Kein „Urlaubsgeld“: Ärger um VG Wort

Unangenehme Überraschung für fast 23.000 Journalistinnen und Journalisten: Eine Woche vor der heiß ersehnten Jahresausschüttung ihrer VG-Wort-Tantiemen erfuhren sie durch ein Rundschreiben der Verwertungsgesellschaft, dass sie ihre Gelder für Presseartikel erst mit dreimonatiger Verspätung erhalten. Für etliche Betroffene dürfte damit der Sommerurlaub in letzter Sekunde in Gefahr geraten. Denn viele Freiberufler sind auf die Ausschüttung angewiesen, um pausieren und verreisen zu können.

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Nur wer auch für den Rundfunk arbeitet oder wissenschaftliche Bücher schreibt, geht Ende Juni nicht ganz leer aus, denn für diese Medienbereiche werden die Tantiemen wie gewohnt ausgezahlt.

Bei der Presseausschüttung lief es bisher so: Wer bei der VG Wort als sogenannter „Wahrnehmungsberechtigter“ registriert ist, kann jeden Sommer Pauschalbeträge für jede Zeitung oder Zeitschrift kassieren, in der er im Vorjahr mindestens 10.000 Anschläge veröffentlicht hat. Das ist die so genannte Presserepro-Ausschüttung. Außerdem fließen noch Tantiemen für Artikel, die in Pressespiegeln verwertet wurden.

Seit etwa 20 Jahren war es Praxis, dass diese beiden Vergütungen miteinander verrechnet wurden: Wer sich zum Beispiel einen Anspruch auf 1.000 Euro für den Bereich Presserepro und 500 Euro für Pressespiegel-Artikel erarbeitet hatte, erhielt nur den höheren der beiden Beträge.

Über diese Praxis beschwerten sich aber mehrere Wahrnehmungsberechtigte – dem Vernehmen nach vor allem Wirtschaftsjournalisten – beim aufsichtsführenden Deutschen Patent- und Markenamt. Mit Erfolg: Wie der zuständige VG-Wort-Abteilungsleiter Markus Lips im Gespräch mit MEEDIA berichtet, entschied die Behörde Mitte März, dass die Gelder für Presserepro und Pressespiegel künftig unabhängig voneinander ausgezahlt werden müssten.

Bei der Verwertungsgesellschaft lief daraufhin alles seinen bürokratischen Gang. Sie wartete zunächst die turnusgemäßen Jahressitzungen der zuständigen Selbstverwaltungsgremien ab, in denen auch die Journalistengewerkschaften vertreten sind: Am 20. und 21. Mai beschlossen Verwaltungsrat und Mitgliederversammlung, bereits in diesem Jahr die Presserepro- und die Pressespiegel-Ausschüttungen für 2010 vollständig voneinander zu trennen – und nicht etwa eine Übergangslösung zu finden oder womöglich gegen die Anordnung zu klagen. Die Neuberechnung aber, so Abteilungsleiter Lips, sei bis zum üblichen Termin Ende Juni nicht zu schaffen, sondern erst bis Anfang Oktober. Denn dafür müssten die Computer umprogrammiert werden.

Erst am 9. Juni, fast drei Wochen nach den Gremienbeschlüssen, informierte die Verwertungsgesellschaft jene Minderheit von Tantiemen-Empfängern, die den VG-Wort-Newsletter abonniert haben, über die Verschiebung. Danach dauerte es noch fast zwei weitere Wochen, bis alle Betroffenen per Rundschreiben die Hiobsbotschaft erhielten – gerade mal eine Woche vor der erwarteten Ausschüttung.

Hätte die VG Wort nicht schneller warnen können, zum Beispiel schon nach der Behördenanordnung im März? Nein, findet Lips. Denn damals sei noch nicht klar gewesen, ob es wirklich zu der Verschiebung kommt. Erst nach den Gremiensitzungen im Mai habe die Verwaltung damit beginnen können, die Konsequenzen aus der neuen Lage zu ziehen, wozu eben auch gehörte, die betroffenen 23.000 von insgesamt rund 150.000 Tantiemen-Empfängern herauszufiltern und den Versand des Rundschreibens vorzubereiten. Und dann kamen auch noch Himmelfahrt und Pfingsten dazwischen.

Dass die Verschiebung für manche Freiberufler dramatische Folgen hat, ist der VG Wort laut Lips bewusst. Denn Urlaube kosten nicht nur Geld, sondern bedeuten auch Verdienstausfall. Da kommen die jährlichen Ausschüttungen zur Ferienzeit natürlich sehr gelegen. Manche Autoren kassieren zwar nur Minibeträge, andere aber gleich mehrere tausend Euro. „Wir bitten um Entschuldigung, aber es war nicht anders möglich“, sagt Lips.

Insgesamt geht es um rund acht Millionen Euro, die jetzt neu auf die Wahrnehmungsberechtigten aufgeteilt werden müssen. Dass am Ende jeder mehr bekommt als bisher, ist ausgeschlossen. „Es ist ja nicht mehr Geld da – es wird nur anders verteilt“, sagt Lips. „Die einen werden davon profitieren auf Kosten der anderen.“
Manche können bald sogar mit Nachzahlungen rechnen, nämlich für die sogenannte Multifunktionsgeräte-Abgabe. Dazu muss man wissen, wie das Abrechnungssystem bei der VG Wort funktioniert: Geld aus der Presserepro-Ausschüttung erhalten Autoren nur, wenn sie einmal jährlich der VG Wort melden, in welchen Presseorganen sie im Vorjahr mit Artikeln vertreten waren. Texte in Pressespiegeln werden dagegen von der VG Wort eigenständig registriert. 2010 wurden hohe Nachzahlungen aus der Multifunktionsgeräte-Abgabe ausgeschüttet, aber nur an Autoren, die auch Presserepro-Meldungen abgegeben hatten. Wegen der Neuregelung sollen nun auch noch Pressespiegel-Artikel nachvergütet werden, wie Lips erläutert. Das Geld dafür kommt aus vorsorglichen Rückstellungen.

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