„Das ist ganz einfach Kriminalität“

Von der ‚Schlacht um London’ bis hin zu ‚Twitter Rowdys’ dominieren die Aufstände in London klar die Titelseiten der britischen Presse. Während die Qualitätstitel versuchen, mit kühlem Kopf die sozialen und politischen Hintergründe des Mob-Aufstandes zu analysieren, setzt man in den Boulevard-Redaktionen auf Bilder von Kids mit geklauten Flachbild-Fernsehern unterm Arm. Damit ist die soziale Spaltung klar: Die Mittel- und die Arbeiterklasse gehen auf Konfrontationskurs.

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Von der ‚Schlacht um London’ bis hin zu ‚Twitter Rowdys’ dominieren die Aufstände in London klar die Titelseiten der britischen Presse. Während die Qualitätstitel versuchen, mit kühlem Kopf die sozialen und politischen Hintergründe des Mob-Aufstandes zu analysieren, setzt man in den Boulevard-Redaktionen auf Bilder von Kids mit geklauten Flachbild-Fernsehern unterm Arm. Damit ist die soziale Spaltung klar: Die Mittel- und die Arbeiterklasse gehen auf Konfrontationskurs.
Die Mittelklasse sieht sich als Opfer des Pöbels und fordert den Einsatz der Armee. Die Red Tops – traditionelle Sprachrohre für Arbeiter – verdammen die ‚Idioten’ und ‚Anarchisten’ in den eigenen Reihen. Ein Jahr nach der Machtübernahme der Conservatives brennt der Klassenkampf lichterloh.
Alles begann am vergangenen Donnerstag. An dem Tag erschoss die britische Polizei den 29-jährigen Mark Duggan während eines Einsatzes gegen Waffenkriminalität. Der Vater von vier Kindern saß in einem Taxi, als die Polizei ihn umzingelte und das Feuer eröffnete. Zuerst hieß es, Duggan habe geschossen. Wie sich aber inzwischen herausstellte, waren die Kugeln in seinem Körper wie auch die in einem verwundeten Polizeibeamten von Beamten gefeuert worden. Seine Witwe sagte in einem Interview mit Channel 4 News, die Polizei sei für den Tod ihres Mannes verantwortlich, und die Kommunikation in dem Fall war katastrophal. Bis heute hat sie ihren Kindern nicht gesagt, was mit ihrem Vater passiert ist, weil sie immer noch nicht alle Antworten hat.
Wie so oft wurden Krawalle von Polizeibrutalität ausgelöst, und im Zeitalter von Twitter und Blackberry Messenger wurden sporadische Aufstände in der ganzen Stadt organisiert. Überwiegend in armen Nachbarschaften, in denen Kinder während der Sommerferien offenbar nichts Besseres zu tun haben, als zu randalieren.
Lichterloh brennende Hauser und Autos sowie Aufnahmen von Bereitschaftspolizei gegen vermummte Randalierer dominieren heute die seriösen Tageszeitungen. Der Daily Telegraph, die meistverkaufte Tageszeitung hierzulande, die Times sowie der Guardian entschieden sich alle für das gleiche Titelbild: Eine Frau springt aus einem brennenden Gebäude in die Arme von Helfern. Die Opfer der Krawalle sind normale Leute, ihre Leser.
Ebenso die Eckpunkte der Leitartikel – Polizei verliert Kontrolle der stadtweiten Proteste, Krawalle auch in anderen Städten, Premierminister David Cameron kommt aus dem Urlaub zurück – sind in den Qualitätstiteln ähnlich. Die Analyse konzentriert sich auf die Unterklasse, die aufgrund der staatlichen Sparmaßnahmen immer weniger hat. Gar nichts, möglicherweise, und daher haben die randalierenden Kids auch nichts zu verlieren. Ein Kolumnist im konservativen Telegraph meint, weiße ‚Multikultur-Verfechter’ hätten zu lange die Gang-Kultur in London ignoriert, weil sie Angst vor ihren Mitgliedern haben. Rasse und Rassismus spielen eine klare Rolle, aber nicht alle Zeitungen melden sich so deutlich wie der Telegraph zu Wort.
Die Boulevard-Blätter machen es sich da einfacher. Genau wie die Broadsheets hat man sich auch in dieser Titelklasse auf ein für ihre Leser ikonisches Bild geeinigt: Ein vermummter Mann vor einem brennenden Auto. Von ‚Rowdys und Dieben’ wird hier gesprochen. Die Daily Mail meint, die Schuld auf die Sparmaßnahmen zu schieben, sei unmoralisch und zynisch. „Dies ist ganz einfach Kriminalität.“ Und wo man sich in seriösen Medien der ungemütlichen Klassen- und Rassenfrage annimmt, zeigt der Daily Star einen Plünderer, der sein Diebesgut stolz auf Facebook präsentiert.
Beim Independent, dem kleinsten überregionalen Qualitätstitel, hat man sich ebenfalls für das Boulevard-Bild des Vermummten entschieden. Auch wenn die Mixtour von gehobenem Journalismus und polemischem Titelbild auf eine Identitätskrise beim Independent deutet, ist die Berichterstattung professionell ausgewogen: Hintergründe über die Krawalle im Südlondoner Brixton in den 1980ern, ein Portrait von Mark Duggan und ein Blick auf ähnlichen Ärger in Leeds, Liverpool und Birmingham. Der Independent-Ableger für Schnellleser, ‚i’, ist ein Auflageerfolg seit dem Launch vergangenen Oktober. Der Umgang der Indy-Redaktion mit den Krawallen zeigt, dass ein gesundes Mittelmaß genauso Zeitungen verkaufen kann wie reißerische Titel.
Im Nachrichtenfernsehen kann man sich nicht über ein Sommerloch beschweren. Die Euro-Krise und der US-Schuldenberg brachten ausreichend Material in den letzten Tagen. Besonders Sky News war gestern mit seinem Skycopter in der Luft direkt über dem Polizeihubschrauber dabei, und lieferte zudem wackelige Aufnahmen von Augenzeugen und Telefoninterviews. Regelmäßig wurden Reporter aller Sender vor laufender Kamera von der Polizei ermahnt, aus dem Weg zu gehen. Angesichts des gespannten Verhältnisses von Presse und Polizei waren Journalisten unwillkommene Zaungäste.
Und nach Stunden der Live-Berichterstattung drangen zynische Kommentare seitens der Moderatoren schon mal durch. Auf Sky News zeigte man stundenlang Bilder von geplünderten Sportausstattern, Elektronikanbietern und Supermärkten. Auch Berichte, dass geklaute Laptops in Tottenham für 20 Pfund zu haben sind, wurden gern genommen. Der Moderator auf Sky wies mit bitterer Ironie darauf hin, dass die Kids Buchläden in Ruhe gelassen hätten. Während in Nordafrika für den Frieden gekämpft wird, tut man’s in London halt für ein Paar Turnschuhe und eine XBox.

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