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Warum der Apple-Erfolg weitergeht

Der Tag X ist da: Apple muss künftig ohne Steve Jobs an der Spitze auskommen. Das mediale Echo hätte lauter kaum ausfallen können: Allzu schnell wird der perfekte Sturm heraufbeschworen, dem sich Apple nun ohne seinen visionären Konzerngründer ausgesetzt sieht. Aber hat der iPhone- und iPads-Herstellers seine größten Tage damit wirklich zwangsläufig hinter sich? Die Börse reagierte auf den Führungswechsel entspannt: Anders als erwartet verliert die Apple-Aktie kaum. Mit gutem Grund: Der Zeitpunkt der Stabübergabe ist fast ideal.

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Der Tag X ist da: Apple muss künftig ohne Steve Jobs an der Spitze auskommen. Das mediale Echo hätte lauter kaum ausfallen können: Allzu schnell wird der perfekte Sturm heraufbeschworen, dem sich Apple nun ohne seinen visionären Konzerngründer ausgesetzt sieht. Aber hat der iPhone- und iPads-Herstellers seine größten Tage damit wirklich zwangsläufig hinter sich? Die Börse reagierte auf den Führungswechsel entspannt: Anders als erwartet verliert die Apple-Aktie kaum. Mit gutem Grund: Der Zeitpunkt der Stabübergabe ist fast ideal. 

Das Urteil war gefällt, lange bevor die Stunde Null angebrochen war: Apple ohne Steve Jobs – das musste ein Blutbad geben, hatten Markbeobachter und Apple-Experten das Schreckenszenario Jahr für Jahr gebetsmühlenartig wiederholt.  Als das Undenkbare schließlich eintrat, blieb dass Desaster indes aus. An einem schwachen Handelstag, an dem Nasdaq und Dow Jones fast zwei Prozent an Wert einbüßten, gab die Apple-Aktie gerade einmal 0,65 Prozent nach.

"Vor zwei Jahren wären es 25 Prozent gewesen", twitterte  der frühere Internetaktienanalyst Henry Blodget und meint damit die Zeit vor der vorletzten Auszeit im Januar 2009, als sich Steve Jobs einer Lebenstransplantation unterziehen musste. Geschadet hat dem Unternehmen Apple die phasenweise Abwesenheit ihres Gründers offenkundig kaum: Jedes neue iPhone-Modell wurde zum Homerun, das iPad übertraf alle Erwartungen.  

Apple kann bis heute Quartal für Quartal so beeindruckende Geschäftszahlen vorlegen, wie man sie sich in diesen Dimensionen kaum vorstellen kann. Eine Umsatzsteigerung um 90 Prozent oder 13 Milliarden Dollar, eine Gewinnsteigerung von mehr als 4 Milliarden Dollar oder 140 Prozent wie im letzten Dreimonatszeitraum? Das ist schier nicht von dieser Welt.

Schwächelnde Aktie: Steve Jobs-Premium wurde zum Steve Jobs-Discount

Und doch zeigte die Aktie in der Vergangenheit ziemlich große Bodenhaftung: In einem Geschäftsjahr, in dem alles, aber auch alles gelingt und sich der Gewinn mehr als verdoppelt, fällt nur ein Kursplus von 16 Prozent an? Und das, obwohl Analysten von Ost- zur Westküste der USA mit Kurszielen von mindestens 500 Dollar nur so wedeln? Da kann etwas nicht stimmen.

Was, offenbarte der gestrige Tag, der, wie Henry Blodget richtig anmerkt, normalerweise hätte zum Schlachtfest werden müssen. Das Debakel aber blieb aus, weil Aktionäre in den vergangenen Monaten dafür längst den Preis gezahlt haben. In anderen Worten: Weil der Worstcase eines Jobs-Abschieds nach und nach eingepreist wurde. Die Apple-Aktie 2011 stieg kaum, weil die Zukunftssorgen überwogen. Das Steve Jobs-Premium hatte sich in ein Steve Jobs-Discount verwandelt.

Die Apple-Aktie wechselt gegenwärtig mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 13 den Besitzer. Den riesigen Bargeld-Anteil von 81 Milliarden Dollar herausgerechnet sind, liegt das KGV gar nur bei 10 – das ist ein üppiger Abschlag zum Marktdurchschnitt des S&P-500-Index. So billig war die Apple-Aktie in den 14 Jahren unter Jobs nie.

Nun ist der Tag X da – und die Aktie performt sogar besser als Markt. Kein Plus zwar, aber eine auf den ersten Blick bemerkenswerte Reaktion für das eigentlich schlimmstmögliche Apple-Ereignis. "Die Aktienmärkte hassen Ungewissheit", lautet eine der großen Börsenweisheiten, die auch und gerade für eigentlich schlechte Nachrichten gelten. Denn die ist nun raus.   

Starkes Timing: Führungswechsel vor saisonaler starker Zeit

Und so kommt es, dass der neue starke Mann bei Apple, der eigentlich eine Herkulesaufgabe zu bewältigen hat, eine weitaus dankbarere Ausgangslage vorfindet, als Kommentatoren das gestern vielfach sehen wollten.  Schon die Bekanntgabe ist klassisches Apple-Timing: Die Bombe wurde nicht mit der letzten Bilanz gezündet, die dann die enorm starken Quartalszahlen überschattet hätte, sondern in den Wochen danach – in der saisonal handlungsärmsten Zeit des Jahres. 

Mehr noch: Der CEO-Wechsel wurde  mutmaßlich wenige Tage vor der Einladung zum nächsten großen Apple-Event verkündet – der Vorstellung des neuen iPhones, das Tim Cook einen Einstand mit Rückenwind bereiten dürfte. Und dann steht direkt das saisonal stärkste Quartal bevor, in dem Apple mit der bestehenden Produktlinie alles abräumen dürfte. Egal, was der ehemalige IBM-Manager anstellt – er kann den Einstand als CEO gar nicht vermasseln.

Microsoft und Google beweisen: Marktführer schwer zu schlagen

Auch das kommende Jahr unter Cooks Ägide ist weit weniger kritisch, als es Tech-Kommentatoren beschwören wollen. Es stimmt so nicht, dass Apple "nach Steve Jobs‘ Abgang eine großartige, neue Idee braucht, um seinen Vorsprung zu halten", wie SPIEGEL Online orakelt. Apples Vorsprung vor jedem Verfolger aus der Technologiebranche ist – rein ökonomisch betrachtet – derzeit gigantisch. Das iPhone und das iPad befinden sich zudem in noch relativ jungen Lebenszyklen, die zumindest für zwei, drei Folge-Generationen ohne riskante Veränderungen gut sein dürften.

Eine der größten Fehleinschätzungen der Technologiebranche liegt schließlich darin, die Langelebigkeit von bestehenden Trends zu unterschätzen. Auch in der vermeintlich schnelllebigen IT-und Internet-Branche halten sich Marktführer, so sie denn einmal ihre Position gefestigt haben, länger an der Spitze als gerne angenommen. Microsoft ist mit seiner Windows-Dominanz, die seit mehr als zwei Jahrzehnten besteht, ein solches Beispiel – Google mit seinem Suchgeschäft, das über seit über einer Dekade nach Belieben dominiert wird, ein anderes.

Selbst wenn Android mit seinem mobilen Betriebssystem einen immer größeren Marktanteil erlangen sollte – die Milliarden im Smartphone-Markt verdient Apple mit Erfolgsmodell aus Soft- UND Hardware, das Google nun nach Jahren mit der Motorola-Übernahme sogar zu kopieren versucht. Um Apples beherrschende Position zu gefährden, müsste das Management-Team um Tim Cook die Generationen 6 oder 7 aber dermaßen gegen die Wand fahren, um für ein schnelles Ende des Momentums zu sorgen, zu hoch ist die Kundenzufriedenheit von iPhone-Nutzern und zu dominant die Marktposition des iPhones als gegenwärtig meistverkauftes Smartphone der Welt.  

"Apples Momentum in den nächsten fünf Jahren ist sicher"

Dass sich Apple zudem plötzlich auf den Lorbeeren ausruht und keine neuen Produkte in den nächsten Jahren auf den Markt bringt, erscheint nicht gerade wahrscheinlich. Längst gilt ein Apple-Fernseher unter Analysten als das nächste Milliarden-Geschäft.  

Keine Frage: Wie alle Königreiche wird auch Apples iWelt nicht ewig galten. Irgendwann wird es neue, wendigere Konkurrenten geben, die Märkte revolutionieren, wie es Apple seit den späten 90er Jahre tut, irgendwann wird auch Apples Wachstumsdynamik erlahmen und die Strahlkraft des leuchtenden Apfels nachlassen. 

Aber dieser Augenblick ist weder heute gekommen, noch erscheint er für 2012 oder 2013 absehbar. "Apples Momentum in der mobilen Tech-Revolution ist zumindest in den nächsten fünf Jahren sicher", legt sich etwa der Vermögensverwalter Jason Schwartz fest, der für die Aktie ein Kursziel von 1000 Dollar in den nächsten zwei bis drei Jahren sieht.

Tim Cook: "das Genie hinter Jobs"

Natürlich wird das lineare Fortschreiben des Erfolges kein Selbstläufer für Tim Cook, der auf dem Gipfel des Apple-Erfolges unter dem überlebensgroßen Schatten des größten Managers der vergangenen Jahrzehnte sein Amt antritt.

Was aber dabei gerne vergessen wird: Tim Cook ist alles andere als ein Rookie, der eilig ins Unternehmen geholt wurde, um die Lücke zu schließen, die Steve Jobs durch sein Ausscheiden gerissen hätte. Cook ist, obwohl vergleichsweise uncharismatisch, für Apple-Kenner längst als "das Genie hinter Jobs" (Fortune Magazine) bekannt, der seit Jahren das operative Business schmeißt und den der visionäre Apple-Gründer systematisch auf seine kommende Aufgabe vorbereitet hat.
 
Jobs 2008 zur seiner Nachfolge: "Keine Party, aber wir haben sehr fähige Leute bei Apple"

Die nun neue Situation kommt schließlich alles anderes als unerwartet. 2004 sprang Cook erstmals für zwei Monate als Interims-CEO ein, als sich Jobs im Zuge seiner Bauchspeicheldrüsen-Krebserkrankung einer Operation unterziehen musste. 2009 leitete der passionierte Marathonläufer erneut die Geschicke Apples, als sich Jobs wegen seiner Lebertransplantation für ein halbes Jahr aus dem operativen Geschäft verabschiedete. Seit Januar dieses Jahres läuft der Rollenwechsel zum schon zum dritten Mal – dieses Mal mit endgültiger Stabübergabe.

In einem sehr raren Interview hat Steve Jobs dem Fortune Magazin im Frühjahr 2008 einen Einblick in die Planspiele gegeben, die im Falle eines Falles greifen würden: "Einige Leute sagen immer, wenn ich vom Bus überfahren werde, wäre Apple in Schwierigkeiten. Es wäre sicher keine Party, aber wir haben sehr fähige Leute bei Apple. Ich habe Tim Cook die Mac-Division gegeben, und er hat sich brilliant geschlagen. Meine Aufgabe ist es, dass gesamte Führungsteam so gut zu machen, dass sie meine Nachfolger sein könnten", erklärte Jobs seinerzeit.

Dieser Tag ist jetzt gekommen. Tim Cook hat gestern in einer Email an die Apple-Belegschaft klar gemacht,  dass er den eingeschlagenen Weg 1:1 fortsetzen wird. Natürlich wird Apple damit, ob es Cook will oder nicht, zu einem anderen Unternehmen werden. Apple war immer Steve Jobs. Aber kein anders Unternehmen ist besser auf diesen Aufbruch in eine neue Ära vorbereitet. Veränderung bedeutet schließlich nicht zwangsläufig sofortiger Niedergang.

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