Kachelmann: Schlagabtausch per Interview

Die zerüttetete Beziehung von Jörg Kachelmann und seiner Ex-Freundin gerät zum offenen medialen Schlagabtausch. Am Donnerstag beherrscht das Exklusivinterview der Bunten mit Claudia D. die Schlagzeilen der News-Portale, und auch der ehemalige ARD-Moderator legt mit einem erneuten Interview nach, diesmal in der Schweizer Weltwoche. Während sich beide gegenseitig der dreisten Lüge bezichtigen, sind sie sich in einem seltsam einig: der Schelte des Rechtssystems.

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Wie schon im Zeit-Interview wettert Kachelman im Gespräch mit Weltwoche-Chefredakteur Roger Köppel über die "deutsche Gaga-Justiz" und stellt die Mannheimer Staatsanwälte als eine "Gefahr für den Rechtsstaat" dar, als "durchgeknallt". Die Justiz sei "pervertiert", denn: "Ich wusste, dass das Gericht alles unternehmen würde, um mir eine Straftat anzuhängen, die ich nicht begangen hatte." Für Claudia D. ist Deutschland "ein Täterstaat", in dem sich Beschuldigte "mit Geld freikaufen" können. Dass sie "überhaupt zur Polizei gegangen" ist, sagte die 38-Jährige der Bunten, sei der "größte Fehler meines Lebens". Und: "Ich würde jeder Frau davon abraten, ihren Peiniger anzuzeigen, wenn dieser reich ist und sich mit Geld freikaufen kann. Dann sollte die Frau auf keinen Fall zur Polizei gehen."
Claudia D. ging zur Polizei, und was sie in den 16 Monaten seither erlebte, schildert sie der Bunten in einem siebenstündigen und offenbar tränenreichen Gespräch als fortwährenden Albtraum von Zusammenbrüchen, Erniedrigungen und Selbstmordgedanken, als Gehetzte und Angeprangerte in einer beispiellosen Hexenjagd. Die Bunte widmet der Titelstory im Heft zwölf Seiten plus Editorial von Chefredakteurin Patricia Riekel. Wieviel diese Geschichte dem Magazin wert war oder ob überhaupt ein Honorar geflossen ist, darüber schweigt der Verlag. Auf Anfrage von MEEDIA teilte man lediglich mit, solche Vorgänge unterlägen "dem Redaktionsgeheimnis".
Dabei ist die Frage naheliegend, denn schon im Prozess war bekannt geworden, dass die Illustrierte für Interviews mit Ex-Geliebten von Kachelmann Honorare von bis zu 50.000 Euro gezahlt hat. Was mag es der Redaktion wert gewesen sein, nun den exklusiven Zugang zur zentralen Figur in dem Justiz-Drama zu erhalten? Nun hat die Bunte mit dem ersten Interview der Belastungszeugin ihren Scoop, in jedem Fall erkauft mit dem Preis der Einseitigkeit – wie übrigens ebenfalls bei der Zeit vor einer Woche. Zwei diametrale entgegengesetzte Darstellungen, von denen beide Seiten auch nach dem Prozessende im Kern nicht einen Millimeter weichen. Für die Leser und Prozessinteressierten ein ermüdendes Patt. Die Geschichte ist, so frustrierend dies mit Blick auf die Frage nach der Wahrheit klingen mag, mit dem Freispruch des Landgerichts vorerst auserzählt.
Dass Claudia D. sich in der Bunten ungepixelt zeigt und gleich in mehreren großformatigen Motiven zu sehen ist, wird für die Radiomoderatorin Konsequenzen haben. Einen Anspruch auf Anonymität hat sie damit fürs Erste verwirkt. Die Bebilderung erscheint zudem als klassische Bild-Text-Schere: auf der einen Seite die Geschichte vom an Körper und Seele malträtierten Opfer, das am Abgrund steht, andererseits die teils wie eine Modeproduktion anmutenden Porträts, und man fragt sich unwillkürlich, wer bei diesem Shooting wem einen Gefallen tun wollte.
Fest steht, dass der Prozess das Leben sowohl des Angeklagten als auch der Belastungszeugin dauerhaft prägen werden. Und wahrscheinlich wird niemand von beiden von der eigenen Version abrücken. Solange über eine Revision nicht entschieden ist, und es keine neue Beweislage gibt, fragt man sich, wie lange Magazine oder Sender die unversöhnlichen Positionen weiter transportieren werden. Auch für die Medien gilt: Sie haben das Recht zu schweigen.

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