Carol Bartz‘ absehbares Ende bei Yahoo

Der eher unschöne Abgang von Carol Bartz nach nur 2,5 Jahren wirft die Frage auf, was die frühere Autodesk-Managerin eigentlich falsch gemacht hat – immerhin stabilisierte die 63-Jährige das Kerngeschäft. Das war es jedoch schon: Wie schon zuvor Google musste Yahoo auch unter Bartz die neue Internet-Generation in Gestalt von Facebook an sich vorbeiziehen lassen. Interessante Kaufchancen, die zu Amtsantritt Anfang 2009 bezahlbar waren, wurden verpasst. Die Zukunft ist problematischer geworden.

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Der unschöne Abgang von Carol Bartz nach nur 2,5 Jahren wirft die Frage auf, was die frühere Autodesk-Managerin eigentlich falsch gemacht hat – immerhin stabilisierte die 63-Jährige das Kerngeschäft. Das war es jedoch schon: Wie schon zuvor Google musste Yahoo auch unter Bartz die neue Internet-Generation in Gestalt von Facebook an sich vorbeiziehen lassen. Interessante Kaufchancen, die zu Amtsantritt Anfang 2009 bezahlbar waren, wurden verpasst. Die Zukunft ist für den Nachfolger Tim Morse nun noch problematischer geworden.

Es ist nicht vorbei, bis es vorbei ist, besagt ein US-Sprichwort – bei Carol Bartz war es das allerdings schon, bevor sie im Januar 2009 den Vorstandsvorsitz übernommen hatte. Yahoo, der schillernde Star der Jahrtausendwende, sah ein Jahrzehnt später so alt aus wie ein 56K-Modem. Wie sollte die verdiente Autodesk-Managerin hier ernsthaft an alte Erfolgstage anknüpfen?

Immerhin: In den 2,5 Jahren unter ihrer Ägide haben sich die Zustände bei Yahoo nicht verschlimmert. Aber eben auch nicht grundlegend verbessert. Der zäh ausgehandelte Such-Deal mit Microsoft brachte Stabilität ins Kerngeschäft, die Gewinne zogen wieder marginal an – die Umsätze jedoch stagnierten oder entwickelten sich rückläufig.

Man muss kein Börsenexperte sein, um die Wurzel des Problems zu erkennen – ein Besuch auf Yahoo.com reicht. Wann war man eigentlich das letzte Mal auf dieser Webseite, die noch vor zehn, elf Jahren elementarer Grundbaustein eines jeden Internet-Besuchs war? Und was wollte man eigentlich hier?

Keine Frage: Yahoo hatte seine besten Tage längst hinter sich, als Bartz vom völlig entnervten Gründer Jerry Yang die Geschäfte übernahm, der Monate zuvor die Chance seines Lebens verpasst hatte – nämlich den heillos überbezahlten Verkauf an Microsoft. Unfassbare 45 Dollar je Aktie wollte Microsoft 2007 noch bieten. Heute notiert die Aktie bei weniger als 13 Dollar. Carol Bartz blieb nur die Schadensbegrenzung, doch selbst die ist kaum gelungen, wie die Aktienperformance beweist – Kursgewinne kann sie Aktionären erst mit ihrem Rücktritt bescheren. Aua.

Systematischer Niedergang: Von Google und Facebook links und rechts überholt

Dabei liegen die Ursachen des Niedergangs natürlich viel tiefer. Bereits durch Google wurde Yahoo Mitte des vergangenen Jahrzehnts größtenteils kaltgestellt. Im Kerngeschäft, der Internetsuche, konnte Yahoo einfach nicht mit dem technisch überlegenen Emporkömmling, in den sogar einst viele Venture-Millionen investiert wurden, mithalten. Damit ist die Geschichte des Niedergangs schon zu Dreivierteln erzählt.

Die Facebook-Generation indes ließ den Online-Dino so hoffnungslos antiquiert aussehen wie seine 63-jährige rabaukige Chefin, die Michael Arrington auf der Bühne schon mal ein "Fuck you" entgegenschleuderte – und macht ihn heute so gut wie überflüssig. Im Aufkommen dieser neuen Ära hätte Bartz‘ eine und einzige Chance bestanden – in der Akquise eines aufkommenden Social Media-Stars oder anderen Dot.com-Überfliegers.

Facebook zu übernehmen, war kaum mehr drin – diese Jahrhundertchance  versemmelte einst Hollywood-Mogul Terry Semel 2006, als der damalige Yahoo-Chef sein Angebot, das bei einer Milliarde Dollar gelegen hatte, noch mal nachverhandelte  und den verkaufswilligen Youngster Mark Zuckerberg vergraulte. Man stelle sich Yahoo mit Facebook heute vor – man würde sich mit Google ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den wertvollsten Internet-Konzern liefern.   

Doch auch Bartz hat ihre Chancen gehabt. Im Januar 2009, als sie den eher moralisch angeschlagenen Dot.com-Pionier übernahm, waren die Kräfteverhältnisse in der Internetbranche noch ganz andere: Facebook musste seinen inzwischen längst gefeuerten CFO zur Geldbeschaffung in die Wüste schicken, die Bewertung sank damals auf kolportierte 5 Milliarden Dollar. Der russische Investor Digital Sky kaufte zu. Warum nicht Yahoo?

Verpasste Chancen: Warum kaufte Bartz nicht zu?

Auch andere Shootingstars waren zu haben gewesen – Twitter erlebte gerade seinen Hudson-River-Moment und hätte sich im eisigen Crash-Winter 2009 einer schnellen Offerte über einige hundert Millionen wohl kaum entziehen können – wie einst Delicious, MavenNetworks oder Zimbra. Delicious, MavenNetworks oder Zimbra? Kennt heute keiner mehr.

Und was ist mit Groupon? Das Schnäppchenportal, das im Sommer noch 20 Milliarden Dollar wert gewesen sein soll, war im Januar 2009 zum Amtsantritt von Carol Bartz gerade mal zwei Monate alt. Auch hier hätten wohl Kleingeld aus Yahoos milliardenschweren Bargeld-Reserven gereicht, um neue Wachstumsfantasien zu entfachen. Chancen über Chancen – alle ausgelassen. Wie schon in Jahren zuvor unter Semel und Yang. Google, Facebook, YouTube, Doubleclick – die Liste ist lang.  

Der Rest folgt den gnadenlosen Gesetzen des Kapitalismus. Links und rechts zogen Internet-Unternehmen in der Erholung der Kapitalmärkte zwischen 2009 und 2011 an Yahoo vorbei: Der Suchgigant Baidu aus China. Oder das Online-Reisebüro Priceline. Selbst für die Börsendebütanten Yandex und LinkedIn ist eine Überrundung nach Börsenwert nicht mehr völlig illusorisch. Schon wieder 22 Prozent liegt die Yahoo-Aktie seit Januar hinten, während die Newcomer haussieren.  

Kreative Zerstörung 2.0: Yahoos Dienste braucht kaum einer mehr

Bartz‘ Nachfolger steht vor der wenig beneidenswerten Aufgabe, gegen die neuen Internetstars zu verteidigen, was zu verteidigen ist. Aber was eigentlich? Selbst ein Hoffnungsträger wie Flickr, 2005 als Web 2.0-Star in einem Zug mit Facebook genannt, hat sich überlebt. Warum sollte man seine Bilder – in zugegeben schöner Auflösung – beim einst führenden Fotosharing-Portal hochladen, wenn man die allerneusten Fotos vor allem mit seinen Freunden teilen möchte – und die sind nun mal auf Facebook. Und bald auf Google+.

Die großen Zeiten liegen schlicht hinter Yahoo. Im Gegensatz zu den beiden anderen Pionieren um die Jahrstausendwende,  Amazon und eBay, die seinerzeit viel weniger wert waren als das 100 Milliarden Dollar-Unternehmen Yahoo, das als zweites Internet-Startup nach AOL in den S&P 500 aufgenommen wurde, fehlen Yahoo einfach die bricks & mortar des Internetgeschäfts – die Waren, die eBay und Amazon zu soliden Größen gemacht haben.  

Yahoo indes scheint keiner mehr so richtig zu brauchen. Weder den einst beliebten Y! Messenger, wenn es Facebook und Skype und nun beides zusammen gibt, weder die Yahoo Mail, wenn es Googlemail gibt, weder das Portal, wenn Facebook und andere soziale Netzwerke alle wissenswerten News schon durch die Timelines jagen, weder Flickr, wenn Fotos auf Facebook im Sekundentakt gerauscht kommen – ja, nicht mal das einstige Liebhaberstück Yahoo Finance braucht heute noch ein Anleger, wenn er die Realtime-Kurse bei Google Finance bekommt.

Es gibt schlicht wenig, sehr wenig Argumente mehr für das Internet-Verzeichnis erster Stunde. Das ist ein bisschen traurig für den stets sympathischen Internet-Pionier, aber so sind sie, die Gesetze in der digitalen Wirtschaft: Kreative Zerstörung 2.0 – Marx reloaded.  

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