„Wir konnten nur dilettantisch vorgehen“

Der 11. September 2001 lief in der ARD ziemlich chaotisch ab: Während RTL längst auf Sendung war und über das brennende World Trade Center berichtete, lief im Ersten noch ein Tierfilm. Erst kurz vor 16 Uhr, eine Stunde nach dem verheerenden Attentat, ging man mit einer Sondersendung on air. "Ich setzte mich ins Studio und wusste nichts Genaues", sagt Ulrich Wickert, der durch die Sendung führte. Im MEEDIA-Interview erinnert sich "Mister Tagesthemen" an den Tag, der alles veränderte.

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Wie konnte es passieren, dass im Ersten noch ein Tierfilm lief, als die Flugzeuge in die Zwillingstürme gekracht waren und die private Konkurrenz längst live auf Sendung war?
Ich war morgens bereits für die Planung der "Tagesthemen" im Büro gewesen und für die Mittagspause nach Hause gefahren, weil ich nur im "Räuberzivil" unterwegs war. Ich stand gerade vor meinem Schrank und der unglaublich wichtigen Frage: Welchen Schlips ziehe ich heute an? Dann klingelte das Telefon und Jay Tuck, der damalige Chef vom Dienst der "Tagesthemen", sagte, dass ich schnell ins Büro kommen solle. Es sei ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen. Ich dachte in dem Moment, dass das ein Sportflugzeug gewesen sein muss und konnte mir gar nicht vorstellen, dass ein Passagierflugzeug von der Größe in einen Wolkenkratzer fliegen könnte. Das muss gegen 14.45 Uhr gewesen sein. Dann bin ich direkt ins Büro gefahren, das dauerte zehn Minuten. Ich erinnere mich noch ganz genau, dass ich die 15 Uhr-"Tagesschau" ziemlich ungenügend fand. Als die Sendung beendet war, begann ein Tierfilm. Derweil überlegten die Redaktion und der Chefredakteur, wie es weitergehen sollte.
Wieso hat die ARD nicht früher reagiert?
Das ging nicht, weil die Struktur der ARD damals der Redaktion von ARD-Aktuell nicht zugestanden hat, das Programm zu unterbrechen, wenn etwas ganz Wichtiges passiert. Das musste erst in der Programmdirektion in München entschieden werden. Dort wiederum wollte man das Programm nicht unterbrechen. So saßen wir da und fragten uns, was wir nun machen sollen. Gegen halb vier sagte Jay Tuck zu mir: "Uli, du gehst ins Studio und ich geh’ in die Regie. Wir senden jetzt einfach." Und so haben wir das gemacht. Wir waren damals überhaupt nicht auf solch ein Ereignis vorbereitet. Heute würde ich sagen, da konnten wir nur ziemlich dilettantisch vorgehen. Ich setzte mich ins Studio und wusste nichts Genaues. Das einzige, das uns zur Verfügung stand, waren die Bilder aus Amerika. So wuchs die Sendung, während wir sendeten. Der Moderator hatte keine Hilfsmittel, die ihn unterstützten: Es gab nur einen Tisch und ein Mikrofon.
Wie lief die Arbeit dann im Studio ab?
Immer wieder kam ein Redakteur ins Studio und legte Agenturmeldungen, die zum Teil angeleuchtet waren, auf meinen Tisch. Dann wurden Leute ins Studio geführt, die ich nicht kannte. Ich war die ganze Zeit auf Sendung, also musste ich immer in einem Moment, in dem ich nicht im Bild war, meinen Gesprächspartnern einen Zettel zuschieben: Wer sind Sie und was können Sie mir sagen? Das war auf der einen Seite das Chaotische, aber im Grunde ist das ziemlich normal bei jeder spontanen Live-Sendung. Man steht dabei vor der ganz entsetzlichen Fragen: Was machen wir jetzt gleich, welche Schalten stehen? Sie verhungern dann als Moderator, weil Sie irgendetwas sagen müssen. Das Schlimmste ist: Sie moderieren und übers Ohr kommt nur: "Kannst du noch zwei Minuten weiterreden?" Nein, man kann nicht zwei Minuten einfach weiterreden. Aber das sind die Dinge, mit denen man leben muss. Dann improvisiert man, fasst zusammen, schildert die Bilder.
Im Endeffekt wurden Sie für Ihre Moderation kritisiert: Sie hätten stets Zusammenfassungen geliefert, die im Widerspruch zu den Bildern gestanden hätten.
Das war ein bisschen anders. Ich bin für etwas kritisiert worden, das ich aber ganz bewusst gemacht habe und es noch heute für richtig halte und wieder machen würde. Ich habe eine ganze Reihe von außergewöhnlichen Situationen erlebt. Und ich habe daraus gelernt, dass man sehr vorsichtig sein muss, was man als Fakt verkauft. Man darf den Zuschauer nicht für dumm verkaufen, sondern muss ihn miterleben lassen, wie eine Nachricht entsteht. Am 11. September war es so, dass ich eine Meldung bekam, in der stand, dass zwei Flugzeuge noch vermisst würden. Nun waren ja alle Flugzeuge im amerikanischen Luftraum aufgefordert worden, zu landen. Das bedeutete ja zugleich, dass die Möglichkeit bestand, dass da noch zwei Maschinen waren, die ebenfalls als Waffe eingesetzt werden konnten. Ich habe dann ganz bewusst gesagt: "Ich bekomme hier eine Meldung von CNN, dass noch zwei Flugzeuge vermisst werden, aber das bedeutet nicht, dass sie tatsächlich vermisst werden. Das müssen wir jetzt weiterverfolgen." Und tatsächlich kam eine halbe Stunde später die Meldung, dass die Maschinen gelandet waren.
Sie haben damals gesagt, dass man für Live-Sendungen einen Filter bräuchte. Was meinen Sie damit?
Ich bin der Meinung, dass es sehr problematisch ist, solch dramatische Ereignisse live zu senden. Am 11. September konnte man nicht anders, keine Frage. Aber trotzdem war mir unwohl dabei, weil ich sah, wie Leute aus dem Fenster sprangen, und man weiß, was passiert, wenn sie unten ankommen. Allein die Vorstellung, dass plötzlich jemand die Bilder von denjenigen zeigt, die unten aufprallen, wäre entsetzlich. Bei einer Live-Übertragung kann so etwas schnell passieren. Es gibt ja die Berichte von Leuten, die vor Ort gewesen sind und erzählten, wie sie Körperteile haben rumliegen sehen. Gott sei Dank, sind diese Bilder nie gezeigt worden. Aber diese Angst hatte ich. Deswegen bin ich der Meinung, dass man mit so etwas sehr vorsichtig umgehen sollte. Da bin ich vielleicht etwas konservativ. Zum Beispiel hätte ich, wenn ich in der Situation gewesen wäre zu entscheiden, ob man über diesen Überfall auf die Schule in Beslan live berichten soll, gesagt: Nein, nicht live senden. Das hat mit uns selbst nichts zu tun, das ist weit weg. Das muss durch den journalistischen Filter aufgearbeitet werden.
Das bedeutet im Umkehrschluss: Je näher das Ereignis ist, desto eher ist eine Live-Berichterstattung notwendig?
Nein, wenn bei uns an den Schulen ein Amoklauf stattfindet, bin ich auch gegen Live-Berichterstattung.
Was hat die ARD aus der Berichterstattung vom 11. September gelernt?
Innerhalb der ARD wurden die Entscheidungsstrukturen überdacht. Es ist nun so, dass ARD-Aktuell selbst entscheiden kann, wann man das Programm unterbricht und wegen eines besonderen Ereignisses auf Sendung geht. Das ist eine ganz wesentliche Veränderung. Dann gab es redaktionelle Veränderungen. In den Moderationstisch ist ein Monitor eingebaut worden, auf dem man die Agenturmeldungen lesen kann. Dazu gibt es nun einen Drucker im Studio.
Im Interview mit dem Spiegel im Jahr 2006 haben Sie gesagt, dass man als Nachrichtenmann das Talent zum Verdrängen brauche, "sonst schläft man nachts schlecht". Haben Sie den 11. September verdrängt?
Nein, den habe ich nicht wirklich verdrängt. Ich habe mit dem Satz gemeint, dass man in solch einem Augenblick seine Gefühle zurückdrängen muss. Ein Journalist sollte sich in solch einem Moment hüten, die Nachricht auch noch zu emotionalisieren.
Ein schwieriges Unterfangen. Als der zweite Turm des World Trade Centers quasi live im Fernsehen einstürzte, waren auch Sie sprachlos.
Keinesfalls. Ich habe das ja direkt kommentiert. Als Moderator sah ich die Bilder zum gleichen Zeitpunkt wie der Zuschauer. Wenn Sie dann Ihre Gefühle in die Moderation einbringen, wühlen Sie den Zuschauer noch mehr auf, denn er ist sowieso schon so sehr erschrocken durch das, was er da sieht. Da sollte der Moderator meines Erachtens nach bei den nackten Fakten bleiben und nicht sagen, wie dramatisch oder was für eine Tragödie das ist, sondern nur schildern, was ist. Beispielsweise: "Jetzt stürzt auch der zweite Turm ein." Doch das zu emotionalisieren, halte ich für falsch.
Haben Sie den Tag in einer besonderen Art und Weise verarbeitet?
Wir haben ja nicht nur an diesem Tag darüber berichtet, sondern es gab 14 Tage lang Sondersendungen. Man hat ja nur in dem Bewusstsein der Dinge gelebt, die da passiert sind. Natürlich beschäftigt einen das dann – auch in den Träumen.
RTL-Anchorman Peter Kloeppel wurde für seine Moderation der Sondersendung zum 11. September mit dem Grimme-Award ausgezeichnet. Was hat er besser gemacht als Sie?
Ich weiß es nicht, ich konnte es ja nicht sehen und habe weder seine noch meine Sendung danach angeschaut. Und drüber geredet haben wir auch nie.
Was können private Nachrichtensendungen anderes leisten als öffentlich-rechtliche?
Es geht jetzt nicht ums Können, sondern ums Tun. Wenn Sie RTL sehen, dann sind Sie eigentlich nicht so informiert, als wenn Sie "Tagesschau" sehen. RTL hat eine andere Herangehensweise und setzt andere Themen. Nur ist die Frage: Welche Information wollen Sie haben? In den Nachrichtensendungen bei den Privaten ist es häufig so, dass sie das Bunte, das Aufregende, das Private bringen. Das ist ja nichts Neues.
Und damit gewinnen die Privaten immer mehr junge Zuschauer. Finden Sie das bedenklich?
Ach, wissen Sie, so sehe ich das nicht. Wenn Sie die Zahlen aus der Zuschauerforschung betrachten, sehen Sie, dass sich junge Menschen erst dann für politische Nachrichten interessieren, wenn sie arbeiten gehen oder Familie haben. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die gleich sagen, dass alles ganz schrecklich ist. Gucken Sie sich die "Tagesschau" an, die hat immer noch mehr junge Zuschauer als die privaten Nachrichtensendungen. Insofern sehe ich da keine Dramatik.
Was werden Sie am 11. September 2011 machen?
Ich habe eine Radiosendung auf NDR Kultur, "Wickerts Bücher". Für den Tag ist ein Gespräch mit Gerhard Schröder geplant. In seiner Biographie geht es auch um den 11. September. Er schreibt, dass er geweint hat, als er sah, dass die Menschen aus den Türmen springen. Er ist derjenige gewesen, der als Bundeskanzler die damals wichtigste Entscheidung getroffen hat: Wir ziehen nicht in den Irak-Krieg, weil die amerikanische Regierung ihre Verbündeten durch Lügen dazu bringen wollte, in den Krieg zu ziehen.
An was denken Sie als erstes zurück, wenn Sie an Ihre "Tagesthemen"-Zeit denken?
Wenn Sie so eine Sendung 15 Jahre lang gemacht haben, dann gibt es nichts, an was Sie als erstes denken. Es gibt viele Dinge, die ich damit verbinde. Das hängt ganz von der Situation ab: Das können komische Dinge sein, Pannen, schöne und nicht so schöne Situationen. Da ist der Mensch Gott sei Dank sehr milde mit sich selbst. Die negativen Dinge, die verdrängt er relativ schnell und die schönen Dinge, die behält er. Da ist der Mensch ja ganz gut konstruiert.

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