Chancen und Risiken von „Günther Jauch“

Im September startet Günther Jauch mit seiner politischen Talkshow am Sonntagabend in der ARD. Schon jetzt probt er mit seiner Redaktion die Abläufe der neuen Show, die seinen Namen tragen wird. Für den beliebten “Wer wird Millionär?”-Moderator ist das neue Format eine Herausforderung zum Abschluss seiner TV-Karriere. Günther Jauch als Moderator eines Polit-Talks in der ARD - das birgt sowohl Chancen als auch Risiken. MEEDIA hat je fünf mögliche Gründe für Erfolg oder Misserfolg der Sendung zusammengetragen.

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Misserfolg

Jauch ist vor allem Unterhaltungskünstler

Über viele Jahre ist Günther Jauch mit dem RTL-Unterhaltungsformat “Wer wird Millionär?” förmlich eins geworden. Jauch ist “Wer wird Millionär?”. Die Quiz-Sendung lebt in allererster Linie von ihm und seinen spontan-witzigen Dialogen mit Gästen und Telefon-Jokern. Das eigentliche Quiz gibt nur noch Rahmen und Gerüst. Seine journalistische Sendung “Stern TV” wirkte dagegen schon lange altmodisch und bisweilen auch etwas blutleer. Gerade in sensiblen Interviews, etwa mit Thilo Sarrazin, offenbarte Jauch zudem, dass er in Sachen Gesprächsführung nicht gerade ein Meister ist. Jauch sieht das politische Talk-Format in der ARD als Herausforderung, endlich wieder eine Sendung mit echter Substanz zu machen. Vor zwei Jahren sagte er in einem langen Interview im Zeit Magazin über Polit-Talkshows: "Ich sitze oft vor dem Fernseher und denke: So, jetzt hat sie oder er den Politiker! Der Ball liegt vor dem leeren Tor, man muss ihn nur noch reinschieben. Aber was passiert? Die Kollegen stoppen den Ball und laufen mit ihm in die andere Richtung." Ab Herbst ist er nun selbst am Ball. Die Gefahr, dass er zu lange in Unterhaltungs-Gewässern unterwegs war, um noch zu einem Talk-Schwergewicht zu werden, ist durchaus da.

Politiker sind Phrasenprofis

Bei “Wer wird Millionär?” hat Günther Jauch mit normalen Menschen zu tun, die einen besonderen Aufhänger für eine kleine Unterhaltung haben – ein besonderes Erlebnis oder eine Begebenheit aus der Biografie. Jauch hat den Smalltalk zwischen den Quizfragen zum großen Entertainment gemacht. Die Leichtigkeit und Souveränität, mit der er “Wer wird Millionär?” moderiert, ist bewundernswert. Allerdings lebt die Sendung gerade davon, dass seine Gegenüber auch spontan und unerwartet reagieren. Bei der ARD-Sendung sitzen ihm dagegen in der Regel Profi-Politiker gegenüber, die mit allen Phrasen-Wassern gewaschen sind. Diesen Leuten ist es in Fleisch und Blut übergegangen in Talkshows mit vielen Worten wenig zu sagen. Aus dieser Konstellation etwas Wahrhaftiges, Erhellendes und/oder Unterhaltsames zu machen, wird ungleich schwieriger werden als bei “Wer wird Millionär?”.

Die Erwartungen sind überhöht

In seinem Spiegel-Interview vom Montag hat Günther Jauch besonders tief gestapelt. Im sei klar, dass er von einigen zerrissen werde und er habe keinerlei Ambitionen “alles auf den Kopf zu stellen.” Auch in Sachen Quote sei er erst einmal froh, wenn er das von “Anne Will” erreichte Niveau halten wird. Strategisch war es von Jauch klug, die Erwartungen erst einmal selbst niedrig zu hängen. Ein bisschen mehr als ein simples “Weiter so” werden sich die ARD-Bosse und die Zuschauer aber schon von erwarten – sonst hätte man ja gleich alles beim Alten lassen können. Jauch selbst hat im Spiegel-Interview von der “überbordenden Erwartungshaltung” gesprochen, deren er sich bewusst sei. Egal, wie tief er stapelt, der Erwartungsdruck bleibt hoch und an ihm wird seine Sendung gemessen werden. Er selbst brauche rund 30 Sendungen, bis er seinen Rhythmus gefunden hat, sagte er. Ob ihm in unserer schnell drehenden Medienlandschaft soviel Zeit gelassen wird, ist fraglich.

Die Gremien-Gremlins

Eine Gefahr für den nachhaltigen Erfolg der neuen Talkshow “Günther Jauch” ist immer noch der Bürokratie-Apparat ARD. Erste Verhandlungen mit Jauch waren gescheitert, weil Mitglieder der Rundfunkgremien seinen Vertrag nachverhandeln wollten. Jauch schimpfte damals über die “Gremien-Gremlins der ARD” und zog zurück. Jetzt gibt er zumindest vor, seinen Frieden mit den Gremlins gemacht zu haben. Aber sie sind noch da. Eher früher als später werden erste Rundfunkräte die Gelegenheit wittern, sich mit Kritik an Jauch, seiner Moderationsführung, seinen Gästen oder der Quote in der Presse zu profilieren. Bei “Anne Will” lief das genauso. Beim Super-Promi Jauch können die Gremien-Gremlins noch mehr Aufmerksamkeit erreichen, wenn sie Krach schlagen und Indiskretes an die Presse weiterreichen. Unwahrscheinlich, dass sie sich diese Gelegenheit entgehen lassen.

Die Talk-Schwemme in der ARD

Wegen der Verpflichtung von Günther Jauch musste die ARD ihr Abendprogramm auch an Wochentagen umbauen. Seine Vorgängerin Anne Will bekam mit der späten Mittwochnacht einen ungleich schlechteren Sendeplatz als vorher. Gleichzeitig setzt die ARD einen Koordinator ein, der dafür sorgen soll, dass sich die fünf ARD-Talksendungen inhaltlich und von der Gästeliste her nicht zu sehr wiederholen. Im Spiegel-Interview gab Jauch zu, dass er mit dem Gedanken an einen solchen Koordinator auch nicht besonders glücklich sei – ihm falle aber auch keine bessere Lösung ein. Das klingt schon vor dem Start reichlich resigniert. Und für die von Jauch beanspruchte größtmögliche Unabhängigkeit ist die Existenz einer übergeordneten Koordinationsstelle für Themen und Gäste gewiss Zündstoff für künftige Konflikte.

Erfolg

Jauch ist ein kluger Kopf

Günther Jauch ist zwar in den vergangenen Jahren vor allem als Unterhalter gereift, aber er ist einer der ganz wenigen im deutschen Fernsehen, die sich auf wirklich intelligente Unterhaltung verstehen. Wenn alles gut läuft, dann gelingt ihm mit seiner Talksendung der umgekehrte “Wer wird Millionär?”-Effekt. Bei der Quiz-Show hat er bewiesen, dass Unterhaltung klug und spontan sein darf. Bei seiner Polit-Show könnte er zeigen, dass politische Themen auch spannend und unterhaltsam vermittelt werden können.

Der Sendeplatz garantiert gute Quote

Um eine ganz wichtige Sache muss sich Günther Jauch relativ wenig Sorgen machen: die Quote. Es gibt quotenmäßig wohl kaum ein bequemeren Sendeplatz als sonntags nach dem “Tatort”. Im Regelfall bleibt ein Gutteil der Millionen “Tatort”-Fans nach dem Krimi dran und schaut zumindest teilweise noch den folgenden Polit-Talk. Selbst Anne Will, die manchmal hart an der Grenze zur klinischen Betäubung moderierte, schaffte auf dem Sendeplatz sehr gute Einschaltquoten. Die Quoten-Steilvorlage des “Tatort” hält Jauch an dieser Front erst einmal den Rücken frei.

Jauch ist Pragmatiker

Seine Tiefstapelei im Spiegel zeigt, dass Jauch eine sehr pragmatische Einstellung zu seinem neuen Job hat. Er und seine Redaktion werden zunächst versuchen, eine solide Sendung abzuliefern und auf Experimente verzichten. Auch um den Druck vom Anfang zu nehmen. Anschließend kann Jauch mit einzelnen Elementen experimentieren. Er hat im Spiegel-Gespräch schon angedeutet, dass er sich vorstellen kann, auch mal nur zwei oder nur einen Gast zu haben. So etwas würde dem festgefahrenen Talk-Format am Sonntagabend in der Tat gut tun. Bisher gab es Einzelgespräche nur, wenn ganz besondere Wichtigheimer geladen waren.

“Wer wird Millionär?” läuft weiter

Was von vielen eher kritisch gesehen wird, nämlich dass Jauch sein RTL-Quiz trotz ARD-Engagement weitermacht, kann in Wahrheit ein Vorteil sein. “Wer wird Millionär?” hält seinen Marktwert und seine Beliebtheit auch dann hoch, wenn die Talk-Sendung mal schwächeln sollte. Für ihn selbst ist das vertraute Terrain des RTL Quiz außerdem eine willkommene Abwechslung und Fingerübung in Sachen Spontaneität und Gesprächsführung. Dass Jauch künftig nicht nur im überhöhten Polit-Talk-Elfenbeinturm der ARD zuhause ist, kann für die Sendung nur von Vorteil sein.

Jauch ist unabhängig

Der wahrscheinlich größte Vorteil, den Günther Jauch hat, ist seine Unabhängigkeit. Jauch steht eher am Ende als am Anfang seiner TV-Karriere. Für ihn ist die politische Talkshow ein Sahnehäubchen zum Schluss, eine Kür aber kein Muss. Das war bei Sabine Christiansen und Anne Will anders. Für beide war der Sonntag-Abend-Talk eine Bewährungsprobe nach ihrer Zeit als “Tagesthemen”-Moderatorin. Jauch ist auf dem Gipfel seiner Popularität, mit “Wer wird Millionär?” und seinem Weingut hat er noch andere Betätigungsfelder und auf Geld ist er nicht mehr angewiesen. Er wurde auch nicht aufgrund von ARD-internem Proporz-Denken auf diesen Sendeplatz gehoben. Seine Zeit beim Bayerischen Rundfunk ist zu lange her, als dass man ihn noch dem Lager eines bestimmten ARD-Senders zuschlagen könnte. Jauch braucht diese Sendung nicht, er will sie.

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