Der Untergang des Hauses Murdoch

Gestern Abend gab der britische Ex-Premierminister Gordon Brown bekannt, dass er von drei der vier News International-Zeitungen über einen Zeitraum von zehn Jahren bespitzelt wurde. Neben dem inzwischen üblichen Phone-Hacking wurden von den Murdoch-Blättern Sun, News of the World (NoW) und Sunday Times seine Bankkontodaten sowie die Krankengeschichte seines schwerkranken Kindes eingeholt. Kein Wunder, dass der Abgeordnete Tom Watson von "institutioneller Kriminalität" spricht.

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Gestern Abend gab der ehemalige britische Premierminister Gordon Brown bekannt, dass er von drei der vier News International-Zeitungen über einen Zeitraum von zehn Jahren bespitzelt wurde. Neben dem inzwischen üblichen Phone-Hacking wurden von den Murdoch-Blättern Sun, News of the World (NoW) und Sunday Times seine Bankkontodaten sowie die Krankengeschichte seines schwerkranken Kindes eingeholt. Kein Wunder, dass der Abgeordnete Tom Watson von ‚institutioneller Kriminalität’ spricht.

Leute mit dem Namen Murdoch hätten jegliche Glaubwürdigkeit verloren, denn so könne man kein Unternehmen leiten. Das sagte Michael Wolff, Medienjournalist und Murdoch-Biograph, gestern Abend gegenüber der britische Nachrichtensendung Channel 4 News. Laut Wolff hat Murdoch soviel Ärger wie noch nie. Ob er da wieder rauskommt, ist alles andere als sicher. Premierminister David Cameron rügte Murdoch außerdem dafür, weiterhin in Sachen BSkyB-Übernahme zu verhandeln statt alle Kraft auf die Aufklärung der Affäre zu konzentrieren.

Denn der Skandal breitet sich immer weiter aus. Gordon Brown, langjähriger Finanzminister und kurzzeitige Premier, wurde massiv von News International ausspioniert – und zwar nicht nur von der berüchtigten News of the World, sondern auch von der Sun und der renommierten Sonntagsausgabe der Times. Laut Guardian wurde Browns Bank von Mitarbeitern der Sunday Times dazu überredet, Details über den Preis für eine Wohnung, die er verkauft hatte, herauszugeben. Die Sunday Times soll auch Akten von Browns Anwaltsfirma Allen & Overy erschwindelt haben. Ein Privatdetektiv nutzte Kontakte in der Polizei, um deren Datenbanken nach Brown zu durchsuchen. Und die Sun veröffentlichte eine Meldung über seinen schwerkranken Sohn Fraser, der zystische Fibrose hat.

Besonders der letzte Fall ist ganz klar ein Bruch des Datenschutzes. Und wer könnte so etwas nicht nur gewusst, sondern auch veröffentlicht haben? Richtig. Rebekah Brooks, die ‚Wicked Witch of Wapping’ (dem Londoner Standort der News International). Sie war zu der Zeit Chefredakteurin der Sun. Murdochs Lieblingsmanagerin rief Brown sogar an, um ihm mitzuteilen, sie habe die Krankengeschichte des Kindes und werde dazu eine Story machen.

Die Metropolitan Police, deren schäbige "Ermittlungen" in diesen Fall 2006/2007 scharf kritisiert wurden, versucht ihrerseits, den Schaden zu limitieren und sich von News International zu distanzieren. Assistant Commissioner John Yates muss sich am heutigen Dienstag vor einem Ausschuss des Innenministeriums dafür verantworten, warum er die Phone-Hacking-Akte 2009 nicht neu eröffnet hat. Zwei Jahre zuvor hatte die Polizei Verurteilungen des Privatdetektivs Glen Mulclaire und des Adelskorrespondenten Clive Goodman erreicht. Dabei hatte die Polizei tonnenweise Beweismaterial, wie die Notizbücher von Mulclaire, kaum durchgesehen. Als der Guardian 2009 begann, über die Affäre zu berichten, gab es laut Yates keine neuen Indizien, und deshalb hatte er sich dann Fall nicht noch mal angesehen. Er streitet allerdings Verschwörungstheorien ab und spricht von Verwirrung und Fehlverhalten seitens der Polizei.

Wie am gestrigen Montag berichtet, hatte News International 2006 für die Ermittlungen nur etwa 300 interne Emails an die Met weitergegeben. Warum weitere 2500 Mails erst jetzt von dem Konzern überreicht wurden, das wollte man unter anderen von Andy Coulson wissen, dem früheren News of the World Chefredakteur und Ex-Kommunikationschef von Premierminister Cameron, der am Freitag verhaftet wurde. Diese Mails weisen auf Bestechungsgelder an die Polizei hin, die offenbar von Coulson autorisiert wurden. News International gab dazu bislang keine Stellung ab.

Hatte Murdoch 20 Jahre lang das Vereinigte Königreich fest im Griff, zerfällt seine Macht nun mit rasender Geschwindigkeit. Die größte Polizeitruppe des Landes muss neben dem Skandal bei News International auch ungemütliche Vorfälle in den eigenen Reihen angehen. Die Konservativen haben sich von Murdoch abgewendet, Labour hat die meisten bespitzelten Politiker in ihren Reihen, und die Liberal-Demokraten sind schon lange sauer, weil sie von den News International-Titeln immer ignoriert wurden.

Vom Buckingham Palace wird Murdoch auch keine Weihnachtskarte mehr bekommen, nachdem Reporter die Nummer der Königin von ihrem Sicherheitspersonal abkauften und Charles und Camillas Mailboxen abhörten. Ohnehin begann die ganze Geschichte mit Prinz William: Als im Jahre 2002 eine Meldung über Williams Knieverletzung in der News of the World erschien, forschte der Palast selbst nach. Das Ergebnis: Das Handy eines Bediensteten war angezapft worden. Und Stars auf beiden Seiten des Atlantiks, die bislang so viele Seiten der Tabloids füllten, bejubeln das Ende der News of the World.

Der amerikanische Medienveteran Wolff vermutet, dass sich Murdochs Schwierigkeiten nicht auf Großbritannien begrenzen werden, denn News Corp. wird bereits von einem institutionellen Aktionär in den USA verklagt. Die Amalgamated Bank in New York beschuldigt den Konzernvorstand, keine effektive Klärung des Falls zu bieten, dessen Aufdeckung nicht Jahre hätte dauern sollen. Es sei unvorstellbar, dass James Murdoch und der Aufsichtsrat nichts von den illegalen Tätigkeiten wussten. Zudem wird Rupert Murdoch Vetternwirtschaft vorgeworfen, nachdem er die TV-Produktionsfirma seiner Tochter Elizabeth, Shine Group Ltd, kaufte und Rebekah Brooks trotz Korruptionsvorwürfen weiter beförderte. Amalgamated besitzt eine Million Anteile in News Corp.; weitere Aktionäre könnten dem Beispiel folgen. Vertrauen in den Namen Murdoch – das war einmal.

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