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Social-Overkill: der überforderte Nutzer

Gerade hat Facebook das nächste große Ding vorgestellt: Timeline. In einem digitalem Lebensbuch sollen wir unsere Existenz in Wort, Bild und Ton sortieren und dokumentieren. Schon teilt Google+ mit, dass einen wieder soundsoviele Unbekannte in einen Circle hinzugefügt haben und Twitter und den RSS-Reader haben wir auch seit mindestens fünf Minuten nicht mehr gecheckt. Während das Social Web immer weiter um sich greift und Geschwindigkeit aufnimmt, bleibt einer zurück: der Nutzer.

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Die schlimmste Aufmerksamkeits-Aussaug-Maschine ist Facebook. Einem Laien wie mir fällt es per se schon schwer zwischen den unterschiedlichen Feed-Arten “Hauptmeldungen” und “Neuste Meldungen” souverän zu switchen. Seit kurzem belämmert einen Facebook auch noch mit allerlei kleinen Neuerungen, die irgendwie an Google+ erinnern. Hier will einer, dass man bestätigt, dass man dann und dann in derselben Firma gearbeitet hat. Dort wird scheinbar von alleine eine Liste mit “Freunden” aufgemacht, über eine Randspalte werde ich informiert, dass ich jetzt Leute auch abonnieren kann, von denen ich noch nie zuvor etwas hörte.

Während ich diesen Text in Google Text & Tabellen tippe, erscheint rechts oben als nerviges kleines Mahnmal eine Zahl in einem roten Quadrat. Soviele Leute, von denen ich ebenfalls noch niemals hörte, habe mich in irgendwelche Circles bei Google+ hinzugefügt. Und jetzt? Schnell mal zu Google+ rüberwechseln und gucken. Aber – oh weh – da haben ja Jeff Jarvis und Konstantin Neven DuMont schon wieder alles zugepostet mit gewiss sehr geistreichen Anmerkungen zum digitalen Dingsbums und gesellschaftlich hochbrisanten Fragen zur Zukunft der Demokratie usw. Allein: Mir fehlt die Kraft das zu lesen – geschweige denn, jemanden zu ent-folgen oder de-abonnieren oder wie man das auf Digitalisch nennt.

In der Zwischenzeit teilt mir der RSS-Reader mit, dass der sehr geschätzte Peter Glaser schon wieder 30 bis 50 Katzen- und Kunst-Fotos in seinem Blog veröffentlicht hat. Wie machen diese Digital-Afficionados das nur, dass die so verdammt schnell sind? Auf dem iPhone verlangen Instagram und Hipstamatic, dass ich an irgendwelchen Foto-Wettbewerben teilnehme und bei Twitter teilt mir der Papst mit, dass er sich jetzt mit Muslimen-Chefs trifft. Kaum ist das verdaut, trifft via E-Mail ein Medien-News-Letter aus den USA ein, den ich nie bestellt habe, der aber gar nicht so schlecht ist (Shelly Palmer) und teilt mir mit, dass Facebook “even more Profile-Changes announced” hat und iTunes verschickt parallel eine Mail mit Vorschlägen, dieses oder jenes Musik-Album zu kaufen, das ich a) schon habe oder b) hasse. Merke: Auch Algorithmen machen Fehler. Oder liegt es an mir?

Vielleicht war doch was dran an den Thesen vom ollen Schirrmacher, von wegen dass unser Hirn nicht mehr so ganz mitkommt mit dem Web-Gedöns. Vielleicht liegt es auch am Divide zwischen den Digital-Natives und -Immigrants. In diesem Moment stelle ich fest, dass Facebook von alleine angefangen hat, “Intelligente” Listen über mich und meine Online-Bekanntschaften anzulegen. Es bleibt unübersichtlich. Es wird Zeit, den Laptop zuzuklappen und eine Stunde durch den Wald zu rennen.

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