Münsteraner „Tatort“ ohne Hand und Fuß

Entweder es regnet in Münster oder die Glocken läuten; wenn beides der Fall ist, ist Sonntag - so lautet ein Sprichwort. Doch ausgerechnet in einer derart trist charakterisierten Stadt spielt der gegenwärtig erfolgreichste "Tatort". Die am Sonntagabend gesendete Episode "Zwischen den Ohren" ist ein Film, der alle Stärken des skurrilen Ermittler-Duos ausspielt, aber auch andeutet, dass dieses seinen Zenit überschritten haben könnte. Der Krimi zitiert sich selbst und selbstverliebt, der Plot bleibt blass.

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Das Münster von Kommissar Frank Thiel und Gerichtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne ist ein Ort der Schrate, in dem neben flüchtigen Randfiguren die Hauptdarsteller nebst Kollegen ein abgeschottetes Dasein fristen, in dem sie sich kalauernd und aneinander vorbei parlierend der Lösung der Mordsache nähern wie ein Stammtisch dem letzten Bier vor der Sperrstunde. Der geckohafte Pathologe mit seiner monströsen Selbstverliebtheit karikiert sich fortgesetzt selbst, und es bleibt dem Kripo-Bärchen Thiel mit seiner FC St. Pauli-Schmusedecke vorbehalten, die Ermittlungen voranzutreiben und die Spannung zu erhalten.
Das funktioniert – noch -, weil Darsteller Axel Prahl ein außergewöhnlich guter Schauspieler ist. Und die Drehbuchschreiber haben gut daran getan, seine Rolle gegenüber der des vogeligen Sezierers aufzuwerten. Prahl ist das Pfund, mit dem der Münsteraner "Tatort" wuchern kann, ohne ihn wäre der ebenfalls hervorragende Schauspieler Jan-Josef Liefers zumindest in seiner Kriminalisten-Rolle hilflos und nicht imstande, den Film allein zu tragen. Seine Borniertheit ist Kult, aber handlungstechnisch eher ein Bremser.
So auch im am Sonntag ausgestrahlten Fall, den die Pressemappe mit diesen Sätzen anteasert: "Kommissar Frank Thiel freut sich auf einen spannenden Fußballabend, Prof. Karl-Friedrich Boerne feilt an seiner Dankesrede zur Verleihung des Wissenschaftspreises und Vater Thiel sucht beim Nachtangeln seine innere Mitte, als ein Fuß, der in einem Motorradstiefel steckt, für Aufregung sorgt." Schnell wird klar, dass Boerne das Opfer kannte (eine "Schulkameradin"), dass die Ermittlungen in einen Tennisclub, zu einer Rockergang und ins mentale und gesellschaftliche Minenfeld der geschlechtlichen Identitäten führen. Es ist also genug da, was einen spannenden Krimi hergeben würde, aber dann sind da ja noch die Hauptdarsteller, deren autarker Kosmos letztlich den Zauber des Münsteraner "Tatorts" ausmacht. Schade, dass beides nicht mehr wirklich gut zusammen passt.
Vieles ist dabei tatsächlich elegant, wie etwa der Running Gag des DFB-Pokalspiels St. Pauli gegen Bayern München, das Thiel die ganze Zeit sehen will, aber nicht kann. Oder einfallsreich, wie der Geschlechtertest per Pullover-Ausziehen. Vieles nervt, wie der unablässig Joint-rauchende Vater des Kripomanns, der Leichenteil und Leiche beim Angeln findet. Oder auch die endlos-sinnleeren Alkoholekzesse als Pausenfüller und Indizien der verklemmten Zuneigung der beiden Hauptakteure. Oder die Rockergang namens "Wotan Wolves": Was haben die noch mal wirklich mit dem Fall zu tun, fragt man sich am Ende. Ach ja, die sehen so schön böse aus und fahren dem Kommissar fast übers Mountainbike. Insider-Tipp: Diese Typen sehen Thiel und Boerne und wir demnächst wieder.
Es ist diese Form von Berechenbarkeit, die bei aller Brillianz der Dialoge und den guten Darstellern langsam aber sicher zum Problem des Münster-"Tatorts" werden dürfte. Und dann sind da auch einige handwerkliche Lieblosigkeiten wie beim Tennis der angeblichen Profi-Spielerin Nadine Petri, die so untalentiert auf die Bälle drischt, dass sie so nicht mal beim Klubturnier den Hauch einer Chance hätte.
Was den Münsteraner "Tatort" auszeichnet, ist oft und hinlänglich beschrieben worden. Was ihm fehlt, ist zunehmend die Fokussierung auf die Spannung und die intelligent erzählte Story statt nur auf Effekte und Dialoge. Als es um den angelnden Leichen-Detektor Thiel senior geht, sagt Alberich, die kleinwüchsige Assistentin des genialischen Pathologie-Professors, einen wirklich wahren Satz: "In ihren besten Jahren angeln die Männer in unserer Mitte, und wenn sie nicht mehr können, suchen sie ihre eigene." Die Schöpfer von Thiel und Boerne sollten dies ernstnehmen und die Mitte guter Krimi-Unterhaltung wiederfinden.

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