WAZ: Die Traditionalisten schlagen zurück

Petra Grotkamp will die Mehrheit an der WAZ-Gruppe für 500 Millionen Euro übernehmen. Das Angebot ist ein offensiver Schachzug in einem Spiel, das schon seit vielen Jahren läuft. Und es ist ein Eingeständnis: So, sagt Frau Grotkamp, geht es bei der WAZ zwischen den Gesellschaftern nicht mehr weiter. Überraschend ist: Die Traditionalisten greifen erstmals die Modernisten im Konzern nicht juristisch, sondern unternehmerisch an.

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Auf der Seite der Traditionalisten stehen vor allem Petra Grotkamp und ihr Ehemann Günther. Der leitete den Konzern lange Jahre gemeinsam mit seinem Co-Geschäftsführer Erich Schumann. Grotkamp und Schumann waren keine Freunde, standen sich politisch konträr gegenüber, und trotzdem lief der WAZ-Laden. Denn irgendwie hatten die beiden Manager es geschafft, in geschäftlichen Dingen an einem Strang zu ziehen.

Das Ehepaar Grotkamp pocht auf Einstimmigkeit

Schumann verstarb 2007, Grotkamp ist seit einigen Jahren kein operativer Geschäftsführer mehr. Manager von außen kamen und gingen auch wieder. Aus den Augen hat das Ehepaar Grotkamp den Konzern aber nie gelassen. So reichten die Grotkamps beispielsweise 2005 eine Klage gegen ihre Mitgesellschafter ein. Nach ihrer Meinung hätten rund 520 Millionen Euro, die WAZ-Gesellschafter mit dem Verkauf eines Anteils an der RTL-Gruppe erlöst hatten, zu einem Großteil nicht ausgeschüttet werden dürfen. In diesem Punkt mussten die Grotkamps allerdings eine Niederlage vor Gericht einstecken.

Nahezu alle Streitigkeiten im Funke-Familienstamm gehen darauf zurück, dass die Grotkamps innerhalb der Funke-Familien-Gesellschaft (FFG) auf Einstimmigkeit drängen. Das sogenannte Simultaneitätsprinzip verlangt nach ihrer Auslegung, dass die drei FFG-Gesellschafter – Petra Grotkamp, Renate Schubries und die Erben der vor wenigen Wochen verstorbenen Gisela Holthoff – sich in Entscheidungen immer einig sein müssen. Die Gesellschafter Schubries und Holthoff sollen aber mit einer einfachen Mehrheit zur Entscheidungsfindung zufrieden sein. In dieser Angelegenheit hat der Bundesgerichtshof zu entscheiden, welche Seite Recht bekommt.

Stephan Holthoff-Pförtner als treibende Kraft der Reformer 

Die treibende Kraft der "Modernisten" bei der FFG ist der Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner. Zwischen 2005 und 2010 war der Adoptivsohn von Gisela Holthoff, u.a. bekannt als Anwalt von Helmut Kohl, Sprecher der FFG. In dieser Zeit trieb Holthoff-Pförtner gemeinsam mit der Brost-Seite Reformen innerhalb des Konzerns voran. Zu Bodo Hombach, dem Geschäftsführer auf Brost-Seite, wird Pförtner ein gutes Verhältnis nachgesagt. Zugleich holte der Anwalt den Bild-Manager Christian Nienhaus von der Axel Springer AG zur WAZ und machte ihn zum Funke-Geschäftsführer. Mit der Besetzung waren offenbar auch die Grotkamps einverstanden. Keiner der Beteiligten konnte da vermutlich ahnen, dass das Duo Hombach – Nienhaus auf Dauer nicht recht zueinander passen würde. Statt sich zu ergänzen, machen sich die beiden Manager eher Konkurrenz.

Ende des "Gleichgewichts des Schreckens" steht bevor

Das Bemerkenswerte ist nun: Eigentlich sollte das "Gleichgewicht des Schreckens" zwischen den beiden Familienstämmen gewahrt bleiben. So sehen es die Gesellschafterverträge vor, so wollten es wohl die Verlagsgründer Erich Brost und Jakob Funke. Doch innerhalb der FFG bemühen sich zwei Parteien darum, das Gleichgewicht zu beenden und die Strukturen aufzubrechen.

Da gibt es zum einen den Plan, die WAZ-Mediengruppe umzubauen – beispielsweise in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien umzumodeln. Bereits 2004 scheiterte ein Vorhaben, das Unternehmen in diese Richtung zu bewegen oder gleich an die Börse zu bringen. Erich Schumann hatte einst mit einem Börsengang geliebäugelt, der ehemalige Funke-Geschäftsführer Lutz Glandt nannte das Haus vor zehn Jahren "absolut börsentauglich". Warum dieser Plan? "Die WAZ-Gruppe ist kein Konzern, sondern ein Konglomerat von Firmen", hatte WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus einmal in einem Interview gesagt. Doch mit diesem Konglomerat ist in der sich rapide verändernden Medienlandschaft kein Staat mehr zu machen. Schon lange fordern leitende Manager "eine Kultur des betriebswirtschaftlichen Zahlenwerks", wie es ein Insider ausdrückt.

Ein verhängnisvoller Vertrag

Der Fortgang dieser Pläne, unter anderem befürwortet von Stephan Holthoff-Pförtner, verlief nur schleppend. Auch ein geeigneter CFO, der neben Hombach und Nienhaus in der Geschäftsführung platziert werden sollte, ließ sich nicht auftreiben. In diese ohnehin schon leidlich verfahrene Sachlage platzte die Information, die das Manager Magazin Ende Juni verbreitete. Demnach hatte sich Pförtner, um seinen Bruder Frank Holthoff auszahlen zu können, 85 Millionen Euro geliehen – ausgerechnet bei Anneliese Brost. Die im September 2010 verstorbene Gesellschafterin hatte das Geld demnach zugesagt und dafür die Kooperationsbereitschaft von Pförtner zugesichert bekommen – und als Sicherheit eine Option auf 8,3 Prozent an der WAZ-Gruppe.

Die Konsequenz laut Manager Magazin: Die Grotkamps wollen Holthoff-Pförtner offenbar nicht mehr als Mitgesellschafter akzeptieren und prüfen angeblich eine Feststellungsklage. Die Verträge, die hinter dem Rücken der Gesellschafter Grotkamp und Schubries zwischen Holthoff-Pförtner und den Brosts abgeschlossen wurden, sollen gleichzeitig aufgelöst werden. Dies ist offenbar noch nicht geschehen.

Indes bereiteten die Grotkamps selber ihren Gegenzug vor: Für 500 Millionen Euro sollen die (noch minderjährigen) Enkel von Anneliese Brost ihre 50 Prozent an der WAZ-Gruppe verkaufen. Es gehe um "klare Gesellschafterstrukturen" und den Fortbestand als Familienunternehmen, teilte Grotkamp-Anwalt Andreas Urban mit. Die Enkel sind verkaufswillig, nun muss der Testmentsvollstrecker von Frau Brost entscheiden, ob der Deal über die Bühne gehen darf. Als Nachfolger an der Spitze eines von den Grotkamps mehrheitlich geführten Unternehmens stünde Niklas Jakob Wilcke, Enkel von Jakob Funke, schon in den Startlöchern. Auch der erfahrene Manager Nienhaus könnte eine tragende Rolle spielen. 

Laut Manager Magazin vom Juni bezifferte Anneliese Brost den Firmenwert der WAZ-Gruppe auf 1,5 Milliarden Euro. In der Grotkamp-Rechnung liegt der Preis bei nur einer Milliarde.

Ein formidabler Gegenzug

In diesem formidablen Gegenzug liegt die große Ironie der Firmengeschichte. Die Seite, die sich stets gegen eine aus ihrer Sicht nicht zielführende Reformierung des Unternehmens gesperrt und peinlich genau auf die Wahrung der Verhältnisse gepocht hatte, will dieses nun vor seinen Mitgesellschafter "schützen" – und ihrerseits die bisherige Struktur sprengen. Das ist wahrhaft meisterlich – aus Blockierern werden Befreier. Vielleicht jedenfalls. Fortsetzung folgt.

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