“Sexy Cora”, Groupon-Blase und das Urteil

Der angekündigte Börsengang von Groupon lässt unschöne Erinnerungen an die Zeit der großen Internet-Blase wachwerden. Die britische Jungmänner-Zeitschrift FHM vergriff sich gegenüber einem männlichen Model in Frauenkleidern im Ton. Der Stern beschreibt das schlimme Schicksal der Porno-Darstellerin “Sexy Cora” und verkauft die Geschichte mit denselben Bildern, mit denen diese ihren Körper verkaufte. Und dann war da noch dieses Urteil, bei dem so ein Wetterexperte freigesprochen wurde...

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Die Firma Groupon ist schon ein Phänomen. Die Rabatt-Schleuder hat nun Antrag auf Zulassung zu einem Börsengang gestellt und dabei erstmals belastbare Geschäftszahlen vorgelegt. Demnach ist der Umsatz von Groupon von 30,47 Mio. Dollar im Jahr 2009 auf 713,4 Mio. Dollar im Jahr 2010 förmlich explodiert. Und allein im 1. Quartal 2011 machte Groupon einen Umsatz von 644,7 Mio. US-Dollar. Das ist in der Tat schwindelerregend. Vor allem aber schwindelt es einem, wenn man sich parallel dazu anschaut, dass Groupon 2010 einen Verlust von 413 Mio. Dollar erwirtschaftet hat. Im 1. Quartal 2011 lag der Verlust immer noch bei 103 Mio. Dollar. Und Groupon-Chef Andrew Mason redet davon, dass Wachstum wichtiger sei als “kurzfristige Konsequenzen”. Hat da jemand Bubble gerufen?

Gemeinhin gilt die Regel, dass sich angelsächsische Medien in Sachen Meinungsfreiheit und Privatsphäre mehr herausnehmen können als deutsche. Ein Schmäh-Blog wie das von Perez Hilton wäre hierzulande längst in Grund und Boden geklagt worden. Und zahlreiche Schlagzeilen der britischen Boulevardpresse würde man in Deutschland wohl auch nicht nur als geschmacklos, sondern als rechtswidrig empfinden. Aber auch die Briten werden empfindlicher. So musste das Bikini-und-Bierbüchsen-Blatt FHM jetzt im Web zurückrudern. Das Magazin hatte das männliche Model Andrej Pejic in seine Liste der erotischsten Frauen der Welt aufgenommen, weil er als Frau bei Modenschauen auftritt. Auf der Internet-Seite der britischen FHM schrieb die Redaktion einige beleidigende Kommentare zu dem Mann/Frau-Model. U.a. hieß es zu Pejics Traum bei der berühmten Damen-Unterwäsche-Modenschau von Victoria’s Secrets zu laufen: “Gebt uns einen Kotzeimer.” Nach massiver Kritik von Nutzern wurden die Bildunterschriften entfernt und stattdessen hieß es: „Bedauerlicherweise ist der Text, der Andrejs Online-Eintrag begleitete, nicht gegengelesen worden, bevor er ins Netz ging.“ Jaja.

Der Stern machte diese Woche auf mit “Das Leben und Sterben der Sexy Cora”. Illustriert mit einem Schwarzweiß-Nacktfoto der nach einer Brust-Operation gestorbenen Porno-Darstellerin. Dabei stand noch: “Die Tragödie eines Mädchens, das als Pornostar reich und berühmt werden wollte und darüber sein Leben verlor.” Eingeklinkt war farbig und klein ein Bild aus dem früheren Leben von “Sexy Cora”, als sie 13 Jahre alt war, wie ein ganz normales Mädchen aussah und noch Carolin hieß. Die Stern-Geschichte über das Leben und Sterben der Sexy Cora ist völlig in Ordnung, gut geschrieben, recherchiert usw. Aber die Auswahl des Titelbildes verwundert. Das wirkt ein bisschen wie der alte Witz über sensationslüsterne Schlagzeilen: “Seht genau her! Solche Bilder wollen wir nie wieder sehen!” Der Stern verkauft seine Geschichte über Sexy Cora nach dem Motto “Sex sells” mit den gleichen Schlüsselreizen, mit denen Cora ihren Körper verkauft hat. Das wirkt, mit Verlaub, ein wenig geschmacklos. Aber so funktionieren sie offenbar nun mal, die Medien.

Das beherrschende Medienthema der Woche war (neben EHEC natürlich) aber das Urteil im Kachelmann-Prozess. Und dabei wurde in zahllosen Kommentaren, TV-Beiträgen und Talkrunden durchgehechelt, was Medien dürfen, sollten, müssten. Schweizer wurden in Talkshows eingeladen, weil Jörg Kachelmann nun halt einen Schweizer Pass besitzt, Alice Schwarzer hat vielleicht überlegen müssen, eine Doppelgängerin zu engagieren – vor so vielen Kameras gab sie Auskunft. Und Kachelmanns Anwalt Johann Schwenn legte einen bemerkenswerten Auftritt in der ZDF-Talkshow bei Markus Lanz hin. Ein bisschen weniger Kachelmann in den Medien für die kommenden Wochen – das wären doch eigentlich heitere Aussichten.

Schönes Wochenende!

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