News-Sites: Die Unwichtigkeit der Homepage

In Anfangszeiten des Internet war die Homepage das Aushängeschild einer journalistischen Website. Über sie kam das Publikum und wurde zu den Artikeln, in die Ressorts und zu anderen Inhalten weitergeleitet. Doch heute gibt es Google, Facebook, Twitter und RSS. Folge: Große Teile der Nutzerschaft großer Nachrichten-Websites sehen die Homepage überhaupt nicht mehr, sondern landen direkt bei den Artikeln, die sie interessieren. Wird die Homepage also überflüssig?

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Suchmaschinen sind fast so alt wie das Web – und schon seit diesen Anfangszeiten bescheren sie journalistischen Websites Publikum, das im Bestfall wiederkommt oder sich die Homepage des Angebots bookmarkt. Doch die Entwicklung der vergangenen Jahre hat massenweise andere Zugangsmöglichkeiten zu den Inhalten der Nachrichten-Websites erschaffen. Leute, denen ich vertraue, empfehlen mir Artikel zum Lesen über Facebook oder Twitter, Aggregatoren wie Google News oder Nachrichten.de leiten mich direkt zu Artikeln, die mich interessieren und die Nachrichten-Anbieter selbst bieten RSS-Feeds, Twitter-Accounts oder Facebook-Pages an. All diese Möglichkeiten führen dazu, dass der Leser eine Homepage kaum noch besuchen muss, um an die Inhalte der Website zu kommen.

Um zu untersuchen, welche Rolle die Homepages der großen Nachrichten-Websites überhaupt noch spielen, haben wir die aktuellsten AGOF-Zahlen herangezogen. Sie bieten die Möglichkeit, sich für fast alle großen Anbieter Unique-User-Zahlen sowohl für das Gesamt-Angebot als auch nur für die Homepage anzuschauen. Denn: Um Werbekunden eine möglichst große Auswahl an Buchungsmöglichkeiten zu bieten, melden sie so genannte Belegungseinheiten an die AGOF – eine dieser Belegungseinheiten ist dabei meist die Homepage. Bei 16 der Top-20-News-Sites war so ein direkter Vergleich zwischen Gesamt-Nutzerschaft und Homepage-Nutzerschaft möglich – nur vier melden keine Belegungseinheiten.

Das erstaunliche Ergebnis: Bei sieben der 16 Angeboten sehen weniger als 20% überhaupt noch die Homepage, bei zwei dieser sieben sogar weniger als 10%. Beispiel Hamburger Abendblatt: Die gesamte Website erreichte im Februar 3,20 Mio. Unique User, die Abendblatt-Homepage aber nur ganze 0,27 Mio. bzw. 8,4%. Die restlichen 91,6% der Abendblatt.de-Besucher haben zwar Inhalte gesehen, den gesamten Monat lang aber kein einziges Mal die Homepage. Ähnlich sieht es bei RP Online (9,8%), Focus Online (11,6%), Welt Online (13,0%), BZ-Berlin (14,6%), tagesspiegel.de (16,6%) und der Berliner Morgenpost (17,1%) aus.

Die Vermutung liegt nahe, dass diese sieben Websites bei der Suchmaschinenoptimierung ganz weit vorne liegen. Denn: Zwar kommt wie oben erläutert das Publikum inzwischen auf vielen Wegen auf eine Website, doch Google ist immer noch die beherrschende Traffic-Quelle. Im Vergleich dazu extrem viele Homepage-Besucher verzeichnen Bild.de (56,5%), n-tv.de (54,1%), Spiegel Online (49,7%) und FTD.de (41,1%). Interessanterweise sind das vier der fünf Spitzenreiter unseres Lesertreue-Rankings von vor einigen Wochen. Die hohe Rate der Homepage-Leser ist also offenbar ein weiteres Indiz dafür, dass eine Nachrichtenwebsite ein großes Stammpublikum hat.

Was bedeuten diese Zahlen nun aber? Können die Anbieter in Zukunft auf ihre Homepages verzichten? Wohl kaum. Noch immer ist sie natürlich das Aushängeschild der Website. Dennoch: Bei solch zum Teil extrem hohen Anteilen von Leuten, die eine Homepage überhaupt nicht mehr sehen, sollten die Anbieter viel mehr Wert darauf legen, Artikelseiten schön und lesbar zu gestalten. Denn hier findet sich das Publikum wirklich und hier entscheidet sich, ob eine Website gefällt oder nicht. Auf der Homepage passiert das kaum noch.

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