Die Selbstvergewisserungs-Maschine Bild

Die Maxi-Ausgabe der Bild zeigt vor allem eines – Größe wird überschätzt. Die nicht neue Marketing-Masche, eine Ausgabe besonders großformatig unters Volk zu bringen, schlägt bei dem Bild-Exempel ins Gegenteil um. Der Kosmos von Bild schrumpft zu einer Melange aus Hurra-Patriotismus und Nummernrevue: Bild wirft mit XXL nichts anderes als seine Selbstvergewisserungsmaschine an. Die Botschaft: Bild ist so deutsch wie die Deutschen, Bild ist Deutschland.

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Die Maxi-Ausgabe der Bild zeigt vor allem eines – Größe wird überschätzt. Die nicht neue Marketing-Masche, eine Ausgabe besonders großformatig unters Volk zu bringen, schlägt bei dem Bild-Exempel ins Gegenteil um. Der Kosmos von Bild schrumpft zu einer Melange aus Hurra-Patriotismus und Nummernrevue: Bild wirft mit XXL nichts anderes als seine Selbstvergewisserungsmaschine an. Die Botschaft: Bild ist so deutsch wie die Deutschen, Bild ist Deutschland. 

Die Kurzkritik in zwei Sätzen: Die Mega-Bild ist auch mega-langweilig. Sie gibt sich als Huldigung an große Deutsche und deutsche Marken (Werbekunden, hereinspaziert) und endet als Einschlafhilfe.

Warum? Titel-Model Katharina Witt stammt aus Ostdeutschland, war eine sehr gute Eiskunstläuferin, hat sich mal für den Playboy ausgezogen und darf für Bild noch mal die Ost-West-Brücke sein. Helmut Kohl, zu dem Bild-Chef Kai Diekmann ein enges Verhältnis pflegt, arbeitet in einem Interview weiter an dem Bild, das er von sich für die Nachwelt vorgesehen hat. Die Moderatoren Thomas Gottschalk und Günther Jauch plaudern zum x-ten Mal über ihre Freundschaft. 100 Deutsche – von Leni Riefenstahl über Dieter Bohlen bis zu Lena – werden kurz vorgestellt. Martin Winterkorn darf sagen, warum die deutsche Autoindustrie "vital und lebendig" ist. Die Leser-Reporter haben sich mit der Bild-Zeitung fotografiert. Schumi schreibt über "20 Vollgas-Jahre". Dirk Nowitzki macht einen Handstand und erzählt, dass er Übergrößen tragen muss. Und schließlich zeigt die Redaktion auch noch, warum sie Sylt, die Lieblingsinsel vieler Medienmacher, so toll findet. Einzig eine Seite "Ein Tag in Deutschland" mit vielen Momentaufnahmen eines einzigen Tages, lädt wirklich zum Lesen und Schauen ein. Das sind die XXL-Themen.

Überrascht? Kein bisschen. Die Inhalte sind so berechenbar wie der Geschmack von Coca-Cola oder eines BigMac. Genau das ist die Absicht der Macher. Denn die Vorhersehbarkeit des Produktes ist für seine Botschaft zwingend nötig.

Denn natürlich darf Bild selbst in dieser Aufzählung nicht fehlen. Die Gleichung der Bild-Macher lautet: Bild ist so deutsch wie die Deutschen, Bild ist Deutschland. Das stimmt natürlich nicht, auch wenn das Blatt selbstverständlich immer wieder mal den Nerv des sogenannten Volks erspürt. XXL ist so etwas wie die self fulfilling prophecy des Chefredakteurs Kai Diekmann: Wir müssen nur lange genug behaupten, dass wir die Deutschen medial repräsentieren, dann glauben nicht nur unsere eigenen Redakteure es, sondern auch noch die letzten paar Skeptiker. Die Verächter mögen sich aufregen, doch das ist uns eh schnurz.    

Fast habe ich auf der Doppelseite, die Bild mit 100 bekannten Deutschen gefüllt hat, gelesen: "Die Deutschen sind unsterblich". Die Buchstaben "s" und "e" sind im Haar von Kati Witt verschwunden. Denn tatsächlich steht da das Wort "Diese". Macht aber nichts, denn die Botschaft ist eigentlich dieselbe. In der Beschwörung der Größe des Landes und seiner Helden bastelt auch Bild sich ein Denkmal aus Papier. Kohl und Co. sind die Steigbügelhalter zur Selbstvergewisserung. Nicht zufällig lautet die letzte Frage an Kohl: "Was ist groß an Deutschland?" Und auch nicht zufällig ist neben dem Interview eine Meldung platziert: "Rekord! Deutsche haben 4,825 Billionen Vermögen".

Natürlich: Zu ernst nehmen sollte man die Masche der Bild, sich immer wieder neu als mediengewordenes Abbild der Republik zu inszenieren, auch nicht. Die XXL-Ausgabe ist nichts weiter als ein kleines Spielchen ihrer Macher. Und natürlich gehört Inszenierung zum Job aller Medienmacher auch dazu. Zeitungen müssen heute trompeten, um sich ihrer selbst zu vergewissern. Die Botschaft der gedruckten XXL-Bild lautet darum entsprechend: Mag die Auflage sinken – wir sind Deutschland. Tut tuuut.

Neben großer Langeweile gab es nur eine kleine Stelle, die ich an der Ausgabe letzten Endes richtig ärgerlich fand. Im Kommentar auf Seite 2 schreibt Bild-Vize Alfred Draxler: "Bild erhält aber auch die meisten Beschwerden beim Deutschen Presserat. Weil wir uns nicht scheuen, unsere Meinung zu sagen und – im Interesse unserer Leser – den Mächtigen auf die Füße zu treten." Dazu muss gesagt werden: Der Deutsche Presserat ist schwach und für die Bild-Macher in Wirklichkeit eine Witznummer. Dass Draxler nun aber so tut, als ob der Presserat eine Institution der "Mächtigen" sei, den diese bei unliebsamer Berichterstattung um Hilfe anrufen – das ist ziemlich grotesk. Fast habe ich geglaubt, bei meiner Lektüre das Lachen über diesen gelungenen Scherz aus dem Springer-Hochhaus hören zu können.

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