Warnung vor der “Zeitbombe Internet”

Publishing Die Wirtschaftsjournalisten Thomas Fischermann und Götz Hamann fordern ein neues Netz. In ihrem Buch Zeitbombe Internet beschreiben die Zeit-Journalisten, wie störanfällig die über das Internet miteinander verbundene Infrastruktur unserer Gesellschaft laut ihren Recherchen ist. Hackerangriffe auf Sony, Citigroup, die CIA und viele andere Organisationen mehr legten offen, wie löchrig die Schutzwälle seien, wie fragil das Netz insgesamt. Kritiker urteilen dagegen: Alarmismus pur.

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Fischermann und Hamann haben einen Abriss ihres 250seitigen Buches (hier geht es zur Website), für das sie mit einem Haufen Netzexperten im In- und Ausland gesprochen und das sie in einem gut lesbaren Reportagestil geschrieben haben, bereits in einem mehrseitigen Zeit-Artikel vom 8. September geliefert. Sie zitieren u.a. David D. Clark, MIT-Professor und Internet-"Gründervater", mit dem Satz: "Das Internet ist kaputt." Warum? Weil die Struktur des Netzes für die gewaltigen Aufgaben, sprich: Datenmengen, die es nun zu bewältigen hat, nie ausgelegt gewesen sei. Schlupflöcher für Spione und Kriminelle seien für Hacker schnell ausgemacht, schreiben die Autoren. Der gewöhnliche Netz-Nutzer sei, sofern er nur halbwegs naiv Online-Services wie Facebook oder Amazon nutze, vor kriminellen Aktionen nicht gefeit. Die könnten vom Identitätsdiebstahl bis hin zur illegalen Abbuchung vom Sparkonto führen. Onlinebanking, so raten die Autoren, solle jeder Verbraucher am Besten ganz bleiben lassen.

Sechs "Forderungen ans nächste Netz"

Die Autoren haben sechs "Forderungen ans nächste Netz" gestellt: 1. Anlagen und Einrichtungen wie Kraftwerke, Verkehrsleitsysteme, Krankenhauscomputer und Flughafenzentralen gehören nicht ans Netz oder brauchen viel höhere Sicherheitsstufen. Es sei denkbar, für solche Einrichtungen private Netze aufzubauen, die vom öffentlichen Internet getrennt funktionieren. 2. Gehen sensible Daten von Verbrauchern verloren, muss das Verursacherprinzip gestärkt werden. Sprich: Die Unternehmen, die fahrlässig mit den Daten ihrer Kunden umgehen, müssen zahlen – und diese vor allem über Datenverluste informieren. 3. Statt sich mit vollständigen Daten beispielsweise bei Online-Einkäufen ausweisen zu müssen, reicht es auch, sich bei vielen Transaktionen nur zu "authentifizieren". Die Unternehmen müssen nicht zwangsweise bei einem CD-Kauf mit einem gläsernen Kundenprofil beschenkt werden. 4. Daten sollen dort gespeichert werden, wo sie entstehen. 5. Die Politik muss handeln. 6. Neue Online-Dienste sollten einer Kontrollbehörde zur Prüfung vorgelegt werden, bevor sie freigeschaltet werden ("Crashtest").         

Fischermann und Hamann argumentieren, dass das Internet an der Mehrheit der Nutzer ausgerichtet werden müsse, nicht an der Minderheit der Nerds und Insider. Das ist Wasser auf die Mühlen von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, die das Buch gemeinsam mit den Autoren in Berlin vorstellte. Auch wenn sie selber nicht von einer "Zeitbombe" sprechen wolle, teile sie viele Bedenken und Argumente, sagte sie bei der Präsentation. Und ermunterte zur "Sparsamkeit mit eigenen Daten". Aigner sieht Deutschland als "technologischen Vorreiter" in Sachen Datenschutz. Dennoch, so die Ministerin: "Es muss ein freies Netz bleiben."

"Alarmismus", um Bücher zu verkaufen?

Bei der Vorstellung kritisierte Jens Best (der u.a. bei Google Street View verpixelte Häuser fotografierte, um sie frei zugänglich ins Netz zu stellen), das Buch als "Alarmismus", mit dem Bücher verkauft werden sollen. Es fehle die Trennschärfe. Mit einem Hammer könne man auch Menschen töten, und dennoch könne verteufele niemand das Werkzeug. Das Buch sei für ihn deshalb "kein Schritt in die Aufgeklärtheit". Warnungen wie die von Fischermann und Hamann führten nur noch zu mehr Regulierung. Best: "Wo bleibt der Anspruch an den Einzelnen?" Die Autoren sagen über sich, sie seien weder Technikfeinde noch Alarmisten. Hamann glaubt, dass in den USA ganz anders mit Bedenkenträgern des Internets umgegangen werde als in Deutschland: "Dort wird man nicht gleich automatisch zum Defätisten".

Doch in die Richtung geht die Netz-Debatte derweil, die über "Zeitbombe Internet" geführt wird. Der Referenztext der Kritiker des Buches ist der Blog-Eintrag "Geht´s auch eine Nummer kleiner?" von Markus Beckedahl, dem Gründer der Seite Netzpolitik.org und des Vereins Digitale Gesellschaft. "Es gibt Bücher, die will man nicht lesen", schreibt Beckedahl gleich zum Einstieg. Die Autoren hätten sich das Internet vorgenommen, oder besser: es versucht. Beckedahl, der selber auch kein Teenager mehr ist, schreibt im Duktus der angenommenen Überlegenheit: "Es ist überaus interessant, zu sehen, wie sich durch die Brille mittelalter Printredakteure dieses Internet so verhält." Die Botschaft ist schon im ersten Absatz klar: Die verstehen das Netz nicht, ich schon. 

Die Verteidigung des Netzes gegen seine Verächter? 

Schade eigentlich, denn Beckedahl hat ja oft tatsächlich etwas zu sagen. Aber seine Rezension setzt sich mit dem Buch nicht besonders ernsthaft auseinander. "Vieles ist nicht falsch", räumt er ein. Aber der Grundton stört ihn, der bereits von Best monierte Alarmismus: "Das Buch liest sich so, wie weite Teile der deutschen Medienlandschaft jahrelang auf das Internet reagiert haben: steile Thesen, krampfhafte Beschreibungen und etwas freudlos. Stattdessen alarmistisch und beschwörend. Eindeutig kein Kauftipp." So lässt sich zweifelsohne argumentieren. Doch die Unterfütterung des Urteils fällt zu knapp aus. Die von Fischermann und Hamann beschriebenen Fälle stimmen, die im Buch zitierten Bedenkenträger, die sich vermutlich schon etwas länger mit dem Netz beschäftigen als Beckedahl selber, sie lassen sich nicht wegdiskutieren. Allein: Die Schlussfolgerungen stimmen laut Beckedahl nicht, sind "freudlos". Wer hat gesagt, dass Journalisten Optimismus und gute Laune verbreiten sollen? Für einen Agendasetter wie Beckedahl ist diese Replik dünn.  

Die Kritik ist vermutlich auch Ausdruck einer Art Beschützerinstinkt. Eine Gruppe von Netz-Aktivisten glaubt, dass das Internet von Journalisten systematisch schlechtgeredet wird. Weil Journalisten das Netz suspekt finden. Weil es ihre bis vor einigen Jahren angenehme Arbeit turbobeschleunigt hat. Weil es ihre Artikel, die ihre Verlage kostenlos verbreiten, entwertet. Keine Frage: Buchtitel wie "Zeitbombe Internet" leisten dieser Sorge Vorschub. Doch die von Beckedahl geäußerte Kritik ist wenig konstruktiv. Es geht den Zeit-Autoren erklärtermaßen nicht darum, das Internet als solches schlechtzureden. Die Diskussion "Internet – gut oder böse" ist völlig überholt. Die unglaublichen Möglichkeiten des Netzes, unser Leben einfacher und kreativer, die Gesellschaft vielleicht ein Stück demokratischer zu machen, stehen im Buch überhaupt nicht zur Debatte oder gar zur Disposition.

Wie die Autoren und ihre Kritiker aneinander vorbei reden, zeigt sich auch an den Kommentaren unter dem Artikel von Beckedahl. Dort ist gleich von Zensur die Rede, von dem Versuch, die Meinungsvielfalt im Netz zu beschneiden. Was Fischermann und Hamann die Zuspitzung und Dramatisierung als Stilmittel, ist ihren Kritikern die Verdrehung des Anliegens des Buches. Es wäre viel gewonnen, wenn alle Beteiligten sowohl mit Alarmisieren wie Polemisieren Schluss machten und über die Sollbruchstellen des Netzes redeten. Und über die Schnittmengen, in denen aus Kontrahenten, die sich über die Deutungshoheit des Internets zanken, Gesprächspartner werden.    

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