Volksaufstand gegen News of the World

Wenn Rupert Murdoch bislang hoffte, den Phone-Hacking-Skandal durch lauwarme Versprechen und eine Handvoll Kompensationszahlungen abhaken zu können, hat er falsch gehofft. Die jüngsten Enthüllungen, dass das britische Boulevardblatt auch trauernde Familien bespitzelt hat, bescherten Premier David Cameron eine harte Niederlage während der heutigen Parlamentsdebatte. Der Volksaufstand wird auf Twitter und Facebook inszeniert und soll News International da treffen, wo es am meisten wehtut: auf dem Konto.

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Wenn Rupert Murdoch bislang hoffte, den Phone-Hacking-Skandal durch lauwarme Versprechen und eine Handvoll Kompensationszahlungen abhaken zu können, hat er falsch gehofft. Die jüngsten Enthüllungen, dass das britische Boulevardblatt auch trauernde Familien bespitzelt hat, bescherten Premier David Cameron eine harte Niederlage während der heutigen Parlamentsdebatte. Der Volksaufstand wird auf Twitter und Facebook inszeniert und soll News International da treffen, wo es am meisten wehtut: auf dem Konto.

Die Organisation von Volksaufständen via Twitter ist ja in den letzten Monaten schwer in Mode gekommen, und nun machen auch die Briten mit. Der Phone-Hacking-Skandal der News of the World beschäftigt uns seit Monaten. Bislang  waren es überwiegend öffentliche Personen, die sonst zu gern in der Presse sind. Aber offenbar waren auch die Eltern von vermissten – und ermordeten – Schulmädchen im Visier der Zeitung. Und gestern Abend wurde bekannt, dass Familienangehörige von Opfern der Bombenanschläge im Juli 2005 in London ebenfalls betroffen sein könnten.
Obendrauf hat News International nun Emails entdeckt, die darauf hinweisen, dass die Zeitung leitende Polizisten zwischen 2003 und 2007 für Stories gezahlt hat. Zu der Zeit war Andy Coulson der Chefredakteur und damit Nachfolger von Rebekah Brooks. Die Emails deuten an, dass er die Zahlungen autorisiert hat. Coulson wurde im letzten Jahr zum Pressesprecher von David Cameron, musste aber Anfang dieses Jahres angesichts des Phone-Hacking-Skandals kündigen. Er stritt jegliches Wissen der Praktiken seiner Redaktion ab.
Und jetzt reichts. #saynotonotw (NotW – News of the World, also‚ nein zur NotW sagen’) war heute morgen der Toptrend auf Twitter UK, und die Facebook-Gruppe ‚Boycott News of the World’ hat in kurzer Zeit schon mehr als 4.000 Mitglieder gesammelt. Etliche Kommentare zielen auf Werbungstreibende ab, die bislang in dem Blatt inseriert haben. Die Liste der Vorstandsvorsitzenden der Werbekunden wurde getweetet, damit sich Kunden direkt beim Vorstand beschweren können.
Mit Erfolg: Ford, Renault, Virgin Holidays, Co-op, die Bank Halifax und das einflussreiche Online-Portal für Eltern Mumsnet haben ihre Werbebuchungen bis auf Weiteres storniert. T-Mobile, Orange, die Supermärkte Tesco und Asda sowie der Stromanbieter npower überprüfen ihre Werbestrategien. Laut Guardian hat npower in den 12 Monaten bis Ende Mai eine Million Pfund für Werbung in der News of the World gezahlt, Halifax 1.5 Millionen Pfund und Ford 600.000 Pfund. Zudem fordern Twitterer, Zeitungshändler das Blatt nicht mehr anbieten, bis der Skandal geklärt ist.
Ob Murdoch noch weiter seine Großbritannien-Chefin und ehemalige News of the World-Chefredakteurin Rebekah Brooks schützen kann – und will – wird immer unwahrscheinlicher. Der jüngste Volksaufstand und die Werbeeinbußen werden für ihn teuer, dazu noch der zu erwartende Auflageneinbruch und irreparabler Imageschaden. Und ohnehin hatte News International erst im April acht Opfern des Phone-Hackings Kompensation gezahlt – Sienna Miller bekam 100.000 Pfund – und steht mit weiteren neun in Kontakt.
Der Entschluss, dass die internen Ermittlungen bei News International ausgerechnet von Brooks geleitet werden, brachte dem Unternehmen weitere heftige Kritik. Soll sie wirklich gegen sich selbst ermitteln? Die Forderung nach einer offiziellen Untersuchung des Falls wird immer lauter, und wurde nun endlich auch von David Cameron gehört.
Murdochs Einfluss auf britische Politik ist nichts Neues, aber Cameron hat sich besonders nah angekuschelt. Die Ernennung von Coulson zum Pressesprecher gab der Opposition die Gelegenheit, Camerons Urteilsvermögen in Frage zu stellen. Die provisorische Genehmigung der kompletten Übernahme von BSkyB durch News International, trotz dieses Skandals und Sorgen um Medienvielfalt, brachte ihn erneut in die Schusslinie. Und bei der heutigen Prime Ministers Question Time im Unterhaus musste er sich heftigste Kritik gefallen lassen. Er habe keine Führungsstärke bewiesen, so Oppositionsführer Ed Milliband, und habe keine Ahnung von der Stimmung im Volke. Cameron versprach die geforderte offizielle Untersuchung, aber erst, nachdem die Polizei ihre Ermittlungen abgeschlossen hat. Und das kann noch dauern. Ohne Murdoch kann man in Großbritannien nicht gewählt werden, aber zu viel Nähe kann auch nicht gesund sein.
Selbst wenn die Wut des Volkes sich bis zur Downing Street ausweitet, kann Cameron das wohl überleben. Seine Kultur- und Medienminister werden dagegen Nachtschichten einlegen müssen, um die Konsequenzen des Skandals zu analysieren und in neue Gesetze zu erarbeiten. Eine laute Stimme zur Verschärfung des Pressegesetzes kommt dabei ausgerechnet von dem Schauspieler Hugh Grant. Er hatte Anfang des Jahres einen kleinen Racheakt vollbracht und selbst ‚undercover’ ein Gespräch mit einer der News of the World-Schattenfiguren über deren Arbeitsweisen gefilmt. Gestern Abend forderte er in einem Interview mit Channel 4 News, dass die Press Complaints Commission, die hierzulande die Medien regulieren soll, abgeschafft und mit einem schärferen Kontrollgremium ersetzt wird. Schließlich werden unsere Fernsehsender und Werbeindustrie ausgezeichnet reguliert. Warum darf man sich im Print nur so unmoralisch benehmen. Und das von Hugh Grant… 
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