Wer glaubt noch unseren Medien?

Während halb England wegen des News of the World-Skandals aus den Angeln gehoben wird, ist es an der deutschen Medienfront erstaunlich ruhig. Die Bunte-Spitzel-Affäre - beigelegt. Die Aufregung um Spiegel und Nannen-Preis - vergessen. Dass Bundespräsident Wulff sein ZDF-Sommer-Interview ein bisschen gefaked hat - wen juckt’s? Während der Groß-Skandal in England eine reinigende Wirkung hat, befinden sich deutschen Medien auf dem Weg in einen schleichenden Glaubwürdigkeits-Verlust.

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Der Abhör-Skandal der Murdoch-Medien in Großbritannien hat zugegebenermaßen eine ganz andere Dimension als die Bunte-Affäre. Im Kern aber gehören die beiden Geschichen zu einer Kategorie von Skandal und erzählen etwas über Medien und Medienmacher, die das Gespür für “richtig” und “falsch” in ihrem Job verloren haben. In Großbritannien haben Privatdetektive im Auftrag von Reportern der News of the World Handys von Prominenten und von Verbrechens-Opfern abhören lassen. In Deutschland haben Privat-Ermittler der Agentur CMK, die von Bunte bezahlt wurden, Politiker beschattet und bespitzelt. In Großbritannien ist es erwiesen, dass Mitarbeiter der Medien direkt involviert waren.

In Deutschland dagegen ist gar nichts erwiesen. Laut Bunte wusste die Redaktion nichts von den Bespitzelungsaktionen der Ermittler. Der Stern hatte die Politiker-Bespitzelungen aufgedeckt. Die Bunte war anschließend juristisch gegen eine Formulierung im Stern-Inhaltsverzeichnis vorgegangen, die den Eindruck erweckt hatte, die Spitzeleien seien von Bunte beauftrag worden. In dieser Sache hat Bunte jetzt Recht bekommen. Personelle Konsequenzen gab es keine. Bei Gruner + Jahr heißt es, man wolle gegen das Urteil nicht weiter vorgehen, da es den Kern der Geschichte nicht berühre. Über den deutschen Medienwipfeln herrscht mal wieder Ruh’.

Vor ein paar Tagen gab es einen Sturm im Wasserglas, weil der Vorsitzende des honorigen Netzwerks Recherche, der SWR-Chefreporter Thomas Leif, aus dem Amt gedrängelt wurde, weil es finanzielle Unregelmäßigkeiten bei Abrechnungen gab. Seither hat man nix mehr von der Sache gehört.

Im Kachelmann-Prozess hatte die Zeit-Gerichtsreporterin Sabine Rückert in das Prozessgeschehen eingegriffen, indem sie dem damaligen Angeklagten Jörg Kachelmann ihren Buch-Kooperationspartner als Anwalt andiente. Belohnt wurde sie dafür von Kachelmann mit einem Exklusiv-Interview. Bunte wiederum, die während des Prozess stramm an der Seite der Nebenklägerin stand, bekam von ihr eine Exklusiv-Geschichte geliefert. Dass diese Händel in Mainstream-Medien oder in einer Talkshow mal ausführlich durchdekliniert wurden – Fehlanzeige.

Beim jüngsten Henri-Nannen-Preis in Hamburg gab es einige Aufregung, weil einem Spiegel-Mitarbeiter der Preis für die beste Reportage aberkannt wurde. Er hatte in seinem Porträt über den CSU-Chef Horst Seehofer dessen Modell-Eisenbahn haarklein beschrieben, ohne sie je gesehen zu haben. Der Begriff von der “szenischen Rekonstruktion” machte die Runde. In Medien-Fachdiensten wurde ein bisschen diskutiert und kritisiert. Jetzt geht alles heiter weiter seinen szenisch rekonstruierten Gang.

Das ZDF findet sogar nichts dabei, wenn der Bundespräsident Christian Wulff beim “Sommer-Interview” nur so tut, als ob er im Urlaub wäre und sich mit einem Dienst-Hubschrauber mal eben nach Norderney fliegen lässt. Der schönen Bilder wegen. Eilig wird versichert, dass er ja später dann auch wirklich dort Urlaub machen würde. Dass der Bundespräsident auf eine so schäbigen Inszenierung besteht, wirft ein ungutes Licht auf dessen Amtsverständnis. Dass das ZDF das Zuschauer-Verschaukel-Spielchen sofort mitmacht, verwundert dann auch niemanden mehr.

Das sind alles mehr oder weniger kleine deutsche Medien-Skandälchen der jüngeren bis jüngsten Vergangenheit. Wer sich darüber zu sehr aufregt, steht schnell als Moral-Apostel oder Zeigefinger-Schwinger in der Ecke der Spielverderber. Ist doch alles nicht so wild oder? Guckt doch lieber mal, was bei den Engländern los ist!

Tritt man aber einen Schritt zurück vom Tagesgeschäft, dann erkennt man, dass hier langsam aber sicher eine Branche dabei ist, sich selbst die Luft aus dem aufgeblasenen Glaubwürdigkeits-Popanz zu lassen. Viele Medienmenschen sitzen immer noch auf einem hohen Ross, denken sie haben die Moral gepachtet. Aber sobald sie selbst betroffen sind, ist auf einmal alles ganz anders. Da werden Journalisten, sonst groß im Austeilen, schnell dünnhäutig und drohen mit juristischen Schritten. Chefredakteure, die in Talkshows souverän die Schlechtigkeit der Welt anprangern, werden wortkarg, wenn es um Ungereimtheiten bei ihren eigenen Blättern geht. Wenn Medien von den einschlägigen Presse-Kammern in Berlin und Hamburg Urteile kassieren, die die Privatsphäre vom Prominenten stärken, wird laut gejammert. Wege der Pressefreiheit. Will man aber der Konkurrenz eine Einstweilige Verfügung oder Unterlassung reindrücken, werden nicht selten dieselben Medienanwälte und Gerichte bemüht, über die man sich kurz zuvor beschwert hat.

In Großbritannien hat es mit der Eskalation des Abhörskandals einen großen Knall gegeben. Ein beispielloser Medienskandal, der vor allem von der Zeitung Guardian mit Beharrlichkeit über Jahre hinweg aufgedeckt wurde. In Deutschland gibt es dagegen immer wieder viele kleine Nadelstiche in die aufgeblasene Selbst-Darstellungs-Maschine der Medien. Für die in Medien oft und gerne beschworene Glaubwürdigkeit kann das langfristig abträglicher sein als der große Knall mit anschließender Selbst-Reinigung.

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