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Motorola: Googles Zeichen der Schwäche

Es ist nicht weniger als eine der größten Übernahmen in der Technologiebranche seit Jahren: Google kündigt an, für 12,5 Milliarden Dollar die Mobilfunksparte von Motorola übernehmen zu wollen. Die Reaktion der Wall Street folgte prompt: Die Google-Aktie geriet schon vorbörslich unter Druck und konnte sich auch an einem starken Handelstag nicht erholen. Warum? Der Mega-Deal erscheint gleich unter mehreren Aspekten als sehr riskant. MEEDIA nennt die fünf größten Fragezeichen.

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Es ist nicht weniger als eine größte Übernahmen in der Technologiebranche seit Jahren: Google kündigt an, für 12,5 Milliarden Dollar die Mobilfunksparte von Motorola übernehmen zu wollen. Die Reaktion der Wall Street folgte prompt: Die Google-Aktie geriet schon vorbörslich unter Druck und konnte sich auch an einem starken Handelstag nicht erholen. Warum? Der Mega-Deal erscheint gleich unter mehreren Aspekten als sehr riskant. MEEDIA nennt die fünf größten Fragezeichen.

Motorola also wird Teil der Google-Familie. Hätte ein Tech-Blog noch vorgestern über ein solches Akquisitionsziel spekuliert, die Rede vom viel zitierten Sommerloch wäre aufgekommen. Nicht der koreanische Shootingstar HTC, der mit Android-Geräten Erfolge hat wie kein Zweiter feiert, ist das Übernahmeziel – nicht Samsung, nicht Nokia oder wenigstens RIM, sondern Motorola.

Das klingt sehr nach Trostpreis. Motorola, das war der Erfinder des ersten mobilen Telefons und in der vergangenen Dekade ein wackerer Konkurrent zu Nokias Übermacht, einst sogar die Nummer zwei der Mobilfunkwelt. Das war in den Zeiten des Razr, des Kult-Klapphandys, das sich seinerzeit besser verkaufte als jedes andere mobile Telefon. Heute ist vom Glamour vergangener Tage nur noch das gelegentliche Product Placement in der TV-Serie "Californication" übrig – aber Serienstar David Duchovny fährt dort auch einen Porsche Carerra aus den 90er-Jahren und tippt auf einer Schreibmaschine.

Anleger senken den Daumen

So antiquiert kommt manchem nun auch die Motorola-Übernahme durch Google vor. Sicher: Nach schrecklichen Jahren zwischen brutaler Restrukturierung und der daraus resultierenden Konzernaufspaltung hat sich Motorola mit der konsequenten Android-Nutzung besser aufgestellt als noch vor Jahren – auch ein Android-Tablet wurde in den Markt gedrückt. Aber ist Motorola, das nicht mehr zu den ersten Fünf der Handywelt gehört, wirklich der Traumpartner für Google?

Anleger senken klar den Daumen. An einem Handelstag, an dem die US-Technologiebörse Nasdaq fast zwei Prozent zulegte, verlor Google mehr als ein Prozent an Wert. Das ist kein Drama, aber eben auch alles andere als ein Vertrauensbeweis . Dabei kann Google seine neue Mobilfunktochter bei Bargeld-Reserven von über 40 Milliarden Dollar problemlos bezahlen. Worin liegen also die Probleme des Deals?

1.) Defensiver Schachzug

Wer die Presskonferenz zur Verkündung des Deals gesehen hat, weiß: Es war keine PR-Veranstaltung mit Pauken und Trompeten, die besonders viel Aufbruchstimmung versprüht hätte. Es gehe Google darum, seine Android Plattform "zu verteidigen", erklärte CEO Larry Page.

Wie bitte – "verteidigen"? "Es ist ziemlich sicher zu sagen, dass Aktionäre und Partner vor sechs Monaten nicht wussten, dass Google 13 Milliarden ausgeben muss, um Android zu verteidigen", erklärt der frühere Star-Internetaktien-Analyst Henry Blodget auf seinem Tech-Portal "Alley Insider" die Problematik.  

Google erklärte den Reiz der Übernahme u.a. mit den vielen Smartphone-Patenten, die man mit der Übernahme erworben habe – tatsächlich sind es bis zu 17.000, die der Internetplatzhirsch in der klagesüchtigen Mobilfunk-Branche gut gebrauchen kann. Dringend nötig geworden war der Schritt allerdings erst, da der wertvollste Internetkonzern der Welt vor zwei Monaten nicht bei der Versteigerung von Patenten aus der Rest-Masse des früheren Telekom-Giganten Nortel zum Zuge gekommen war.

Google war also in der Defensive und musste den Motorola-Deal vor allem aus patentrechtlichen Gründen durchziehen – und dafür einen ziemlich hohen Preis bezahlen. Die 12,5 Milliarden Dollar stürzen Google in keine Verzweiflung – die Summe beträgt etwa ein Viertel der Barreserven oder den Gewinn des nächsten Geschäftsjahres. Aber Peanuts sind das auch nicht, selbst nicht für Google.  "Dieser Zukauf ist ein Zeichen der Schwäche", fällt das Urteil des beachteten Wall Street-Experten James Cramer (CNBC) vernichtend aus: "Sorry, ich verstehe das einfach nicht."

2.) Vergraulte Partner

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Andere Preise, die Google durch den Deal zahlen muss, könnte indes noch höher ausfallen. Was ist mit Motorolas Konkurrenten HTC, Samsung oder LG, die Android bisher euphorisch zum mobilen Betriebssystem erhoben und so zur schnellen Verbreitung beigetragen haben?

Wird etwa Googles Lieblingspartner HTC, der das erste Android-Gerät hergestellt hat, an der Seitenlinie stehen und Beifall klatschen, wenn Google sein Betriebssystem nun zunächst einmal für den eigenen Gebrauch optimieren dürfte? Das scheint nur schwer vorstellbar. Denkbar ist vielmehr, dass die losen Android-Allianz schneller brüchig werden könnte, als bislang gedacht.

3.) Eine andere Firmenkultur
 

Viel kritischer als der vage Blick in Kristallkugel von Geschäftsbeziehungen ist ein neues Faktum, dass sich Google nach Mountain View geholt hat – nämlich 19.000 neue Googler. Bei einer Unternehmensgröße von 29.000 Mitarbeitern ist dieser Riesenzuwachs nicht weniger als eine Zäsur.

Ob Google will oder nicht: Mit dem 15. August fängt eine neue Zeitrechnung für den einstigen Überfliege an – Google ist endgültig erwachsen geworden und hat einen 80 Jahre alten Tech-Pionier aufgekauft. Wie gut die Belegschaft allerdings zu den einst so hippen Googlern passt, die ein Fünftel ihrer Arbeitszeit für eigene Projekte verwenden können, auf die immer ein frischer Energy Drink oder Schokoriegel im Kühlschrank wartet und die bisher nur den Weg nach oben kannten,  ist eine andere Frage. Auf einen Schlag ist Google groß geworden  – sehr groß. Vielleicht aber eben auch: zu groß.  
 
4.) Handys – ein fremdes Terrain

Und mehr noch: Seit gestern ist Google ein integrierter Technologie-Konzern. Nicht mehr der Suchmaschinen-Riese, der lange Zeit als One-Trick-Pony mit Versuchslabor verschrien wurde, sondern ein Krieger auf vielen Kriegsschauplätzen. "Motorola-Kauf macht Google zum Alleskönner-Konzern", lässt sich das sonst notorisch kritische Spiegel Online zur Jubel-Headline verleiten.

Etwas mehr kritische Distanz wäre angemessen gewesen: "Was halten Anleger davon, dass Google ein völlig fremdes Terrain betritt", fragt sich Henry Blodget in seinem viel beachteten Beitrag "Die Wahrheit über den Google-Motorola-Deal: Es könnte im Desaster enden"? "Anleger hassen den Deal. Die Aktie wird abgewatscht."

Warum, ist schnell klar: "Hardware-Verkäufe sind ein brutales Business", erklärt Blodget. Und die unendlichen Geschichten von Aufstieg und Fall im margenschwachen Handy-Endgerätemarkt geben ihm recht:  Siemens Mobile? Ericsson? Nokia? Research in Motion? Keine Erfolgsgeschichte hat eine Garantie auf Fortbestand. Alle großen Endgeräte-Hersteller Player eint ein Ziel – sie wollen so sein wie Apple. Nun will das auch noch Google – jener Konzern, der immer so minimalistisch seinen eignen Weg ging. Dies könnte sich als das größte Problem erweisen.  

5.) Ritterschlag für Apple

Denn wie kein Tech-Medium gestern zu erwähnen versäumte, zielt Google mit seinem Motorola-Zukauf direkt auf Apple. Oder? Zumindest spricht Google dem vergangenen Woche zeitweise wertvollsten Konzern der Wert seine größtmögliche Huldigung aus: Nach all den Jahren des Minimalismus, den Handy-Krieg schlicht über das Betriebssystem gewinnen zu wollen, gesteht Google unterschwellig ein, dass dieser Weg ein ziemlicher Holzweg war.

Google kündigte Android bereits 2007 an – jenem Jahr, in dem das erste iPhone mit noch einigen Kinderkrankheiten, ohne Apps und extremer Provider-Beschränkung auf den Markt kam. Es war die eigentliche Stunde Null des Smartphone-Marktes, der bisher nur die eMail-Maschine Blackberry gekannt hatte.

Was seitdem passierte, erscheint in der Rückschau nur folgerichtig: Das iPhone, das erste Smartphone, das das Internet in die Westentasche brachte, wurde zum Goldstandard – und zur großen Kopiervorlage. Jedes Android-Smartphone sieht bis heute immer noch aus wie eine iPhone-Kopie. Verdient haben daran die Hersteller, wie der enorme Erfolg von HTC oder Samsung beweisen. Google selbst hat bis heute kein Mittel gefunden, seinen beachtlichen Marktanteil zu monetarisieren.

Der Motorola-Zukauf beweist, dass das Software-Only-Konzept gescheitert ist. Google mag 50 Prozent Marktanteil mit Android aufweisen – das ganz große Geld verdient Apple. Fast sieben Milliarden waren es im vergangenen Quartal – die Hälfte davon generiert durch iPhone-Abverkäufe. Unglaublich: Damit hat Apple mit seinem Kulthandy mehr verdient als Google mit seinem Butter-und-Brot-Geschäft, der Internetsuche. Dabei gibt ist das iPhone gerade mal vier Jahre alt, Googles Suchgeschäft aber schon über ein Jahrzehnt.  

Googles großes mobiles Experiment

So schnell kann es also gehen.  Mit seinem spektakulären Zukauf gesteht der wertvollste Internetkonzern unserer Tage ein, dass dringend etwas passieren muss, um nicht an den Anschluss zu Apple zu verlieren. Vor drei Jahren noch hatte Google einen höheren Börsenwert als Apple. Heute ist Apple doppelt so viel wert wie Google.

Das Risiko, dass Google bei seiner Aufholjagd eingeht, ist indes immens: Während Apple seit Bestehen des Unternehmens aus einem Guss produziert, hat sich Google mal eben die Hardware-Hälfte des neuen Konzerns dazugekauft. Und das, obwohl man sich auf diesem Terrain mit der konzerneigenen Antwort Nexus bereits nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte.

Man kann, wie es Cisco in den 90er Jahren vorgemacht hat, mit drastischen Zukäufen weiter wachsen – aber man kann auch stagnieren und das Kerngeschäft lähmen, wie es so viele gescheiterte Übernahmen in der vergangenen Dekade immer wieder gezeigt haben. Zukäufe sind keine Wachstumsgarantie.  Machen wir uns nichts vor: Die Endgerätesparte eines betagten Mobilfunkherstellers kann kaum zur DNA des wertvollsten Internetkonzerns der Welt passen. Sie nun doch zu integrieren, gehört zu den spannendsten Experimenten der Technologiewelt der vergangene Jahre. Ausgang: völlig offen.

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