Einer muss sagen, wo es langgeht

Die Reaktion aus dem Hause Burda auf einen Bericht der Süddeutschen Zeitung vom Mittwoch fiel knapp aus. Die SZ berichtete, es herrsche "Krieg" zwischen den beiden Chefredakteuren des Focus, Wolfram Weimer und Uli Baur. Einer müsse "wohl" gehen. Gegenüber MEEDIA heißt es bei Hubert Burda Media: "Die beiden sind ein erfolgreiches Team – das belegen auch die Zahlen. Die von der SZ aufgeworfene Frage stellt sich also nicht." Wirklich nicht? Zwei Seiten einer Führungskrise.

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Der Konflikt zwischen Wolfram Weimer und Uli Baur ist keine Erfindung der Süddeutschen. Er wird im Hause Hubert Burda Media auch nicht ernsthaft dementiert. Wenn nun auf Zahlen verwiesen wird, die den Erfolg des Wochenmagazins unter Weimer und Baur belegen sollen, ist dies ein Ausweichmanöver. Keine Redaktion kann dauerhaft unter einer Doppelspitze arbeiten, die unterschiedliche Vorstellungen von der Ausrichtung ihres Titels hat. Zumal Doppelspitzen im Gewerbe des Journalismus per se nur in wenigen Ausnahmefällen funktionieren.

Konfliktpotenzial von Beginn an

Kein Chefredakteur ist so wichtig wie das Medium, das er führt. Im Fall des Focus war das Blatt allerdings mehr als die meisten anderen meinungsbildenden Medien im Lande ein Kind seines Gründers, Chefredakteurs und Geschäftsführers Helmut Markwort. Eine Konstallation, in dem ein weiteres Gründungsmitglied – Baur – und ein Neuankömmling – Weimer – unter Markwort als Herausgeber den Titel weiterentwickelt, war schon von Beginn an mit reichlich Konfliktpotential beladen.

Zumal sich der Focus zum Zeitpunkt der Übergabe im vergangenen Sommer in schwerem Fahrwasser befand. Es fehlte an Relevanz, die Positionierung stimmte nicht mehr, zudem mussten radikal Stellen in Redaktion und Verlag über ein großzügiges Abfindungsangebot abgebaut werden. Denn die Umsätze, die die einstige Cashcow der Münchner einfuhr, machten Burda-Vorstand Philipp Welte nicht froh. Rote Zahlen soll das Burda-Flaggschiff laut offiziellen Beteuerungen aber nicht geschrieben haben.

Die eine Auslegung des Konflikts

Die eine Interpretation des Konflikts, der nun an die Öffentlichkeit drang, geht so. Verleger Hubert Burda holt als Markwort-Nachfolger den ehemaligen FAZ-Mann, Welt-Chef und Cicero-Gründer Wolfram Weimer. Gemeinsam mit Uli Baur soll er die Neuausrichtung des Focus verantworten. Weimer kann eloquent reden, er hat mit Michael Ringier schon einmal einen Verleger von einem Zeitschriftenprojekt begeistern können, aus dem dann Cicero wurde. Ein Prestigetitel, gut fürs Image, aber keine Geldmaschine.

Weimer wird laut dieser Lesart freie Bahn für seine Vision vom neuen Focus gegeben. Zunächst entwickelt er in Berlin, dann wechselt er im Juli 2010 nach München, um dort mit Baur Blatt zu machen. Niemand zweifelt daran, dass Weimer derjenige sein wird, der das Blatt nach außen vertritt. Im Sommer skizziert der, wohin es mit dem Focus gehen soll. Mehr Relevanz statt "Fakten Fakten Fakten". Eine Mischung aus Economist und Paris Match. Eine neue Bildsprache, neue Ressorts.

Ein Jahr später ist Weimer nach dieser Interpretation auf halber Strecke steckengeblieben. Nicht aus eigener Schuld, denn sein Konzept wird verwässert. Neben Relevanz-Titeln zu Energie, Fukushima und Euro stehen altbekannte Auflagenbringer wie "Urlaubs-Spezials" und Berichte aus der "Diät-Gesellschaft". Mehr Stern als Spiegel also, aber zum Spiegel schaut Weimer. Er fühlt sich offenbar ausgebremst in dem Unterfangen, den Hamburgern Paroli zu bieten. Weimers Pläne für einen Newsdesk, für Ableger wie Focus-Literatur oder mehr Berichterstattung aus Berlin lägen auf Eis, wusste die SZ zu berichten. Markwort nutze seine Rolle als Herausgeber sehr aktiv, heißt es bei Burda. Im Sinne seines Weggefährten Baur, und gegen die Interessen von Weimer.

Die andere Interpretation des Streits

Die andere Interpretation beschreibt die Geschichte einer Entzauberung. Weimer habe sich demnach glänzend beim Verleger verkauft. Die Gründungsgeschichte von Cicero imponierte dem Unternehmer Burda. Burda verdankt Helmut Markwort sehr viel. Nun sah er einen hoffnungsvollen Nachfolger in Weimer. Markwort selber hatte seinen Nachfolger immer in Uli Baur gesehen, darin ließ er in Interviews nie einen Zweifel. Im November 2004 wurde Baur neben Markwort vom Vize zum "richtigen" Chefedakteur ernannt. "Er ist mein designierter Nachfolger", sagte Markwort schon 2002. Namen wie Kai Diekmann von Bild oder Ulrich Reitz, damals Rheinische Post, geisterten immer wieder durch die Szene. Baur blieb.

Dann kommt Weimer, und laut der zweiten Lesart setzt schon bald eine Ernüchterung mit dem neuen Mann ein. Er sei nicht mit einem Konzept nach München gekommen, sondern nur mit einer Handvoll Ideen. Weimer führt ein Debattenressort ein, das mit Karikaturen aufwartet und gelblich gefärbten Seiten. Er tütet eine Kooperation mit dem Economist ein, doch die Texte der Kollegen aus England bleiben Frendkörper im Blatt. Er führt das Ressort Menschen ein. Er bringt eine Handvoll Kollegen mit, deren Bilanz intern gemischt ausfällt. Kulturchefin Christine Eichel liegt mit ihrem Ressort über Kreuz und sollte eigentlich ins Berliner Büro gehen. Wissenschafts-Chef Michael Miersch wird dagegen sehr gelobt.

Baur ist laut dieser Interpretation der Mann, der die Focus-DNA im Blut hat, der aber auch die Erneuerung des Blattes anführen könnte. Baur sei der verlässliche Chefredakteur, während Weimer eher mit Worten als mit Taten glänze. Die in Berichten über den Focus gern vorgenommene Gegenüberstellung von Weimer als Intellektuellem und Baur als Nutzwertonkel sei ungerecht und falsch. Die These von der steckengebliebenen Reformation des Focus, geblockt durch den Widerstand Markworts und Baurs, sei nicht zutreffend. Denn: Weimer habe sich selbst nach Kräften geschadet und wenig Rückhalt in der Redaktion. "Nun fühle ich mich ein wenig, als hätte ich das Dornröschen wachgeküsst", sagte Weimer im Frühjahr der Zeit. Intern nahm man es Weimer übel, dass er einen Auflagen-Aufschwung vor allem für sich reklamierte.  

Wie weiter?

Das nun abgegebene Statement stellt zunächst einen Burgfrieden nach außen her, löst aber nicht das Problem. Weimer ist zurzeit mit Focus-Geschäftsführer Burkhard Graßmann auf Tour bei Anzeigenkunden, um für sein Konzept zu werben. Ginge er, bzw. müsste er gehen, wären die Fragezeichen bei den Werbekunden meterhoch. Zumindest laut den von Nielsen erhobenen Bruttowerbeumsätzen verlor Focus im ersten Halbjahr 5,5 Prozent Umsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Spiegel kassierte dem gegenüber ein kleines Plus. Der Focus könnte auch ohne Weimer, keine Frage. Aber für die Story, die in der Branchen-Öffentlichkeit und beim Publikum über die Rückkehr zur Relevanz verbreitet wurde und wird, wäre ein Rückzug Weimers schädlich.

Aber dennoch nicht undenkbar. Die Hausmacht von Helmut Markwort, der für diesen Artikel mit einer Einschätzung nicht zur Verfügung stand, ist sehr groß. Sähe er durch den Konflikt in der Chefetage sein Lebenswerk bedroht, würde er ohne Zweifel beim Verleger für Baur intervenieren.  

Was will Hubert Burda?

Die Frage bleibt, auch unabhängig von der personellen Konstellation an der Spitze: Was will der Focus sein? Wohin wollen seine Macher, was wünscht sich der Verleger? Wo sind neue Leser? Wie groß ist der Wille, noch einmal einen Anlauf zu nehmen, das Blatt neu zu erfinden? Und: Ist das überhaupt gewünscht? Antworten auf diese Fragen sind bisher im Blatt nicht zu finden. Natürlich hat sich einiges getan, wurden auch positive Veränderungen angestoßen und umgesetzt. Doch eine klare Linie fehlt.

Dabei war es die klare Linie, die Focus einmal auszeichnete. Focus hat die deutsche Medienlandschaft nachhaltig verändert. Kurze und prägnante Texte, Infografiken, bunte Bilder – das war bei Gründung 1993 noch nicht Standard, sondern Avantgarde. Eine Avantgarde mit politisch konservativer Botschaft, aber auch das war im eher linksliberalen Medienmarkt ein Wagnis und Teil der Programmatik. Im 19. Jahr seines Bestehens mühen sich Blatt und Macher im übermächtigen Schatten des Erfolgsblatts aus den Anfangsjahren ab.

Die Berufung Weimers war ein Versuch, die Erfolgsstory der 90er Jahre wiederzubeleben. Focus feierte damals nicht nur Auflagenrekorde – die freilich auch mit reichlich Sonderverkäufen erreicht wurden – Focus war auch Liebling der Anzeigenkunden. Trotz der nun, vorsichtig formulierten, Stabilisierung der Auflage bei knapp 580.000 verkauften Exemplaren in der Woche, ist dieser Status verloren.

Die Führungskrise des Focus ist, jenseits der individuellen Befindlichkeiten seiner Macher, auch ein Symptom der anhaltenden Krise des Focus als Produkt. Der Economist als "Orientierungsmagazin" ist seit Jahren das große Vorbild für Blattmacher auch in Deutschland. Doch hier gibt es bereits den Spiegel, der diese Rolle übernommen hat. Der Spiegel hat zwar mit eigenen Problemen zu kämpfen, aber seinen Platz als das wichtigste deutsche Nachrichtenmagazin wird es nicht verlieren. Es muss eine andere Idee her. Wolfram Weimers Anspruch, den Spiegel anzugreifen, ist vielleicht Ansporn für seine Redakteure, aber kein Rezept für ein Magazinkonzept.

"Wir haben niemanden herausgefordert", behauptete Helmut Markwort 2003 in einem Interview mit der Zeit. Auch wenn das vielleicht nicht ganz den damaligen Tatsachen entsprach: Die Haltung ist entscheidend. Ein Focus, der eine Zukunft am Markt haben will, muss aus sich heraus eine Linie finden, die beim Publikum ankommt. Gefragt ist jetzt die Entschlossenheit von Burdas Führungsspitze, im Zweifelsfall auch die des Verlegers Hubert Burda. Einer muss sagen, wo es langgeht.

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