schon einmal danebengegriffen, andere Investments wie etwa die digitale Pertnervermittlung Parship erwiesen sich aber als sehr profitabel.

DvH nennt sich selber einen "Einzelunternehmer mit begrenzten Mitteln". Seine Rückkehr ins Verlagsgeschäft, sagen Beobachter, hatte er sich leichter vorgestellt. Er liebe Printmedien, sehe sich aber nicht unbedingt als Mäzen. Die Folgen der Krise von 2008 und das anhaltend schwierige Geschäft vor allem mit Wirtschaftsmedien mache auch ihm zu schaffen. Sein Engagement sei zudem von Anfang an auf begrenzte Zeit angelegt gewesen. "In der neuen Konstellation möchte ich einige Jahre aktiv tätig sein", hatte er dem Handelsblatt 2009 gesagt. Nach einem zweiten Rückzug DvHs könnten die Titel wieder in die Verlaggruppe Georg von Holtzbrinck wandern. Aber das ist vermutlich nur eine theoretische Option.

Denn bereits vor einem Jahr hat Dieter von Holtzbrinck bei einer Tagung in Bad Saarow seinen Führungskräften ein Stiftungsmodell vorgestellt, in das die DvH Medien einmal eingehen könnten. An einen Weiterverkauf denkt der Verleger offenbar nicht – aber an ein Modell, wie seine Titel auch ohne ihn als Verleger so weitergeführt werden können, dass sie für die absehbare Zukunft abgesichert sind. Die Überführung in eine Stiftung könne in den nächsten zwei Jahren erfolgen, heißt es im Umfeld der Stuttgarter.

Eine solche angestrebte Lösung spricht dafür, dass Dieter von Holtzbrinck, ein studierter Wirtschaftswissenschaftler, dem Markt zumindest ein stückweit misstraut. Überließe man gedruckte Zeitungen ihrem Schicksal, könnten sie von Investoren übernommen und auf pure Profitabilität getrimmt werden, zum Schaden für die Qualität der Titel. Strategische Verlagsinvestoren sind indes auch im Zeitungsland Deutschland nicht breit gesät – welcher Verlag wäre bereit, die DvH Medien komplett zu übernehmen? Das Handelsblatt hat es schwer, schrieb eine zeitlang rote Zahlen und muss weiter um die Profitabililtät kämpfen. Der Tagesspiegel verzeichnete in den vergangenen Jahren vermutlich zumindest ein kleines Plus, war aber lange Jahre defizitär und wird nie zu einer Cashcow werden. Der WirtschaftsWoche und den Fachverlagen in Düsseldorf geht es gut, genauso wie der Zeit. Ein Teilverkauf der profitablen Titel wäre natürlich möglich. Doch selbst einem Verleger wie Dieter von Holtzbrinck, der eigentlich lieber unsichtbar wäre, ist an so etwas wie einem Lebenswerk gelegen. Zum Glück.

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