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Akute Oslo-Schizophrenie bei ARD-Aktuell

Über mediale Entgleisungen bei der Norwegen-Berichterstattung wurde bereits Vieles berichtet. Nur einer kann das dargebotene Medien-Trauerspiel mit Leichtigkeit unterbieten: Dr. Kai Gniffke, Chefredakteur der “Tagesschau”. Im “Tagesschau”-Blog lobt er die ARD für ihre Berichterstattung mal wieder ausführlichst selbst und verkündet eine Art Leitfaden für Amok-Berichterstattung. Dass die “Tagesthemen” zuvor gegen fast jeden Punkt dieser Richtlinien spektakulär verstoßen hat, stört ihn nicht.

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Wir haben uns schon mehr als einmal über die verschobene Weltsicht und von Eigenlob durchtränkte Selbstwahrnehmung von ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke aufgeregt. Unter der Überschrift “Die Inszenierung des Attentäters” salbadert Gniffke im “Tagesschau”-Blog in bewährter Manier über die Verantwortung der Medien. Nach Amokläufen wie Winnenden oder Erfurt hab man bei ARD Aktuell gelernt und Konsequenzen gezogen. Gniffke weiß: “Die Berichterstattung über solche Verbrechen lässt die Gefahr von Nachahmern dramatisch steigen.” Kriminologen und Psychologen hätten der Redaktion von ARD-Aktuell bestätigt, dass es das Ziel von Amokläufern sei, Aufmerksamkeit zu erzielen. Eine bahnbrechende Erkenntnis. Im folgenden referiert Gniffke dann die tollen ARD-Aktuell-Regeln für die Berichterstattung bei Amokläufen: 1. Amokläufer in einem Bericht maximal einmal mit Namen nennen. 2. Das Bild des Amokläufers sollte sparsam verwendet werden. Auf Fotos, die ein Posieren mit Waffen oder matialische Gesten zeigen, wird komplett verzichtet. 3. Fotostrecken des Täters gibt es nicht. 4. Die Taten werden nicht nachgestellt. 5. Es wird nicht aus Abschiedsbriefen oder Botschaften des Täters zitiert, um ihm kein Forum zu geben und eine Glorifizierung zu vermeiden.

Hui, da sitzen sie bei ARD-Aktuell moralisch und medien-ethisch aber ganz vorne in der ersten Reihe. Leider gelten die schönen Richtlinien nur im Blog der “Tagesschau”, nicht aber im TV. Gniffke schrieb seinen Blog-Beitrag laut Zeitstempel am 25. Juli um 23.56 Uhr. Ob der Chefredakteur die kurz zuvor ausgestrahlte Ausgabe der “Tagesthemen” gesehen hat, wissen wir nicht. Jedenfalls verstieß die Sendung in so ziemlich allen Punkten gegen die zuvor vollmundig formulierten Amok-Richtlinien des Chefs. Tom Buhrow moderierte an: “Auch wir in den Medien müssen uns überlegen, was für die Berichterstattung unerlässlich ist und was nicht. Einiges ist unvermeidlich.” Unvermeidlich war dann offenbar der folgende Beitrag von von Gabor Halasz, der sich ausschließlich um den Täter und sein wirres Manifest drehte. Ausführlich wurden mündlich und schriftlich zentrale Aussagen aus dem Manifest zitiert. Es gab die üblichen Fotos des Täters zu sehen, wie sie auch die Boulevardzeitungen jeden Tag abdrucken. Die Kamera zeigte Screenshots der YouTube- und Facebook-Seite des Täters. Wer sich dafür interessierte, konnte sich gleich noch den Namen eines Täter-Videos mitnotieren. Auch “martialische Gesten” durften nicht fehlen. So war der Beitrag illustriert mit dem Schattenriss eines Mannes in Kampfpose mit Waffe. Nur eine Symbol-Optik zwar, aber Fotos des Täters in Kampfpose standen wahrscheinlich gerade nicht zur Verfügung.

Ausführlich kamen auch Wissenschaftler zu Wort, die über den Täter psychologisierten. Das einzige, was man nicht machte, war die Tat nachzustellen. Aber, hey, vier Verstöße gegen fünf Richtlinien in einem Beitrag, das ist doch eine beeindruckende Quote.

Für Kai Gniffke kein Problem. Dass er es mit selbst aufgestellten “Richtlinien” nicht allzu genau nimmt, hat er ja schon früher eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Nämlich als er beim Fall Kachelmann verkündete, die "Tagesschau" habe es zum Prinzip erhoben, erst mit der Anklageerhebeung in die Berichterstattung einzusteigen. Dass die “Tagesschau” in den Fällen Bischof Mixa, Jörg Tauss, Klaus Zumwinkel und anderen schon weit vor der Anklageerhebung berichtet hatte – who cares? Ganz sicher nicht Kai Gniffke.
Die eigene Oslo-Berichterstattung findet er jedenfalls mal wieder “extrem gut”, wie er im Blog noch mitteilt. Die Schizophrenie bei ARD-Aktuell geht so weit, dass einen Tag zuvor Patrick Gensing im “Tagesschau”-Blog sogar den Namen des Täters ganz verschämt weglässt und stattdessen nur von “B.” schreibt. So superseriös sind sie bei ARD-Aktuell. Blöd halt nur, wenn der Name in den Sendungen dann trotzdem ständig genannt wird – und zwar in voller Länge, inklusive zweitem Vornamen. Der Autor des hier zitierten “Tagesthemen”-Beitrags, sagte, kurz bevor er aus dem Manifest zitierte, über den Täter: “Er will, dass wir diese Sätze lesen.” Dafür, dass wir sie auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hören dürfen, hat die ARD dann gesorgt.

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