Gedanken über das “Lügenfernsehen”

Die ARD zeigte am Donnerstagabend die “Panorama”-Presenter-Reportage “Das Lügenfernsehen”. Reporterin Anja Reschke wollte aufdecken, wie Privatsender Zuschauer belügen und bei so genannten Scripted-Reality-Formaten tricksen und täuschen. Aber auch der ARD-Film übers “Lügenfernsehen” bot bestenfalls die halbe Wahrheit. Der Film war suggestiv und manipulativ in der Machart. Passagen, die unangenehm für die ARD sein könnten, wurden einfach herausgeschnitten.

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Die ARD zeigte am Donnerstagabend die “Panorama”-Presenter-Reportage “Das Lügenfernsehen”. Reporterin Anja Reschke wollte aufdecken, wie Privatsender Zuschauer belügen und bei so genannten Scripted-Reality-Formaten tricksen und täuschen. Aber auch der ARD-Film übers “Lügenfernsehen” bot bestenfalls die halbe Wahrheit. Der Film war suggestiv und manipulativ in der Machart. Passagen, die unangenehm für die ARD sein könnten, wurden einfach herausgeschnitten.

Presenter-Reportagen sind so eine Sache. Dieses Reportage-Format, bei dem der Reporter als Person im Bild bei der Recherche zu sehen ist und sich aktiv ins Geschehen einmischt, erfreut sich gerade bei der ARD zunehmender Beliebtheit. Die subjektive Machart soll Spannung erzeugen. Die Zuschauer blicken den Reportern bei ihrer Arbeit quasi über die Schulter. Gleichzeitig bietet das Format den Reportern selbst reichlich Gelegenheit, die eigene Eitelkeit zu befriedigen. Christoph Lütgert und seine Maschmeyer-Reports lassen schön grüßen.

Leider besteht bei Presenter-Reportagen die Gefahr, dass aus der Subjektivität schnell Manipulation wird. Und aus Spannung wird Effekthascherei. So auch bei dem “Panorama”-Film “Das Lügenfernsehen”, der in einigen Momenten an die unsäglich parteiische Presenter-Reportage von Reschkes SWR-Kollegen Thomas Leif “Quoten, Klicks und Kohle” erinnerte. Auch beim “Lügenfernsehen” ist die Welt peinlich genau sortiert: hier die guten öffentlich-rechtlichen, dort die bösen Schmuddelkinder vom Privatfernsehen.

Was “deckte” Anja Reschke in ihrer Reportage überhaupt auf? Sie fand heraus, dass zahlreiche Szenen in Nachmittags-Serien der privaten Sender mit gestellten Szenen arbeiten. Die Reihe “Die Schulermittler” von RTL ist sogar komplett erfunden (was in Vor- und Abspann auch offengelegt wird), tut aber so, als sei das gezeigte realistisch. Sacre Bleu! Diese eher überschaubaren Enthüllungen wurden angereichert mit Interviews von alten Männern (der frühere Postminister Christian Schwarz-Schilling und der medienpolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion Wolfgang Börnsen). Den beiden rückt die Reporterin bewaffnet mit Mikrofon und der durchsichtigen Suggestivfrage zu Leibe, ob sie sich diese Art von Fernsehen gewünscht hätten, als sie sich damals fürs Privat-TV einsetzten. Die Antworten kann man sich denken.

Die Rolle des Schurken in dem “Panorama”-Stück durfte RTL-Sprecher Christian Körner spielen. Das RTL-Gebäude wurde vom ARD-Team bereits von außen gefilmt, als nähere man sich dem Dunklen Turm des bösen Herrschers in “Der Herr der Ringe”. Körner hatte die undankbare Aufgabe, die Vorwürfe der NDR-Reporterin abzuwiegeln und als Buhmann dazustehen. Dass er dabei keine besonders gute Figur machte, konnte dem NDR nur Recht sein. Seine Abneigung gegen die Reporterin war im Film fast mit Händen zu greifen. Wenn Körner sagt, RTL freue sich natürlich, dass man sich bei der ARD so sehr für ihre Formate interessiert, dann war das Zynismus pur.

Dabei ist das, was die Zuschauer des Ersten Programms da am Donnerstag zu sehen bekamen gar nicht mal neu. Der Film lief bereits im Dritten Programm des NDR und sah da noch ganz anders aus. Wie im Blog des Web-TV-Formats “Fernsehkritik TV” nachzulesen ist, hat die ARD für die Wiederausstrahlung in der ARD wesentliche Teile der Reportage entfernt. So fehlt ein Teil über die TV-Fälschungen des Produzenten Michael Born, auf den in den 90er Jahren vor allem Günther Jauch mit seinem “stern TV” reingefallen war. Jener Günther Jauch, der gerade zum großen neuen ARD-Talkstar aufgebaut wird.

Auch ein Interview mit Karl-Heinz Angsten von der Produktionsfirma Good Times wurde rausgeschnitten. Good Times ist die Produktionsfirma der Sendereihe “Mitten im Leben”, die in “Das Lügenfernsehen” mehrfach angeprangert wird. Allerdings produziert Good Times auch Sendungen für den “Panorama”-Sender NDR, zum Beispiel “Die Lebensretter”.  Auch ein Teil, der sich kritisch mit der RTL-Streetworker-Doku “Die Ausreißer” befasste, fehlte in der ARD-Version. Immerhin bekam “Die Ausreißer” 2008 den Deutschen Fernsehpreis, der u.a. von der ARD  verliehen wird. Und der Sozialarbeiter aus “Die Ausreißer” war auch schon in der ARD-Talkshow “Hart aber fair” gern gesehener Studiogast. Die fehlenden Passagen wurden ersetzt mit den Suggestiv-Interviews mit Schwarz-Schilling und Börnsen.

Lügen bestehen eben nicht nur darin, die Unwahrheit zu sagen. Lügen kann auch sein, gewisse Dinge wegzulassen oder in eine bestimmte Richtung zu drehen. So gesehen “lügen” die “Panorama”-Leute genauso wie die Privaten von RTL, ProSieben und Co. Die ARD stellt sich dabei nur geschickter an. Ein kleines bisschen jedenfalls.
Hier kann man sich "Das Lügenfernsehen" nochmals in der ARD-Mediathek anschauen.

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