Schwarzer Freitag für Rupert Murdoch

Zwei seiner engsten Vertrauten haben News Corp. verlassen, und Rupert Murdoch kriecht zähneknirschend zu Kreuze. Dank seiner neuen PR-Agentur, die den Skandal unter Kontrolle bringen soll, änderte Murdoch seine Meinung, man habe ‘kleine Fehler’ begangen in ganzseitige Entschuldigungsschreiben in allen Tageszeitungen. Bei der Familie des Abhör-Opfers Milly Dowler entschuldigte er sich gar persönlich. Aber das schützt nicht vor weiteren Fragen über das Verhältnis von News International mit der Polizei und seinem Auftritt vor dem Medienausschuss.

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Zwei seiner engsten Vertrauten haben News Corp. verlassen, und Rupert Murdoch kriecht zähneknirschend zu Kreuze. Dank seiner neuen PR-Agentur, die den Skandal unter Kontrolle bringen soll, änderte Murdoch seine Meinung, man habe ‘kleine Fehler’ begangen in ganzseitige Entschuldigungsschreiben in allen Tageszeitungen. Bei der Familie des Abhör-Opfers Milly Dowler entschuldigte er sich gar persönlich. Aber das schützt nicht vor weiteren Fragen über das Verhältnis von News International mit der Polizei und seinem Auftritt vor dem Medienausschuss.
Wie im letzten Blogeintrag vermeldet, gab es einiges Hin- und Her darüber, ob Rupert und James Murdoch vor den Medienausschuss des britischen Parlaments treten müssen. Rebekah Brooks hatte gleich zugesagt, die Herren wollten aber entweder vertagen oder lieber gar nicht. Aber wenn eine Einladung vom Serjent-at-Arms des House of Commons, komplett mit Schwert, überreicht wird, lässt sich im Terminkalender doch so einiges verschieben. Und so werden am Dienstag Brooks und die beiden Murdochs im Westminster Palace erwartet. Auch wenn die Übertragungen solcher Komitees sonst grausam langweilig sind, könnte dies glatt ein Quotenrenner werden.
Rebekah Brooks wird vor den Ausschuss treten, obwohl sie am Freitag ihren Posten als Chefin von News International angesichts allgegenwärtiger Kritik verlassen hat. Selbst ihr alter Freund und Premierminister David Cameron hielt dies für die richtige Entscheidung. Laut Guardian kam der Todesstoß von News Corps’ zweitgrößtem Aktionär, dem saudi-arabischen Prinz Alwaleed bin Talal. Ethik ist sehr wichtig für ihn, so der reichste Mann der arabischen Welt, und wenn Brooks eindeutig in diese Angelegenheit verwickelt sein sollte, dann müsste sie gehen. Tom Mockbridge, bislang Chef von Murdochs Sky Italia, wird sie in London ersetzen.
Wenige Stunden nach Brooks’ Kündigung verlies ein weiterer Murdoch-Manager das sinkende Schiff: Les Hinton war über 50 Jahre lang für News Corp. tätig und galt als einer der engsten Vertrauten des australischen Medienmoguls. Hinton war zu der Zeit des Abhör-Skandals, als Rebekah Brooks und Andy Coulson Chefredakteure waren, der Boss von News International. Auch wenn er zuletzt die News Corp.-Sparte Dow Jones in New York leitete, wird Hinton ebenfalls für den Skandal bei dem inzwischen eingestellten Revolverblatt News of the World mitverantwortlich gemacht.
Trotz zweier hochkarätiger Kündigungen wird bereits über den nächsten Fall, der ja bekanntlich nach dem Hochmut kommt, spekuliert. James Murdoch, Sohn und vermeidlicher Erbe von Rupert, wird immer häufiger genannt, nicht zuletzt, weil mit Brooks sein „Schutzschild“ weg ist. Bislang war die rothaarige Managerin im Auge des Sturms, aber mit ihrem Abgang steht James nun alleine da. Als ehemaliger Chef von News International genehmigte er 2009 eine großzügige Kompensationszahlung an Abhör-Opfer Gordon Taylor, Chef der Professional Footballers’ Association. Die 700.000 Pfund werden inzwischen als ‚Schweigegeld’ gesehen, verglichen mit den 100.000 Pfund, die Sienna Miller im Frühjahr als Ausgleichszahlung bekam. Damit ist klar, dass James Murdoch schon lange von den illegalen Methoden bei der News of the World wusste. Der Labour-Abgeordnete Tom Watson, der sich seit zwei Jahren für die Klärung des Abhör-Skandals einsetzt, forderte James auf, seinen Posten als Chairman von BSkyB niederzulegen, zumindest bis die Ermittlungen abgeschlossen sind..
Die weltweit größte PR-Agentur und politische Lobbygruppe Edelman hat also gar nicht so wenig für ihren neuen Kunden News Corp. zu tun. Mit der Anzeige unter dem Titel ‚Es tut uns leid’, in der sich Rupert Murdoch für ‚schwerwiegendes Fehlverhalten’ und den ‚verursachten Schmerz bei allen Betroffenen’ entschuldigt, ist ein guter Anfang getan. Darin verspricht er auch, dass sie die Angelegenheit klären wollen: „Sie werden bald wieder von uns hören. Mit freundlichen Grüßen, Rupert Murdoch“. Und das am Tag nachdem er das Verhalten seiner Angestellten als ‚kleine Fehler’ bezeichnete. Die ganzseitige Anzeige ist heute in allen sieben überregionalen Tageszeitungen geschaltet; nicht das billigste Vergnügen, aber ein Symbol für eine dringend nötige Kehrtwende.
Gestern traf sich der alternde Konzernchef auch mit der Familie des ermordeten Schulmädchens Milly Dowler. Die Enthüllung, dass ihre Mobilbox ebenfalls abgehört und Nachrichten gelöscht wurden und damit der Familie falsche Hoffnung gab, hatte den Skandal vorige Woche zum Überkochen gebracht und das Ende der News of the World herbeigebracht. So gut hat ihn die PR-Agentur trainiert, dass Murdoch sogar anbot, zu den Dowlers nach Surrey, einer Gemeinde südlich von London, zu fahren. Die wollten ihn aber nicht in ihrem Haus haben, und so traf man sich auf neutralem Boden in einem Londoner Hotel. Auch wenn das Treffen privat war, erklärte die Familie hinterher, Murdoch habe sich während des einstündigen Meetings wieder und wieder für den Vorfall entschuldigt – und sie glauben ihm.
Damit sind bei weitem nicht alle Mea Culpas gesagt. David Cameron hat zwar schon Verantwortung für seine dumme Entscheidung übernommen, den ehemaligen News of the World-Chefredakteur Andy Coulson zu seinem Pressesprecher zu machen, kurz nachdem der im ersten Akt des Abhör-Skandals in 2007 die Redaktion verließ. Wie sich nun herausstellt, war Coulson im März – zwei Monate nachdem er auch bei Cameron kündigen musste – auf dessen Landsitz Chequers für ein Wochenende zu Besuch. Privat, nicht offiziell, wie man in der Downing Street betonte, als ob das besser wäre.
Die insgesamt 26 Treffen mit leitenden Angestellten von News International und Cameron, die gestern veröffentlicht wurden, sind noch schwerer zu erklären. Das waren doppelt so viele Meetings wie mit allen anderen Medienorganisationen, seit er im Mai 2010 gewählt wurde – so hat der Independent nachgerechnet. Kein Wunder vielleicht, dass das Medien-Grundsatzprogramm der Konservativen teilweise wortgleich mit den Forderungen von News International war, die das Unternehmen an Gordon Brown in seiner Zeit als Premierminister stellten. Brown deutete auf diesen komischen Zufall diese Woche bei seinem ersten Parlamentsauftritt seit seiner Wahlniederlage hin, schließlich kann er als weiteres Abhör-Opfer auch mitreden.
Entzückte Briten, die dem Skandal mit immer größeren Augen und Kopfschütteln folgen, haben gestern zudem mehr über die Beziehung zwischen News International und der Polizei erfahren. So  hat sich unser Top-Polizist, Met Commissioner Sir Paul Stephenson, ganze 24 Mal mit Murdochs Gesandten getroffen, meistens zum Essen. Seine  Stellvertreter John Yates und Andy Hayman meldeten fünf und sieben Meetings respektive. Es kommt noch viel besser: Hayman, der die ersten Untersuchung des Abhör-Skandals in 2006 so vermasselte, wurde nach seinem Ausscheiden aus der Metropolitan Police zum Kolumnisten für Murdochs Zeitung The Times. Und Neil Wallis, der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der News of the World, der diese Woche ebenfalls verhaftet wurde, war für die Met tätig. Wallis gründete in 2009 eine PR-Firma, zu deren Kunden Sir Paul und Yates gehörten. Innenministerin Theresa May hat Sir Paul um Klärung gebeten. Haareraufend, vermutlich.
Wie so oft schon geschrieben kommt es immer noch schlimmer in Sachen Murdochgate. Der Schauspieler Jude Law verklagt neben der News of the World nun auch das Schwesterblatt Sun wegen illegalen Abhörens. Die Sun hat diesen Vorwurf rigoros abgestritten, aber das Boulevardblatt wurde damit zum zweiten Mal bezichtigt, die gleichen Taktiken wie die News of the World angewandt zu haben. In den USA hat das FBI ihre Ermittlungen begonnen, um zu klären, ob Opfer, Angehörige und Feuerwehrleute der Nine-Eleven-Terroranschläge auf New York und Washington ebenfalls bespitzelt wurden. Sollte sich der Vorwurf bewahrheiten, sehen optimistische Demokraten bereits das Ende des konservativen Propagandasenders Fox News. Vielleicht gibt es damit ja ein Happy End für diese unglaubliche Geschichte.

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