„Unser Konferenzraum heißt Facebook“

"Redaktion 3.0", Abstimmung über redaktionelle Entscheidungen in Facebook, Inhalte aus sozialen Netzwerken – die Meldung über die (einmalige) Rückkehr von Max an den Kiosk war zwar eine nette Überraschung. Die Information, dass die für Oktober angekündigte Ausgabe von einer Art Facebook-Redaktion produziert wird, ließ dagegen Fragen offen. MEEDIA hat mit den Chefredakteuren Alexander Böker und Oliver Wurm gesprochen.

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Erster Hinweis: Den Begriff "Redaktion 3.0" mögen Wurm und Böker nicht so gerne hören. Auch wenn der Burda Verlag das so, sicher in bester Absicht, formuliert hat. Denn "Redaktion 3.0" klinge "so aufgesetzt". Und aufgesetzt soll das reanimierte Max nicht werden. Den überstrapazierten Begriff "authentisch" ersparen sich Verlag und Macher glücklicherweise.

Zweiter Hinweis: Die Redaktion ist ein Kollektiv, sagen Wurm und Böker. Dazu gehört neben den beiden Journalisten die ehemalige Max-Fotochefin Gesche Wendt, die heute eine Fotoagentur betreibt. Der Autor und Denker Fred Grimm (u.a. Buch "Wir wollen eine andere Welt"), der bei Max leitender Redakteur war. Und als Art Direktorin Frances Uckermann, die zuletzt Zeit-Wissen grafisch betreute.

Dritter Hinweis: Die Redaktion können alle sein, die sich angesprochen fühlen. Böker sagt: "Max wird ein Open Source-Magazin, bei dem jeder eingeladen ist, mitzumachen." Wurm erinnert daran, dass die Redaktion der 2008 eingestellten Zeitschrift gemeinsam nach New York oder Shanghai fuhr, um von dort eine Ausgabe zu produzieren. "Dort pulsierte seinerzeit Leben, wurden Trends entdeckt. Heute pulsiert das Leben in Social Networks. Also gehen wir diesmal dahin." Er sagt: "Unser Konferenzraum heißt Facebook."

Bleiben trotzdem ein paar Fragen offen. Also: Werden die Macher nun Facebook-Accounts abgrasen, um echte oder vermeintliche Trendthemen aufzuspüren? Wurm: "Wenn wir Tausende von Facebook-Accounts nach Themen durchwühlen würden, wäre das geistiger Diebstahl. Wir stellen eigene Ideen zur Debatte, wir fragen nach Anregungen. Und wir gehen in andere Gruppen hinein. Wenn ich beispielsweise ein Interview mit Jürgen Klopp führe, dann frage ich vorher über die Gruppe von Borussia Dortmund die 350.000 Fans, was sie interessiert. So viele Ideen hatte ich vorher niemals im Gepäck."

Wird es User Generated Content geben? Nein, sagt Böker. "Die Ausgabe wird ein Heft von Profijournalisten." Die Redaktion setze die Leitplanken, filtere Themen, vergebe bezahlte Aufträge.

Gehen den bezahlten Profijournalisten die Ideen aus, weil sie über soziale Netzwerke nach Anregungen suchen müssen? Nein, sagt Böker. Die fünfköpfige Entwicklungsgruppe habe viele eigene Ideen. Nur genau die würden auch noch einmal den Mitmachern über Facebook präsentiert. Nicht "Weisheit der Masse" nennt das Wurm, sondern "Weisheit der Freunde".

Sieht das über 200 Seiten starke Heft nachher auch so aus wie Facebook? Nein, sagt Wurm. Das Layout werde nichts mit Facebook zu tun haben. Das Netzwerk sei einzig und allein ein Themengenerator und Ideenabstimmungswerkzeug.

Der Verdacht, dass hier ein Heft mit dem Rückenwind des Facebook-Booms schon im Entstehungsprozess vermarktet werden soll, liegt nahe. Das ist so lange in Ordnung, wie der vorgestellte Modus Operandi auch tatsächlich von den Machern gelebt wird. Das Publikum fragen und dann doch alles anders machen – ist keine Option.

Tatsächlich sind neue Konzepte für die Themensuche wichtig – es wäre geradezu fahrlässig, Social Networks als Modeerscheinung abzutun und sich ganz auf konventionelle Formen des Blattmachens zu konzentrieren. Die alten und neuen Max-Macher können nun zeigen, wie viel Innovationskraft noch in der Marke steckt.     

Die Macher der ebenfalls als One-Shot angelegten deutschen Wired-Ausgabe um Thomas Knüwer setzen ebenfalls auf die Kreativität ihrer Leser. Sie haben ein Blog eingerichtet, um sich mit ihnen auszutauschen.

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