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Der Sieg des Konjunktiv-Journalismus

Da können Journalisten noch so häufig über die Notwendigkeit der sorgfältigen Recherche sprechen – wenn es schnell gehen muss oder soll, brechen oft alle Dämme. Am vergangenen Freitagabend war es wieder so weit. In den ersten Stunden nach den Anschlägen in Oslo dominierten Experten und Kommentatoren die mediale Öffentlichkeit, die Panik vor einem islamistischen Anschlag schürten. Vorn mit dabei war auch die Nachrichtenagentur dapd.

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Da können Journalisten noch so häufig über die Notwendigkeit der sorgfältigen Recherche sprechen – wenn es schnell gehen muss oder soll, brechen oft alle Dämme. Am vergangenen Freitagabend war es wieder so weit. In den ersten Stunden nach den Anschlägen in Oslo dominierten Experten und Kommentatoren die mediale Öffentlichkeit, die Panik vor einem islamistischen Anschlag schürten. Vorn mit dabei war auch die Nachrichtenagentur dapd.
Der Journalist Stefan Niggemeier hatte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung bereits über die Berichterstattung von n-tv, ARD und ZDF geschrieben. Das in Ermangelung harter Informationen offenbar als notwendig erachtete Ausweichen auf blanke Spekulationen nannte er "offensives Nichtwissertum". Niggemeier wies in seinem Blog zudem auf einen Kommentar der Fuldaer Zeitung hin, in dem sich der Autor über "feiges Terrorpack" ereiferte, der später offline gestellt wurde und für den sich die Zeitung anschließend entschuldigte.

Einen weiteren Fall offensiven Nichtwissertums lieferte die Nachrichtenagentur dapd. Etwa um 19 Uhr verschickte diese am Freitagabend einen Hintergrundbericht mit der Schlagzeile: "Deutsche Sicherheitsbehörden nach Oslo-Anschlag alarmiert." Im ersten Satz des Berichts wird ein namentlich nicht genannter "Sicherheitsexperte" mit den Worten zitiert: "Wir beobachten die Situation in Oslo genau." Aus dieser nicht besonders  inhaltsschweren Information zieht der Autor des Berichts nun eigene Schlussfolgerungen und schreibt im zweiten Satz: "Wenn sich die Explosion in Oslo als ein Terrorakt herausstellte, wäre es das erste gewaltsame Vorgehen gegen den Westen nach der Tötung von Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden durch die Amerikaner in Pakistan im Mai."

Das ist Konjunktiv-Journalismus vom Feinsten. Doch damit nicht genug. Der Bericht geht weiter: "Das Ausmaß der Beschädigungen in Oslo würden schon an den 11. September 2001 in New York erinnern, betonten vorsichtig die Experten, die das Geschehen in Oslo beobachten." Ergänzt wird das abschwächende Wort "vorsichtig" durch den Folgesatz: "Sie warnten allerdings vor zu frühen Urteilen." Unabhängig davon, wie es möglich ist, etwas "vorsichtig" zu betonen: In dem Bericht wurde nur kurze Zeit nach den zwei miteinander verbundenen Attentaten eine durch nichts belastbare Spekulation in die Welt, bzw. an die Kunden der Agentur abgesetzt. Als Quellen dienten abwechselnd "ein Sicherheitsexperte", "die Experten", "die deutschen Behörden", "die Deutschen" und "ein Sicherheitsfachmann".

Die folgenden vier Absätze des Berichts beschäftigten sich mit der Bedrohung Deutschlands durch Islamisten. Obwohl eine Verbindung zwischen dem Anschlag und militanten Islamisten zu keinem Zeitpunkt gegeben war, übernahmen eine Reihe von Zeitungen und Onlineangebote die Meldung. Focus Online titelte beispielsweise um 19.30 Uhr: "Wenn es ein Terroranschlag war, ist auch Deutschland bedroht". Und wenn sich Agentur wie deren Abnehmer auf die zunächst bekannten Fakten beschränkt hätten, dann müssten sie sich jetzt nicht den Vorwurf der Panikmache gefallen lassen.       
Nachtrag Montag, 17:46 Uhr – dapd-Sprecher Wolfgang Zehrt sagt zu dem Beitrag: "Da ist ein Fehler gemacht worden, daran gibt es nichts zu beschönigen. Eine Panikmache sehen wir in dem Beitrag aus unserer Sicht jedoch nicht." 

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