Kritischer Report: Wiki-Watch droht FAZ

Publishing So schnell zieht die FAZ selten zurück: Kurz nach der Veröffentlichung eines Artikels über Manipulationsvorwürfe gegen Wiki-Watch.de stellt die Redaktion den Text offline. Eine Weiterverbreitung konnte so nicht gestoppt werden. Fix wurde der Text kopiert und im Web wieder veröffentlicht, denn der gelöschte Artikel über angeblich unsauberes Gebaren vermeintlich konservative Krisen-PR-Experten hat das Zeug zum Klick-Hit. Der Fall zeigt vor allem, wie schwierig es ist, eine brisante Story aus den Netz zu nehmen.

Werbeanzeige

Konkret geht es um den Text "Hier prüft der Bürger das Insulin noch persönlich" von Jörg Wittkewitz. Doch unter dem Link ist nicht mehr der Ursprungstext zu lesen, sondern eine redaktionelle Stellungnahme. Der freie Autor hatte in der Geschichte, wie die FAZ jetzt erklärt, "Manipulationen von Wikipedia-Artikeln, vor allem medizinischen Inhalts, aufgezeigt, die teilweise von denselben Personen vorgenommen wurden, die für Wiki-Watch tätig sind." Weiter heißt es dort: "Diese Internet-Plattform, die eigentlich für die Überprüfung von Eingriffen in Wikipedia-Artikel zuständig ist, firmiert als ‘Arbeitsstelle im Studien- und Forschungsschwerpunkt ,Medienrecht’ der Juristischen Fakultät der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)’." Weil nun deren Leiter Wolfgang Stock und Johannes Weberling juristische Schritte ankündigten, hatte sich die Frankfurter Redaktion dazu entschlossen, das Stück "aus presserechtlichen Gründen bis auf weiteres von unserer Homepage" zu nehmen.

Der Versuch der Wiki-Watch-Macher, die Recherchen von Wittkewitz – ob nun richtig oder falsch – möglichst schnell aus dem Web zu bekommen, scheiterten jedenfalls. Denn einige Blogger und Web-Aktivisten sicherten den Artikel an verschiedenen Orten und twitterten und posteten schnell die neuen Adressen, über die das Stück zu finden ist. So entwickelte sich die Kritik an Wiki-Watch übers Wochenende schnell zu einem kleinen "Shitstorm". "Nichts verbreitet einen solchen Sachverhalt im Internet schneller als Abmahnungen und rechtliche Schritte", bloggt Michael Schmalenstroer zu dem Fall: "Schnell tauchen Mirrors des entsprechenden Artikels auf und dabei werden Methoden genutzt, die der FAZ als an deutsches Medienrecht gebundene Zeitung nicht zur Verfügung stehen: Der Onlinespeicherdienst Dropbox wird genutzt, um anonym unabhängige Informationen zu verbreiten. Auf Twitter wird diskutiert. Auf Facebook hagelt es Kommentare. Noch mehr Blogs berichten kritisch. In der Wikipedia ist die Diskussion im Gange."

Inhaltlich teilt sich die Diskussion gerade. Auf der einen Seite streiten sich die Wiki-Watch-Macher mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. "Was in dem Artikel steht ist jedenfalls in Bezug auf Wiki-Watch völliger Blödsinn", sagt Rechtsanwalt Weberling gegenüber MEEDIA. "Keiner der Wiki-Watch-Akteure hat Wikipedia-Einträge verändert. Wir haben unsere eigene Software entwickelt und lediglich auf die Software der University of Santa Cruz als zusätzlichen Service verlinkt." Ein dritter Vorwurf, der laut Weberling falsch ist, ist die Behauptung von Wittkewitz, dass Wiki-Watch keine Angaben über Drittfinanzierungen machen würde. "Das stimmt schon deshalb nicht, weil Wiki-Watch bisher keine Drittmittel bekommen hat."

Auslöser für die Löschung des Artikels sollen laut Wittkewitz jedoch nicht die von Weberling angeführten Punkte gewesen sein. "Die FAZ zog den Artikel wegen einer falschen Tatsachenbehauptung zurück. In dem Text steht fälschlicherweise, dass Wiki-Watch Wikipedia-Einträge mit bis zu sechs Sternen bewerten würde. Es sind allerdings nur bis zu fünf Sterne."

Wichtiges Argument von Wittkewitz gegen Wiki-Watch ist ein Dossier, in dem die Wikipedia-Manipulationen nachgewiesen werden sollen. Auch dieses Dokument wurde mittlerweile im Web kopiert. "In dem Dossier stehen nur Vermutungen und haben mit Wiki-Watch objektiv nichts zu tun: Die besagten angeblichen Manipulationen sollen in den Jahren 2007 bis 2009 stattgefunden haben. Wiki-Watch wurde jedoch erst im Wintersemester 2010 gegründet", sagt Weberling gegenüber MEEDIA dazu.

Auf der anderen Seite ist die FAZ längst nicht mehr Herrin der Diskussion. Denn durch das Offline-Stellen des Artikels verlagert sich der Fall. Immer mehr Aufmerksamkeit bekommt dabei die Vermutung, dass Weberling und Stock auch versucht haben sollen, Einfluss auf die Plagiatsjäger im mittlerweile berühmten Vroniblog zu nehmen. So heißt es in einem Blogbeitrag bei der Nürnberger Zeitung: "Im Wiki-Watch, das sich offenbar als Kontrollorgan für Wikis versteht, versuchen sie den Plagiatsjägern nachzuweisen, dass sie selber nicht richtig zitieren. Die krude Argumentation, die sich zudem zunächst immer gegen ‘Vreniplag’ statt gegen ‘Vroniplag’ richtet und auch sonst von Fehlern strotzt (inzwischen verbessert) , sollte wohl vor allem eines vermitteln: Hier reden Leute, die wissen wie Wikis funktionieren und wie man sich dort zu verhalten hat." Als Beweis wird unter anderem auf ein Posting aus dem Wiki-Watch-Blog verwiesen. Darin heißt es im Teaser: "In der Nachfolge von GuttenPlag Wiki haben sich die selbst ernannten Ermittler von VroniPlag Wiki aufgemacht, die Welt zu verbessern und schonungslos Plagiate aufzudecken. Wer dabei hofft, in Zukunft gäbe es weniger Plagiate, irrt. Denn VroniPlag erzeugt selbst unzählige."

Bei der Diskussion um Wiki-Watch geht es auch immer wieder um die handelnden Personen. Der ehemalige FAZ-Politik-Redakteur Stock betreibt mittlerweile die Convincet GmbH eine auf Krisen-Management spezialisierte PR-Agentur. Zudem scheint Stock, der 2005 eine Biografie über Angela Merkel verfasste, bestens in konservativen Kreisen verdrahtet zu sein. So wirbt er auf seiner Homepage damit, dass sich seine PR-Agentur bereits 2006 "mit der Konzeption und Realisierung des Kanzlerinnen-Vodcasts als Innovationsführer für iPod-spezifischen Content und ‘branded Information’ etablierte".

Wie es nun im Streit mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung weitergeht, ist noch unklar. "Ich bin im Gespräch mit der FAZ. Die Frage ist, wie wir die Geschichte wieder aus der Welt kriegen und wie die Zeitung den entstandenen Rufschaden wieder ausgleichen will", sagte Weberling. Auch in Frankfurt ist man sich offenbar noch nicht über die nächsten Schritte im klaren. Wittkewitz kündigt allerdings schon einmal an: "Wir hätten auf jeden Fall noch genügend Material, um die Geschichte weiterzudrehen."

Sollte sich der Anwalt gegen die Frankfurter Redaktion durchsetzen, will er in einem nächsten Schritt gegen die Online-Kopien des Textes vorgehen: "Ich bin davon überzeugt, dass wir die meisten Hinweise auf den falschen Text sehr schnell aus dem Internet bekommen."

Mehr zum Thema

Tagesspiegel-Gruppe verkauft Berliner Stadtmagazin Zitty

Ex-Neon-Macher Bauer wechselt zum SZ-Magazin

Abendzeitung München: Eigentlich zu schade für die Rente

Kommentare