Die Sat.1-“Wochenshow“: verschenkter Raum

Die erste Staffel der “Wochenshow“ ist gelaufen. Quotenerfolge blieben aus. Die Idee, alte Erfolgsmarken wie “Ran“ und die “Wochenshow“ wieder mit Leben zu erfüllen, schien klug und strategisch sinnvoll. Die Auswahl der Protagonisten und die Umsetzung des dürftigen Versuches allerdings konnten die Qualität dieser Idee kaum widerspiegeln und verschenkten potentiellen Raum. Interviews und Statements relativierten Ziel und Misserfolg in einer Kreativität, die man dem Format selbst gewünscht hätte.

Anzeige

Manchmal, wenn das Leben unfreundlich zu Menschen ist, träumen sie sich zurück in alte – wärmere – Zeiten. Nun ist “Forever Young“ als Erinnerung an gute Zeiten zwar ein nachvollziehbarer Reflex: Als Strategie allein taugt er nur unter besonderen Voraussetzungen. Die Entscheidung, die Kraft alter und erfolgreicher Marken wieder zu beleben, bildete vor dem Hintergrund einer nicht auf Rosen gebetteten Sat.1-Geschichte eine in der Tat zunächst sinnvolle und kluge Antwort auf dürre Zeiten. “Ran“ und “Die Wochenshow“ vom Staub der Kellerregale zu befreien und damit wirkliche Sternstunden alter Sat.1-Stärke in die aktuelle Realität zu bewegen, war ohne Zweifel eine gute Idee.

Bei “Ran“ mit  Oliver Welke – und in Grenzen auch einem Kerner – hat man diese Idee einigermaßen erfolgreich umsetzen können. Im Vergleich zur “Wochenshow“ war dies auch die etwas leichtere Übung: Trotz deutlich sinkender Sympathiewerte eines  – warum auch immer – verpflichteten Kerner, der stets ein wenig mehr “um sich selbst dreht“ als spürbaren Kontakt zu seinen Gesprächspartnern gestalten zu können, konnte man darauf setzen, dass die Kraft des Formates wesentlich vom Fußball bestimmt war.

Umsetzung und Kommunikation bei der "Wochenshow" allerdings ignorierten scheinbar  in einer seltsamen Mischung von Dürftigkeit (Sendung) und Kreativität (Interviews) eine ganze Reihe erfolgskritischer Faktoren und nahmen der guten Idee bislang die wirkliche Lebensfähigkeit. Das Format selbst wirkte, als versuchte man ein historisch erstklassiges Fünf-Gänge-Menü inklusive der Suppe mit Werkzeugen einer Pommes-Bude zu kochen. Mit der Revitalisierung der “Wochenshow“ betrat man zwangsläufig ein Feld, in welchem der frühere Erfolg die Latte sehr hoch gelegt hatte: Das Format und die Zeit, in der es vor Jahren lief, bildeten Geburtsstunden wirklich großer Comedians: Anke Engelke, Bastian Pastewka und Co. waren zur richtigen Zeit im richtigen TV-Umfeld, und sie wurden Kult. Das kann man ebenso wenig wiederholen, wie man sich andererseits davon lösen kann. Die alten Namen, ihre Qualität und die von ihnen repräsentierten Figuren sind untrennbar mit der Marke “Wochenshow“ verbunden. Der “Wochenshow“-Start 2011 misslang. Warum?

Die Zweitliga-Besetzung

Das neue Team sah – auf der guten Seite – mit Ingolf Lück und Matze Knop Erstliga-Gesichter. Allerdings: Knop ist nur in einigen Figuren (“Loddar Matthäus“) wirklich lustig. Und Lück war schon – präzise betrachtet –  auch im alten Format der “Wochenshow“ in seiner reinen Moderationsrolle weniger Erfolgsgarant, als in seiner Rolle des “Herbert Görgens“ oder etwa die jeweiligen Figuren von Bastian Pastewka, Anke Engelke, Anette Frier, Marco Rima oder Markus Maria Profitlich. Wirkt Ingolf Lück im 2011er-Format noch so, als wäre die Zeit spurlos an ihm vorübergegangen, hatte Matze Knop in der aktuellen "Wochenshow"-Staffel durchaus humoristische Einbrüche. Und: Lebte das alte "Wochenshow"-Team vor Jahren vom Zusammenspiel individuell herausragender Künstler, so sieht das neue Team ein deutliches, qualitatives Gefälle.

Carolin Kebekus zum Beispiel: Sie ist ohne Zweifel grundsätzlich talentiert. Aber Kebekus ist auch eindimensional und nutzt ausschließlich Facetten jener engen, künstlerischen Bandbreite, die stets ihr mackerhaft männliches, “Ey, Du Opfer!“-Attribut sozialer Randgruppen-Kids in den Vordergrund spielen. Das ist immer mal wieder lustig, aber in der Breite deutlich zu dünn. Kebekus begann im Kick-Off der neuen Staffel mit ewigen Verweisen auf den damals aktuellen Tod Osama Bin Ladens. Das war platt, redundant, nicht lustig und darüber hinaus extrem grenzwertig. Die qualitative Spitze der grenzwertigen Kalauer war erreicht, als man das Foto des Todesbettes von Bin Laden – ein Bild, dass um die Welt ging – sinngemäß für den Kebekus-“Scherz“ nutzte: “Ich weiß gar nicht, was diese Aufregung soll. Als ich entjungfert wurde, sah mein Bett genauso aus.“
Kann man so machen? Nein. Kann man nicht.

Man hat innerhalb der Staffel Korrekturen vorgenommen und sich auf alte Werte des “Wochenshow"-Originals  besonnen. In späteren Folgen hatte Kebekus als Protagonistin der “Stand-Up-News“ in der "Wochenshow" unter anderem deshalb starke Momente, weil man ihr Textvolumen und die damit sichtbar verbundene Unsicherheit reduzierte und eingespielte – in der Tat lustige – Filme nur noch mit kürzeren Kebekus-Kommentaren versah. Kebekus ist stärker geworden, weil man die Sichtbarkeit ihrer Schwächen minimierte.

So sehr man auch produktions- und senderseitig zwangsläufige Vergleiche mit dem alten "Wochenshow"-Team nach außen wegreden will, so wenig genügt die Gesamtqualität des neuen Teams den alten Maßstäben: Toilettenmann Dave Davies, Comedy-Preis-Gewinner 2010 als bester Newcomer, ist kaum witzig. Axel Stein (“Hausmeister Krause“) nutzt – von früher überschaubarem Niveau aus gesehen – zwar breitere, künstlerische Räume, hält jedoch bis zum Erbrechen wieder und wieder seine dürftige Pietro-Lombardi-Parodie in die Kamera. Das greift sich rasend schnell ab. Frederike Kempter (“Tatort“, “Ladykracher“) ist eher blasse Randfigur und lässt mangels Präsenz die Frage offen, was sie in diesem Format wirklich kann. Matthias Matschke (“Ladykracher“, “Pastewka“ div. TV-Rollen) liefert mit “Jean Claude“ eine bis in die Gestik hinein derart offensichtliche “Brisco-Schneider-Kopie“ auf Zweitliga-Niveau und wirkt in der Gestaltung der Rolle ohne wirklichen Witz angestrengt locker. Matschke ist erfahren, aber die Wahrheit ist auch: Er ist im Unterschied zu Engelke und Pastewka ein klassisch guter Mann der zweiten Reihe.

Das Team verschenkte mögliches Potential. Die dürftige Quote ist eine logische Folge. Auch, wenn man offiziell diesen Zusammenhang wegargumentiert: Man hätte dies vorher wissen müssen und schon bei Planung Antworten auf die besondere Situation der Wiederbelebung einer alten Marke finden können. Mit einem Erstliga-tauglichen Christoph Maria Herbst etwa im Team hätte es wahrscheinlich die abgelaufene Staffel qualitativ in Zweitliga-Qualität nie gegeben. Nun bleibt der Weg von Korrekturen und Modifikationen im Nachhinein.

Die Statements: bewegliche Ziele und Kreativität von Begründungen

Öffentliche Kommentare in Interviews scheinen deutlich kreativer als das Format selbst. Sie bemühen Bilder von natürlichem Wachstum nach einem Start und künftiger Verwertung von Erfahrungen. Man lügt sich dabei natürlich in die Tasche und blendet Teile der Wirklichkeit aus. Hier startete kein ganz neues Format, sondern man hat sich – wahrscheinlich mit strategisch unternehmerischem Bedacht – bewusst dazu entschlossen, den Schwung einer ehemals starken Marke zu nutzen. Den Preis dieser sinnvollen Idee allerdings reden sich die Verantwortlichen ebenso schön wie mögliche Nachlässigkeiten bei der Implementierung.
Wolfgang Link, Senior Vice President Entertainment und Unterhaltungschef ProSiebenSat.1-TV Deutschland, verantwortet die “Wochenshow“.  In einem Interview mit medienmilch.de bemühte Link die “Vielseitigkeit des Könnens“ der aktuellen Protagonisten und antwortete in einem Anfall ungewollter Klarheit auf die Frage, warum “die neue Wochenshow… besser sei, als alles, was je in Richtung Humor auf den deutschen Mattscheiben bisher zu sehen war“:  

 “Weil… wir Menschen vom Fernsehen immer unglaublich gerne behaupten, dass unser gerade aktuelles Projekt das Tollste, Schönste, Herausragendste ist. Im Ernst: Es wird lustig.“

Für Zuschauer, welche die erste Staffel-Serie verfolgten, klingen Prophezeiungen wie diese nur begrenzt “übergesichtig“. Klar: Prognosen sind stets dann besonders schwierig, wenn sie sich mit der Zukunft beschäftigen. Ob der Nachname Links innerhalb seiner Antwort auch ein wenig Programm war oder nicht: Link ist per Funktion keiner dieser “Wir-Menschen-vom- Fernsehen“-Figuren, sondern ein erwachsener Manager mit Verantwortung, der an Qualität und Erfolg gemessen werden muss. Zumindest der erste Teil seiner – auf "Wochenshow"-Niveau sensationell humorigen – Antwort trifft den Nagel genauer auf den Kopf, als es Link selbst lieb sein kann. Und, so mag man böse denken, wenn sich an den Fähigkeiten von Klarheit und Realitätsbezug nichts deutlich ändern wird, muss Link künftig nicht nur auf die Köpfe der Nägel achten, sondern mittelfristig auf seinen eigenen. Wie für das Format selbst gilt auch für Link: Das Leben ist kein Konjunktiv.

Im Interview des Branchendienstes DWDL lieferten Produzent Ralf Günther und Head-Autor Chris Geletneky zur aktuellen "Wochenshow" kryptisch – mystische Begründungen für Erfolgsziel, Ansatz und Quote der ersten Staffel. Chris Geletneky: „Man muss mit so einem Format Klinken putzen gehen und die Leute nach und nach überzeugen. Der erste Erfolg ist für uns, dass es keine Totalabsage vom Publikum gab und wir über die Wochen nicht allzu viele Zuschauer verloren haben“.  Okay, denkt man: “ Keine Totalabsage und nur wenige Zuschauer verlieren“ – ein wirklich interessantes Ziel in Nutzung einer alten Top-Marke. Schön, einmal wieder einen bescheidenen Menschen getroffen zu haben. Ganz im Ernst: Das kann doch nicht wahr sein. So sprechen Politiker nach Wahlniederlagen, und so relativieren Enttäuschte nach Misserfolgen nachträglich ihre ursprünglichen Erwartungen und Ziele.

Die Antworten des Produzenten Ralf Günther verströmen darüber hinaus Harry-Potter-Attitüde: “Wir mussten erst den Mythos Wochenshow zerstören, weil wir keine Chance hatten, daran vorbeizukommen. Was die Leute an Highlights von damals noch im Kopf haben, hat mit der heutigen Realität nichts mehr zu tun. Mit Blick auf die Vergangenheit können wir darauf sehr stolz sein. Für die neue “Wochenshow“ mussten wir das aber erst mal kaputt kloppen.“

Ernst und Niveau dieser Kommentare bewegen sich bedrohlich auf dem gewohnten offiziellen Kommunikationsniveau früherer Verantwortlicher zu absehbaren Misserfolgen in Sachen Kerner und Pocher. Der nobelpreisverdächtige Günther-Ansatz, den Start einer neuen Staffel für das “Kaputt-Kloppen“ zu nutzen, anstatt in sensibler und erwachsener Produktion Chancen und Risiken des Ursprungsformats zu bedenken und gleich sinnvolle Qualität auf den Schirm zu bewegen, klingt für einen Verantwortlichen – freundlich formuliert – “verhaltensoriginell“.

Natürlich wird die “Wochenshow“ sich verbessern. Man wird durch harte Kleinarbeit eine Reihe von Modifikationen in Angriff nehmen. Professioneller – und dem vermuteten Gehalt Verantwortlicher wahrscheinlich angemessener – wäre es gewesen, vorher einige sehr grundsätzliche Aspekte zu bedenken, die im Sommer 2011 Quote gekostet haben dürften.

Das ist auch deshalb schade, weil man einer Plattform mit den Möglichkeiten dieses Senders durchaus einen bedachteren, klareren Umgang mit den eigenen Möglichkeiten ebenso wünschen kann, wie den stabilen Erfolg bei der Umsetzung der Idee, ein Top-Format wieder mit Leben zu erfüllen.

Mehr über den Autor: Leadership-academy.de

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige