Missratene Nachrufe auf Leo Kirch

Leo Kirch ist diese Woche gestorben. Die taz konnte es nicht lassen auch dazu eine betont “witzige” Schlagzeile zu produzieren. Bei Horizont.net sorgte eine Anzeige im Kirch-Nachruf für einen Fauxpas. Die lustigste Sommerloch-Schlagzeile lieferte die Hamburger Mopo mit “Die Facebook-Trottel von der CDU”, European-Chef Görlach wurde von seinem Spezi Matussek zum Gentleman geadelt, die FAZ ließ mit einer Gegendarstellung die Hosen runter und Google+ ist nicht zu stoppen.

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Mit Leo Kirch ist in dieser Woche einer der ganz Großen der deutschen Medienlandschaft gestorben. Der Mann hatte die berühmten Ecken und Kanten, war ein Charakterkopf, wie man ihn in der Wirtschafts- und Medienwelt kaum noch findet. Wahrscheinlich sogar überhaupt nicht mehr. Wahrscheinlich war er wirklich so skrupellos und machtgierig, wie ihm einige Nachrufer attestieren. Er soll aber auch charmant, witzig und vertrauenswürdig gewesen sein. Deutlich weniger Stil als Kirch hatte jedenfalls die Berliner taz mit ihrer Schlagzeile zu seinem Tod bewiesen. “Endlich wieder oben” texteten die stets um einen besonderen Witz bemühten taz’ler zu einem Foto, auf dem Leo Kirch nach oben schaut. Das ist nicht sonderlich lustig, sondern schlicht geschmacklos.

Wie die moderne Online-Technik eine Schlagzeile konterkarieren kann, mussten dagegen die Kollegen bei Horizont.net erfahren. Das automatische Online-Anzeigen-System platzierte eine Facebook-Anzeige mit “Gefällt mir”-Slogan und Daumen-Hoch-direkt in die Geschichte von Kirchs Ableben. Das sind die Tücken des Targeting. (gefunden über den Twitterfeed von @DerBulo).

Und nun zu etwas ganz anderem. Die Hamburger Morgenpost hat mir mit der sensationellen Zeile “Die Facebook-Trottel von der CDU” am Mittwoch den Morgen versüßt. Am nächsten Tag legte die Redaktion nochmal nach und textete: “Angst im Dorf der Facebook-Trottel.” Herrlich! Die Geschichte drehte sich um ein paar Provinz-Politiker im norddeutschen Dorf Hasloh, die aus Versehen öffentlich via Facebook zu einem kleinen Scheunenfest eingeladen hatten. Prompt meldeten sich tausende Spaßvögel im weltgrößten Social Network an, auch die Hells Angels wurden angekündigt. Und die CDU in Hasloh schlottert. Eine köstliche Sommerloch-Posse in bestem Boulevard-Style. Danke, Mopo!

Diese Woche mal wieder das Männer-Magazin GQ auf den Tisch bekommen. Das ist jene Zeitschrift, die im Herbst im Bündel mit der deutschen Wired erscheinen wird. In der aktuellen GQ schreibt Spiegel-Autor Matthias Matussek in der Rubrik “Gentlemen” über Alexander Görlach, den Gründer und Chef des Online-Debatten-Magazins The European. Matussek vergisst in dem lobhudelnden Stückchen (“Im Netz ist Meinung die härteste Währung. Görlachs Onlinemagazin ‘The European’ ist die Notenbank dazu.”) aber zu erwähnen, dass er selbst mal als Autor bei The European ein kurzes Gastspiel lieferte, bevor der Spiegel ihm das verbot. Dafür erwähnt er gleich dreimal, dass Görlach gerne Seidenanzüge trägt. Man muss halt Prioritäten setzen.

Manchmal ärgere ich mich ein bisschen, dass die FAZ es nicht schafft, Quellen zu nennen. Oft wird gar nicht geschrieben, wo eine Info her ist oder es wird nur nebulös auf “Berichte”, “Zeitungen”, “Magazine” oder gar “Medien” verwiesen ohne die genauen Titel oder Online-Angebote zu nennen. Nun ist mir eine Gegendarstellung in der FAZ vom Mittwoch aufgefallen. Darin ließ die Nachrichtenagentur dapd Folgendes gegendarstellen: “In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 4. Juli 2011 wurde auf der Seite 37 im Teil Medien ein Artikel über einen bevorstehenden Kauf der französischen Fotoagentur Sipa durch die dapd mit der Überschrift ‘Die Deutschen kommen!’ veröffentlicht. Hierzu hieß es: ‘’Überflüssig‘ solle dpa werden, erklärte Vorderwülbecke 2009, als dapd aus der früheren Nachrichtenagentur Deutscher Depeschendienst (ddp) und dem deutschen Ableger der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press (AP) entstand.’ Hierzu stellen wir fest: Dr. Martin Vorderwülbecke hat sich nicht wie zitiert geäußert.” Unter die Gegendarstellung schrieb die FAZ eine Anmerkung der Redaktion: “Stimmt. Am 8. Dezember 2009 äußerte Peter Löw, zusammen mit Vorderwülbecke Eigentümer des damaligen ddp, in der ‘Süddeutschen Zeitung’ vielmehr, man wolle durch den Zusammenschluss von ddp und deutscher AP die beste Voll-Agentur in Deutschland werden und den Marktführer dpa verzichtbar machen.” Die FAZ-Redaktion hat also aus “verzichtbar” das Wort “überflüssig” gemacht. Schon richtig, dass diese Gegendarstellung der dapd so ein bisschen kleinkariert daherkommt. Die Anmerkung der FAZ legt aber auch schön offen, wie sich die FAZ für ihren eigenen Artikel bei einem alten SZ-Interview bedient hat.

Jetzt bin ich auch bei Google+. Eigentlich war mir das zu blöd. Schon wieder ein neues Social Network, schon wieder Kontakte hinzufügen usw. Noch eine Plattform, bei der man irgendwas hinterlassen und “teilen” soll. Aber nach ein paar Tagen muss ich feststellen: Das Ding hat Charme. Es funktioniert alles relativ reibungslos und ohne viel Arbeit. Und vor allem die clevere Integration in Googles anderen Diensten wie Mail und Text & Tabellen gefällt mir sehr. Mal sehen, wie sich das weiter entwickelt. Ein bisschen ernsthafte Konkurrenz kann Facebook jedenfalls nicht schaden.

Schönes Wochenende!

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