Cameron plant europäisches Silicon Valley

Seit drei Jahren brodelt es in den renovierten Lagerhäusern im Londoner Osten, und nun ist die kritische Masse erreicht, um den Trend ernst zu nehmen: Über 200 Firmen der Web Economy sind im Stadtteil Shoreditch inzwischen angesiedelt. Die europäische Version des Silicon Valley heißt Silicon Roundabout, benannt nach dem Kreisverkehr rund um Old Street. Premier David Cameron will diesen Trend fördern und Shoreditch zusammen mit dem Olympiapark zur East London Tech City verwandeln.

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Seit drei Jahren brodelt es in den renovierten Lagerhäusern im Londoner Osten, und nun ist die kritische Masse erreicht, um den Trend ernst zu nehmen: Über 200 Firmen der Web Economy sind im Stadtteil Shoreditch inzwischen angesiedelt, überwiegend Start-Ups. Diese europäische Version des Silicon Valley heißt Silicon Roundabout, benannt nach dem Kreisverkehr rund um die U-Bahn Station Old Street. David Cameron will diesen Trend fördern und Shoreditch zusammen mit dem Olympiapark zur East London Tech City verwandeln. Enthusiasmus und guter Wille sind da, Finanzen und Talent für die Expansion sind allerdings noch dünn gesät.
Enthusiasmus und guter Wille sind da, Finanzen und Talent für die Expansion sind allerdings noch dünn gesät. Der Countdown läuft, denn die Olympiade beginnt in genau einem Jahr.
Die Werbeagentur Ogilvy schickte im Mai einen Minibus voller Manager seiner Netzwerkagentur für Dialogmarekting OgilvyOne von ihrem Hauptsitz im glitzernden Canary Wharf ins verschrobene Shoreditch. Die zehn Mitarbeiter waren ausgestattet mit ‚My mum & dad went to Silicon Roundabout & all I got was this lousy T-Shirt’, in Anlehnung an die weitverbreiteten Souvenirs. Auf dem Programm standen aber nicht die Denkmäler an das alte Empire, sondern die jungen Pioniere des Internet-Booms 2.0.
Team OgilvyOne besuchte sechs junge Firmen wie moo.com und last.fm, um deren oft innovativen Nischen-Produkte besser zu verstehen und potentiell in ihre Kampagnen einzubinden. Im Gegensatz zu manch anderen Großagenturen sieht die WPP-Sparte das Treiben am Silicon Roundabout nicht als Konkurrenz, sondern als Goldgrube für Zulieferer und Partner. Und als Fallstudie für rasantes Wachstum.
Silicon Roundabout setzt auf Kreativität
Seit 2008 springen in diesem traditionell trendigen aber eher armen Stadtteil neue Web-Unternehmen wie Pilze aus dem Boden. Im Gegensatz zum Großraum München, der dank Technologie-Konzernen wie Infineon und Siemens oft als europäisches Silicon Valley bezeichnet wird, setzt man am Silicon Roundabout in erster Linie auf Kreativität. Zu den großen Unternehmen zählen farfetch.com, ein Portal für Modeboutiquen weltweit, Made.com, bei dem Kunden im Kollektiv Möbel direkt vom Hersteller kaufen, der Musikanbieter last.fm, sowie Moshi Monsters, das soziale Netzwerk für Kinder (mit inzwischen 50 Millionen Mitgliedern weltweit). Dazu gibt es spezialisierte B-2-B-Firmen wie PeerIndex oder Cloudapps und Dienstleister im Bereich Gaming, 3D, Cloud Computing, Medieneinkauf, SEO, Social und Mobile Media.
Um sicher zu stellen, dass die Start-Ups nicht nur konkurrenzfähig bleiben, sondern eines Tages eine britische Antwort auf die amerikanischen Marktführer hervorbringen, wurde der ehemalige Chef von LinkedIn, Kevin Eyres, zum ersten Mentor der Tech City ernannt. Er meint, es fehlt der Gegend an zwei Dingen: Venture Capital und Zugkraft, um die besten Talente des Landes anzuheuern.
Die Rekrutierungsfrage soll die Initiative ‚Silicon Milkroundabout’ ansprechen. Viele Finanzhäuser melken alljährlich die Top-Unis, um die besten Kandidaten für sich zu gewinnen. Versierte Computerwissenschafts-Absolventen sollen nun gezielt für den Silicon Roundabout mit seinem Pionierdrang geworben werden – eine frische Alternative zur City oder etablierten Industrie-Giganten. Die Zusammenarbeit zwischen Firmen und Universitäten, so Eyres, soll einen ‚tugendhaften Kreislauf’ schaffen. Er meint, man habe eine echte Chance, die East London Tech City zu Europas digitaler Hauptstadt zu machen.
Das liebe Geld bleibt allerdings ein Problem. Der Gründer von PeerIndex, Azeem Azhar, sagte in einem Interview mit TechCrunch, dass Kapital in Europa noch Mangelware ist. Es gibt kaum mehr als ein Dutzend Qualitätsfonds, die für Web-Start-Ups in Frage kommen. Der rasante Aufstieg des Silicon Roundabouts während der Rezession, ohne Regierungshilfe oder großes Venture Capital ist beachtlich. Wie so oft scheint Armut die Kreativität zu fördern.
Chefredakteur des New Yorker Trend-Portals JCReport.com und Unternehmer Robert Cordero teilt die Meinung. Er gründet derzeit ein Online-Mode-Geschäft, und trieb das nötige Kapital in den USA auf, wo Investoren risikofreudiger sind.  Die Entwicklung der Website soll aber in London stattfinden: „Ich hab hier so viel Kreativität und fantastische Talent entdeckt. Man ist hier sehr auf handwerkliches Können fokussiert und besitzt Kunstsinn, und das ist besonders für Mode-, Design, und Musikfirmen wichtig.”
Dem kreativen Geist kommt der flexible Arbeitsraum TechHub ganz gelegen. Ein-Mann-Firmen können hier in Ruhe vor sich hin programmieren. Google und der Verleger der Financial Times, Pearsons, unterstützen den Hub. Und das, obwohl die Mieten in Shoreditch bis zu 80% billiger als in Soho sind.
Für unsere Regierung ist die East London Tech City in erster Linie ein Imagemacher. David Camerons Kabinett will mit seinem Engagement beweisen, dass man nicht nur auf sturem Sparkurs ist, sondern auch Wirtschaftswachstum fördert. Cameron selbst brüstet sich damit, Google, Facebook, Intel sowie McKinsey zum Umzug in den Olympischen Park nach den Spielen 2012 bewogen zu haben. Google will einen Innovation Hub mit Training-Workshops errichten. Facebook, welches allein in London ein Netwerk von mehr als 2000 Entwicklern hat, plant sein ‚Developer Garage Programme’ für die Tech City. Cisco zog spontan mit und kündigte ein Innovationszentrum am Olympiagelände an.
Anfang Mai wurde dann der Wettbewerb ‚Tech City Launchpad’ vom Technology Strategy Board ausgeschrieben. Insgesamt eine Million Pfund werden an die zehn besten Firmen als Finanzierung verteilt (bis zu 100.000 Pfund pro Firma oder 50% des gesamten Kapitals; der Fonds stellt zudem Hilfe bereit, um die restlichen 50% von anderen Kapitalgebern aufzutreiben).
In Sachen Talentrekrutierung soll Außereuropäern mit dem ‚Entrepreneur Visa’ die Immigration nach England erleichtert werden. Internationale Geschäftsleute mit ernsthaftem Investment können damit in Großbritannien ihren Firmensitz gründen. Die Industrie scheint neben diesem Visum auch ein ‘Engineer Visa’ zu fordern, um mit Kalifornien konkurrieren zu können.
Und zu guter Letzt will man im Regierungsviertel auch das gewerbliche Urheberrecht überprüfen, nachdem die Gründer von Google erklärten, sie hätten ihr Unternehmen nie in Großbritannien aufbauen können. Anders als auf der Insel gibt es in den USA die ‚Fair Use’ Klausel, welche Firmen mehr Atemraum gibt, um neue Produkte und Dienstleistungen zu lancieren.
Der Silicon Roundabout dreht sich also fleißig, und ständig springen neue Namen auf. Das Zusammenspiel zwischen Start-Ups und industriellen Platzhirschen wird interessant sein. In den USA saugen die großen Konzerne kleine Firmen und individuelles Talent gern auf, womit die Branche an Breite verliert. Das passiert langsam auch in London, so kaufte Twitter vor drei Monaten das Silicon Roundabout-Baby TweetDeck fuer 40 Millionen Dollar.
Dazu werden Sorgen um eine neuerliche Internet-Blase immer lauter. LinkedIn beispielsweise ging im Mai an die Börse und wurde innerhalb kürzester Zeit mit 10 Milliarden Dollar bewertet, etwa dem 40-fachen des Vorjahres-Umsatzes von 243 Millionen Dollar. Die Bewertung von Facebook mit 50 Milliarden Dollar im Januar sorgte ebenfalls für Schlagzeilen, und dann gab es das erfolglose Angebot von Google, den Online-Coupon-Anbieter Groupon für sechs Milliarden Dollar zu übernehmen.
Für Shoreditch bleibt zu hoffen, dass sich die Großen weiterhin als freundliche Gäste und nicht Talentvampire benehmen, und dass aus den Jungunternehmen keine kurzlebigen Börsen-Blasen werden. Nach der Olympiade nächsten Sommer geht es hier richtig rund.
The magic roundabout
Wenn Sie beim nächsten Besuch in London den Silicon Roundabout besuchen, wird’s Ihnen wahrscheinlich wie den meisten Besuchern gehen. Beim Ausstieg aus der Old Street Tube Station kann man das „Mensch, ist das hässlich hier” nur schwer unterdrücken. So ist der Osten hier halt. Hackney, der übergreifende Stadtteil des Bezirke Hoxton und Shoreditch, ist eine der ärmsten Gemeinden im Lande. Trotz der Nähe zum Finanzbezirk City war Hackney immer billig und cool – die Young British Artists konnten sich hier große Studios leisten, und junge Designer kauften billige Stoffe auf der nahe gelegenen Brick Lane, dem noch ärmeren Slum aus Kunst und Curry-Häusern fest in bangladeschischer Hand.
Seit der Jahrtausendwende wurde die Gegend immer hipper und damit wohl situierter. Der Kunsthändler Jay Jopling eröffnete am Hoxton Square seine White Cube Gallery. Dank Damien Hirst, Tracey Emin und Sam Taylor-Wood wurde Jopling reich und berühmt, und die Kunst- und Designszene feierte sich hier am Liebsten. Stück für Stück wurden die umliegenden vergammelten Lagerhäuser modernisiert und zu Büros und Wohnungen umfunktioniert.
Aber trotz des Hypes ist Shoreditch immer noch nicht so teuer wie Soho. Mieten im  vermeidlichen Herz Londons sind für Start-Ups zu teuer, dazu ist es dort inzwischen zu touristisch. Da viele Kreative ohnehin im Osten wohnen war eine Migration der Büros nur eine Frage der Zeit. Im Sommer 2008 startete der Bezirk ein Pilotprojekt für öffentliches W-LAN im Hoxton Square. Der briefmarkengroße Park vor der White Cube Gallery sowie die anliegenden Bars und Restaurants bieten damit die perfekte Mischung von Indy-Spirit und Technologie.
Den ach so coolen Ritterschlag erhielt die Gegend mit der Eröffnung des Shoreditch House, der Dependance des Private Member Clubs für Angeber Soho House, komplett mit Swimming Pool auf dem Dach. Und gab es hier bislang nur Billighotels, baute Design-Guru Terence Conran sein erstes Hotel, Albion, direkt um die Ecke. Die Transformation des Stadtteils war perfekt. Zum billigeren Mietpreis, und ohne Touris (außer von Ogily).

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