Ende einer Titel-Schein-Schwangerschaft

Google kauft Motorolas Handy-Sparte für erkleckliche 12,5 Milliarden Dollar, und die deutsche Presse jubelte. Aber nur für kurze Zeit, dann wusste man wieder alles besser. FAS-Medienredakteur Harald Staun deckte ganz fiese journalistische Methoden auf, die aber dummerweise niemand anwendet. Die Zeitschrift Wanderlust hat ein bisschen zuviel PR-Lust entwickelt, und die aktuelle schlagzeilt mal wieder über Schweden-Prinzessin Victoria und ihre Schwangerschaft. Nur diesmal stimmt’s ausnahmsweise.

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Die Nachricht vom Anfang der Woche, dass Google für über 12 Milliarden Dollar die Handysparte von Motorola übernimmt, war wieder einmal ein Beleg für den Herdentrieb-Reflex der Medien. Die erste Reaktion vieler Kommentatoren war spontaner Applaus. Spiegel Online jubilierte, Google werde nun zum “Alleskönner-Konzern”. Die Süddeutsche analysierte, dass Google nun “die Idylle der Steve-Jobs-Übermacht” empfindlich stören könne. Sogar das Werbe- und Marketing-Fachmedium Horizont fand in aller Eile ganze vier Gründe, warum der Mega-Deal einfach mega-erfolgreich sein muss und war sich sogar nicht zu schade, die olle Kamelle vom “Mobile Trend” in der Instant-Analyse ganz nach vorne zu packen. Kurze Zeit später war klar, dass der Deal so supertoll dann doch nicht aussah. Aktienmärkte schickten die Google-Aktie auf Talfahrt, Rating-Agenturen senkten den Daumen, und US-Medien veröffentlichten kritische Berichte. Jetzt war auch in hiesigen Medien plötzlich alles wieder ganz kritisch. Man las von dem “hochriskanten Deal” und erfuhr, warum Motorola eigentlich eine Verlierer-Firma ist. Getreu dem Motto: Was stört mich mein Geschwätz von gestern?

Einen seltsamen Artikel gab es in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Medienredakteur Harald Staun räsonierte in dem langen Text “Journalismus von oben” über “elektronische Spione” und deren möglichen Einsatz durch Paparazzi und Journalisten. Gemeint sind Mini-Drohnen wie der AR Parrot, eine Art High-Tech-Spielzeug, bei dem sich ein Mini-Quadkopter mit Hilfe von iPhone oder iPad fernsteuern lässt. Dass sich die Parrot-Drohne, die ganz offiziell als Spielzeug verkauft wird, für Spionage-Flüge denkbar wenig eignet, weil der Akku nur ein paar Minuten durchhält und die Reichweite auf ein paar hundert Meter beschränkt ist, wird in dem Artikel zwar erwähnt, das hindert den Autoren aber nicht daran, seiner Fantasie weiter freien Flug zu lassen. Es gebe da ja auch noch “professionellere Systeme”, Polizisten würden in sechs Bundesländern schon mit Minikoptern “spielen”, angesichts der “Geschwindigkeit der technischen Entwicklung” werde die Überwachung aus der Luft nicht mehr lange ein staatliches Privileg bleiben. Dabei beschäftigt sich noch nicht einmal die böse Bild-Zeitung nicht mit Mini-Drohnen, wie Staun auf Nachfrage herausfand. Es gab noch keine dokumentierten Fälle, bei denen die Dinger von Journalisten oder Paparazzi eingesetzt wurden. Darüber staunt der Autor selbst am meisten: “Dass trotz dieser reizvollen Voraussetzungen noch immer keine Mikrokopter über dem Haus von Dieter Bohlen gesichtet wurden, ist einigermaßen verwunderlich.” Wie man über ein solches Nicht-Thema so viele Zeilen verlieren kann, das ist allerdings auch einigermaßen verwunderlich.

Diese Woche kam mir mal wieder so ein “Lust”-Magazin in die Hände: Wanderlust. Das Heft für 4,90 Euro aus der Brinkmann Henrich Medien GmbH ist sogar nicht mal schlecht gemacht und die Idee, ein Magazin zur Trend–Freizeitaktivität Wandern abseits von Hardcore-Trekking-Touren und Extrem-Klettereien zu machen, ist grundsätzlich begrüßenswert. Sauer aufgestoßen ist bei der Lektüre aber mal wieder die konsequente und penetrante Vermischung von Redaktion und PR. Das Heft wimmelt geradezu vor Advertorials und Anzeigen in redaktioneller Anmutung. Man muss schon aufpassen wie ein Luchs im Bayerischen Wald, wenn man sichergehen will, dass man beim Lesen nicht in eine PR-Falle tappt. Und dass bei Stücken wie dem Special über Klettersteige wirklich jedes Foto und jedes abgebildete Ausrüstungsteil von ein und demselben Hersteller stammt (Salewa) hat auch ein Gschmäckle. Sowas macht einen eigentlich positiven Gesamteindruck ganz schnell wieder kaputt. Schade.

Schwedens Kronprinzessin Victoria ist schwanger. Endlich! Ein Aufatmen dürfte durch die Redaktion der aktuellen gegangen sein. Immerhin schreibt die People-Zeitschrift aus dem WAZ-Konzern die Schwangerschaft der Schweden-Prinzessin seit zig Ausgaben mit unermüdlicher Ausdauer herbei. Die aktuelle titelte bereits vor Wochen u.a. “Victoria strahlt – unserem Baby geht es gut”, “Victoria & Daniel – was für ein Baby-Trubel”, “Victoria! Ja! Ein Junge!”, “Victoria & Daniel Auszeit fürs Baby!” Und so weiter und so fort. Aber natürlich war Victoria von Schweden noch bei keiner dieser “prophetischen” Schlagzeilen schwanger. Würde die Leserin tatsächlich für bare Münze nehmen, was die aktuelle jede Woche so schreibt, so könnte sie die aktuelle mit der üblichen Schlagzeile "Jaaa! Ich bin schwanger!" gelangweilt zur Seite legen – steht ja eh nix Neues drin.

Schönes Wochenende!

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