Der verhinderte Nannen-Diekmann-Vergleich

Manfred Bissinger hat mit “Lauter Widerworte” einen Sammelband mit seinen Texten veröffentlicht. Seltsam, dass bei einem einleitenden Interview ein Vergleich zwischen Stern-Gründer Henri Nannen und Bild-Chef Kai Diekmann offenbar entfernt wurde. ProSiebenSat.1 hat sich von Edmund Stoiber einen crazy Programm-Beirat mixen lassen, Franz Josef Wagner ist im Papst-Rausch und im Internet geistert Bernd Kundrun noch immer als G+J-Chef herum  

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“Lauter Widerworte” lautet der Titel eines noch recht frischen Buches, das Essays, Reportagen und Kommentare des Woche-Gründers und früheren Stern-Vizes Manfred Bissingers vereint. Statt eines Vorworts führt ein langes Interview in das Buch ein, das Roger Willemsen mit Bissinger geführt hat. Die Website Media Tribune hat das Interview leicht gekürzt vorab veröffentlichen dürfen. Allerdings ist die Lang-Fassung im Buch offenbar auch leicht gekürzt, und zwar um eine interessante Stelle, an der Bissinger den Stern-Gründer Henri Nannen mit Bild-Chef Kai Diekmann vergleicht. In dem Text, den Media Tribune online veröffentlicht hat, heißt es:

Willemsen: …und Henri Nannen war der heute vermeintlich ausgestorbene Typus des Instinkt-Chefredakteurs und Aufklärers, des Überzeugungs-Journalisten…

Bissinger: …er war der Begründer dieser Spezies. Heute lässt der Wettbewerb solche Charaktere nur noch selten zu. Auf dem Weg dahin ist vielleicht Kai Diekmann, der Chefredakteur von Bild. Er vereint die Eitelkeit, den Willen zum Auftritt und den journalistischen Instinkt, die zu so einem Täter-Typ gehören müssen. Diekmann agiert politisch allerdings eher rechts der Mitte, während Nannen links davon verortet war.

In dem gedruckten Buch wurde diese Passage verändert. Dort ist nun zu lesen:

Willemsen: …und Henri Nannen war der heute vermeintlich ausgestorbene Typus des Instinkt-Chefredakteurs und Aufklärers, des Überzeugungs-Journalisten…

Bissinger: Er war der Begründer dieser Spezies. Heute lässt der Wettbewerb solche Charaktere nur noch selten zu.

Ob Bissinger selbst oder sein Verlag Hoffmann und Campe lauter Widerworte gegen den Vergleich Nannen-Diekmann einlegte, wissen wir nicht. Besonders geschickt ist die nachträgliche Kürzung aber nicht.

Der  private TV-Konzern ProSiebenSat.1 hat seit dieser Woche auch einen Beirat. Das Gremium soll den TV-Konzern in gesellschafts- und medienpolitischen, sowie ethischen Fragen beraten. Den Vorsitz hat der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber. Der hat den Beirat laut Pressemitteilung auch persönlich zusammengestellt. Hui. Haben wir Edmund Stoiber da etwa unterschätzt? Folgende bunte Akademiker-Truppe hat Dr. Stoiber da zusammengetrommelt:

Minu Barati-Fischer, Produzentin und Autorin und nicht zuletzt Ehefrau von Ex-Außenminister Joschka Fischer, Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang A. Herrmann, Präsident der Technischen Universität München, Dr. Heike Kahl, Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, Prof. Dr. Dieter Kronzucker, Journalist für den früher zu P7S1 gehörenden Flugzeugträger-Dokukanal N24, Prof. Markus Lüpertz, Maler, Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Klaus Töpfer, Exekutivdirektor des Institute for Advanced Sustainability Studies e.V. und Bundesminister a.D. sowie, meine Lieblingspersonalie, Dr. Christine Theiss, Ärztin und Kickbox-Weltmeisterin, die bestimmt nur rein zufällig einen Vertrag mit Sat.1 für die Übertragung ihrer Kämpfe hat. Menschenskinder! Und diese Leute hat der Stoiber alle selbst ausgewählt. Was der für Leute kennt… *Zwinker, Zwinker*

Gleich dreimal hintereinander schrieb Franz Josef Wagner in dieser Woche seine berüchtigten Bild-Briefe an ein und dieselbe Person: natürlich den Papst. Seine Worte wurden dabei immer inniger und gefühlsduseliger. Am Freitag schrieb er: “Ich bin verliebt in Ihre Rede. Sie war wie ein Zauberhorn, philosophisch, poetisch. In Ihrer Rede kam das Weltall vor, der blaue Himmel.” Am Donnerstag formulierte er: “Sie sind für mich ein unbeirrbarer Uhrmacher, Sie sind für mich die Uhr zu Gott.” Am Mittwoch regte er sich auf: “Alle Wichtigtuer, Zeitgeistler, Talkshow-Idioten hauen auf dem Papst rum. Es ist so erbärmlich.” Wagner und der Papst – die haben such gesucht und gefunden. Was fasziniert das Boulevard-Fossil so sehr an dem katholischen Kirchenoberhaupt? Man will es vielleicht lieber gar nicht so genau wissen.

Das Internet vergisst nicht. Heißt es. Aber manchmal vergessen die Leute, die das Internetz bedienen auch nur, da was zu ändern. Und so geistern veraltete Personal-Seiten und Daten weiter durchs Web, während der von Wagner und Konsorten so gehasste Zeitgeistler schon längst in Siebenmeilenstiefeln vorangeschritten ist. Zwei aktuelle Beispiele: Bei Gruner + Jahr findet man immer noch die Seite, auf der ein gewisser Bernd Kundrun Vorstandschef ist. Der G+J-Boss heißt seit geraumer Zeit aber bekanntermaßen Bernd Buchholz. Die Gruners haben offenbar nur den Link zur Kundrun-Seite gekappt und nicht daran gedacht, dass die Internet-Allmacht Google auch noch in den hinterletzten Ecken des Webs rumstöbert (gefunden via den Twitterfeed von @CarolinN). Mit Recht überfordert sind auch die Leute, die sich um das Einstellen der ARD-Podcasts ins Internet kümmern. Die ARD hat ja für alle ihre Talkshows neue Sendeplätze gesucht und gefunden. Die Sendung vom "Talkshow-Idioten" (FJ Wagner) Frank Plasberg, “Hart aber fair”, rutschte von Mittwoch 21.45 Uhr auf Montag 21 Uhr. Am Anfang des immer gerne gehörten “Hart aber fair” Audio-Podcasts wird das auch brav so aufgesagt. Nur am Ende klappt s dann nicht. Nachdem der "zynische" (Wagner) Plasberg wieder mal auf den neuen Termin hingewiesen hat, sagt eine resolute Frauenstimme: “Hart aber fair” – immer mittwochs um 21.45 Uhr.
Schönes Wochenende!

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