Recherche-Affäre: Bunte sieht sich „erpresst“

Nach Online-Medien und Zeitungen befasst sich jetzt auch das Nachrichtenmagazin Spiegel mit dem Fall von „unlauterer Recherche“ bei der Bunten. In der am morgigen Montag erscheinenden Ausgabe geht es unter der Headline „Aussage gegen Aussage“ um Details der monatelangen Verbindungen eines merkwürdigen Informanten zur Bunte-Politikredaktion, die laut Bunte-Chefredakteurin Patricia Riekel in einem strafbaren Akt endeten: „Das war eindeutig Erpressung.“ Der Verlag hat inzwischen Anzeige erstattet.

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Der Spiegel macht dabei deutlich, dass es angesichts der unterschiedlichen Aussagen und Schuldzuweisungen der Beteiligten schwer fällt, die Wahrheit in diesem Fall auszumachen: „Die Darstellungen von Bunte und Informant könnten in der aktuellen Affäre kaum weiter auseinandergehen.“ Der offenbar unter verschiedenen Namen auftretende Informant aus dem Umfeld eines bekannten Bundespolitikers – meist nenne er sich Stefan Stein – hat sich auch dem Spiegel gegenüber geäußert. Er behauptet: Die Bunte-Redakteurin Annabelle Korschan habe ihn dazu „aufgefordert“, anonym Strafanzeige gegen den Politiker zu erstatten: Ohne juristische Sachlage, so der Mann gegenüber dem Spiegel, könne man keine Geschichte machen. Patricia Riekel dazu: „Wer wen inspiriert hat, lässt sich nur schwer sagen. Da steht Aussage gegen Aussage.“ Die Bunte hat sich sowohl von Korschan wie von ihrem Ressortleiter Tobias Lobe als verantwortlichem Redakteur in der vergangenen Woche getrennt (MEEDIA berichtete exklusiv).

Der Informant beharrt allerdings darauf, angestiftet worden zu sein: „Die Redakteurin hat mir von Anfang an Angebote gemacht, die illegal waren.“ Auch habe die Bunte „von sich aus“ ein Honorar geboten. Nach Darstellung des Spiegel war die angebotene Story vom angeblichen Drogenkonsum eines bekannten Politikers und angeblichen Sex-Partys zu verlockend, als dass die Alarmglocken bei der Bunte-Redakteurin geschrillt hätten. Denn das Gebaren des Mannes war merkwürdig. Er fertigte immer wieder nach Telefonaten mit Korschan Protokolle an, die er der jungen Journalistin per Mail zusandte. Und auch als er – offenbar für eine illegale Beweissicherung im privaten Umfeld des Politikers – nach einem Honorarvorschuss von 1.000 Euro nochmals dieselbe Summe forderte, um u.a. eine Kamera zu kaufen, zahlte die Redaktion bereitwillig. „Stefan Stein“ habe, so der Spiegel, die Summe in bar in einem Umschlag überreicht bekommen.

Was über Monate nach Darstellung Riekels ein Kontakt zwischen dem Politikressort und dem Informanten war, von dem die Chefredaktion nichts gewusst habe, kippte mit einer E-Mail des Informanten am 7. Juli. Die schickte „Stefan Stein“ nämlich diesmal gleich an die Chefredakteurin und Redakteurin Korschan, die diese an Bunte-Vize Sebastian Graf von Bassewitz weitergab. Der Tenor laut Spiegel: Die Bunte habe ihn zu unlauteren Methoden angestiftet. Brisant dann das folgende Angebot: Die Geschichte über die Verbindung zwischen Informant und Redaktion könne exklusiv erworben werden, „auch von Bunte“. Um sicher zu gehen, schickte „Stefan Stein“ die Mail später noch an das Top-Management, zuletzt nach MEEDIA-Informationen am Donnerstag vorvergangener Woche an den Burda-Vorstandsvorsitzenden Paul-Bernhard Kallen, der auf die schmuddeligen und wenig professionellen Details der Affäre „entsetzt“ reagiert haben soll.

Für Bunte-Chefredakteurin Patricia Riekel steht fest, dass der Informant versucht habe, den Verlag gezielt zu erpressen. Mittlerweile ist bekannt, dass „Stefan Stein“, der behauptet, einen doppelten Dokortitel zu führen und sich als Mathematiker bezeichnet, bereits zum Jahreswechsel bei großen Redaktionen (auch dem Spiegel) seine Story angeboten hatte. Die lehnten ab. Bei Bunte trudelte das folgenreiche Angebot am 12. Januar als E-Mail in der Online-Redaktion ein. Der Rest ist nun in groben Zügen bekannt.

Erörtert wird in Fachkreisen noch die Frage der Verantwortlichkeiten. Der Spiegel stellt fest: „Die Bunte hat es sehr eilig, sich einer Affäre im eigenen Hause zu entledigen.“ Und das Magazin fragt auch mit Blick auf die „rausgeschmissenen“ Redakteure: „Sind die beiden nur Täter oder auch Opfer?“ Der Spiegel spricht vom „Jagdfieber“ der Bunte-Redakteurin und schreibt über die Chefredakteurin, die den Fall als „Ausrutscher“ wertet: „Ob sie selbst von der Aktion wusste oder nicht – was für ein Klima, was für ein Jagdinstinkt herrschen in einer Redaktion, in der selbst der Politikchef die Zusammenarbeit mit einem derart dubiosen Informanten erst mal gutheißt?“

Nachdem die Bunte im letzten Jahr mit hohen Zahlungen für die Berliner Agentur CMK Schlagzeilen gemacht hatte, die für das Blatt Spitzenpolitiker mit seltsamen Methoden hautnah verfolgt hatte, um Details über deren Liebesleben zu „recherchieren“, kommt die erneute Debatte um die unbekannten Tiefen des Bunte-Journalismus für die Münchner höchst unwillkommen. Einen „ethischen Ausrutscher“ nennt das der Spiegel in seiner bekannten ironischen Nickeligkeit. Das Nachrichtenmagazin zieht aber noch einen anderen Vergleich: „Womöglich hätte man bei Burda entspannter reagiert, wenn die Affäre nicht von einer anderen, viel größeren Kulisse gespielt hätte, mit der sie auf den ersten Blick gar nichts zu tun hat: dem Skandal um die Recherchemethoden der Londoner Sonntagszeitung News of the World“, ein „Drama“, welches seit Anfang Juli das „weltweite Boulevardgeschäft erschüttert“. Gegenüber dem Spiegel wies Patricia Riekel einen solchen Vergleich empört zurück: „Ich sehe keinen Schaden für Bunte. Wo soll der sein, wenn man einen Fehler feststellt und ihn sofort bereinigt?“

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