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Johann Schwenn – der ewige Recht-Haber

ZDF-Talker Markus Lanz hatte am Tag der Urteilsverkündung im Kachelmann-Prozess den größten Medien-Coup gelandet. In seiner Show trat der streitbare Kachelmann-Verteidiger Johann Schwenn auf und hielt Hof. Wer Schwenn noch nicht im Gerichtssaal gesehen hatte, konnte in dieser Sendung erleben, warum der Jurist aus Hamburg als Star-Anwalt gilt : Rhetorisch brillant, strafrechtlich beschlagen aber auch selbstverliebt bis in die silbergrauen Haarspitzen und gnadenlos auf den Sieg im Gerichtsaal fixiert.

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Johann Schwenn beruft sich gerne auf Fakten. Fakten seien es, die im Gerichtssaal zählen, führte er bei Lanz aus. Und Schwenn hat seine Fakten parat. Dass diese im Detail nicht immer bis zur letzten Konsequenz stimmig sein müssen, fiel nicht weiter auf und wurde im Eifer der Gesprächsrunde auch nicht hinterfragt. So nutzte Schwenn die Gelegenheit, erneut gegen die Burda-Medien Bunte und Focus zu schießen. Eine seiner Lieblings-Thesen ist, dass die People-Zeitschrift Bunte Zeugenaussagen von Ex-Geliebten Kachelmanns beeinflusst habe, indem üppige Honorare für Interviews gezahlt wurden.

Dabei kommt es freilich auf die Details an. Dreh und Angelpunkt der Vorwürfe Schwenns ist, dass eine der in Bunte aufmarschierten Ex-Geliebten ihre Aussage zwischen der polizeilichen Vernehmung und der Gerichts-Verhandlung geändert habe. Bei Gericht sagte die Zeugin aus, zu einer sexuellen Begegnung mit Kachelmann habe sie “Nein” gesagt. Diese Aussage fehlte bei der polizeilichen Vernehmung. Die entsprechende Zeugin tätigte die diese “Nein”-Aussage auch am 2. September 2010 vor ihrem Auftritt vor Gericht in Bunte. Für Schwenn ist das ein Beleg dafür, dass Bunte-Mitarbeiter die Zeugin zwischen polizeilicher Vernehmung und Verhandlung beeinflusst hätten.

Allerdings erzählte dieselbe Frau genau das gleiche auch schon zwei Monate vor dem Bunte-Artikel der Bild am Sonntag. Sie wiederholte in Bunte also die “Nein”-Aussage, die sie zuvor schon in einem anderen Medium getätigt hatte. Haben die BamS-Redakteur die rau etwa auch beeinflusst? Oder sich die BamS und Bunte-Leute verschworen und gemeinsam die Zeugin mit einer Mischung aus Druck und Geld gefügig gemacht? Oder wurde die Zeugin bei der polizeilichen Vernehmung schlicht nicht nach ihrem “Nein” gefragt? Oder hat die Zeugin aus freien Stücken vor Gericht etwas anderes gesagt?

Das alles wird von dem Kachelmann-Verteidiger gepflegt ignoriert. Es würde das Bild von der Burda-Verschwörung gegen den Kachelmann stören. Johann Schwenn sucht es sich aus, wann er ins Detail geht, wann er scheinbar unumstößliche Fakten oder Wahrheiten präsentiert, wann er Lob oder Tadel verteilt und wann es angebracht ist, auch mal polemische Spitzen abzufeuern. Der selektive Umgang mit Details und das Jonglieren mit Polemik hat bei Schwenn Methode. Das konnte man bei der Lanz-Sendung sehr gut beobachten.

So höhnte Schwenn über die Bunte-Formulierungen von der “schönen Försterin” (gemeint war eine weitere Ex-Geliebte) und mokierte sich darüber, dass man bei solchen Formulierungen doch wohl keine seriöse Gerichts-Berichterstattung zu erwarten habe. Nur: Wer erwartet denn in einem Blatt wie Bunte seriöse Gerichts-Berichterstattung? Der frühere Bild-Chefredakteur Udo Röbel wandte in der Sendung ein, man müsse auch daran denken, von wem Blätter wie Bunte in erster Linie gelesen würden, nämlich von Frauen. Und da würde die Chefredaktion andere Akzente in der Berichterstattung setzen als beispielsweise Spiegel oder Zeit. Aber Röbels leise vorgetragener Einwand wurde von der Rhetorik-Dampfwalze des Johann Schwenn überrollt.

Der Anwalt machte sich die Medienwelt, widde widde wie sie ihm gefällt. Und zwar von Fall zu Fall. Im aktuellen Fall sind Springer-Medien (also vor allem die Alice-Schwarzer-Kommentare in Bild) und Burda (Bunte und Focus) die bösen Medien. Die Zeit (dort vor allem seine Buch-Partnerin, die Gerichtsreporterin Sabine Rückert) und der Spiegel (mit Einschränkungen) sind die guten Medien. Das kann beim nächsten Fall schon wieder alles ganz anders sein. Als er Ende der 90er Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich wegen Doping-Vorwürfen verteidigte, ist nicht bekannt, dass sich Schwenn gegen freundliche Ullrich-Artikel in Bunte gewehrt hätte. Jetzt wetterte er gegen jene Teile der Medien, die Bambis und Goldene Kameras verteilen, statt ihrer Kontroll-Aufgabe nachzukommen. Das Preise-Verleihen hat zwar nichts mit den Inhalten der Medien zu tun, aber egal. Ein bisschen Polemik darfs schon sein. Aber nur, wenn es Schwenn gerade nützlich erscheint.

Dazu gehört auch die einstudiert wirkende Theatralik seines Auftretens. Wie aus dem Ei gepellt im Dreiteiler saß er im Studio bei Markus Lanz und lieferte mit stechendem Blick ein Bonmot nach dem nächsten. Wenn andere Redezeit beanspruchten, sah man Schwenn im Hintergrund hin und her rutschen, übertrieben genervt auf die Uhr schauen, den Kopf schütteln oder seine Fingernägel betrachten. Der Mann ist ohne Zweifel ein Meister der Manipulation. Auch vor dem Mannheimer Landgericht war er sich für keine Attacke zu schade. So machte sich beispielsweise über die hohe Stimme des Staatsanwalts Oltrogge lustig. Schwenn ließ keine Gelegenheit aus, das Gericht und die Staatsanwälte zu reizen und war dann scheinbar empört, wenn seine Provokationen Wirkung zeigten.

Mitgebracht zu Lanz hatte er Ralf Witte. Das ist ein Mann, der zu Unrecht wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung im Gefängnis saß und von Schwenn in einem spektakulären Wiederaufnahmeverfahren herausgeholt wurde. Witte hat nach eigenen Angaben im Fall Kachelmann Parallelen zu seiner eigenen Geschichte gesehen und ganz spontan Jörg Kachelmann Johann Schwenn als neuen Anwalt empfohlen. Witte war nach eigenen Angaben beim Kachelmann-Prozess teilweise auch vor Ort bei Gericht – weil es ihn interessierte. Wie eben auch Zeit-Reporterin Sabine Rückert vor Ort war, die ja bereits mit Schwenn zusammen ein Buch veröffentlicht hat und dessen Vorgänger Reinhard Birkenstock via E-Mail nahegelegt hatte, doch auch auf Schwenns Dienste zurückzugreifen. Aus dem Mailverkehr zwischen Witte und Kachelmann und dem anschließenden persönlichen Gespräch konnte Rückert dann wörtlich berichten. Das sind mediale Verstrickungen im Fall Kachelmann über die man aus dem Munde von Johann Schwenn nichts hört.

Schwenn ist ein Schwergewicht in der Strafverteidigung. Er verteidigte neben Kachelmann und Jan Ullrich auch Peter Graf, den Vater von Tennis-Legende Steffi Graf, der wegen Steuer-Hinterziehung angeklagt war, den Ex-DDR-Spionagechef Markus Wolff, Gregor Gysi und den ehemaligen VW-Betriebsratschef Klaus Volkert im Verfahren um die Lustreisen von VW-Managern. Für Michael Naumann, den früheren Herausgeber, der von ihm so geschätzten Wochenzeitung Zeit, erstritt Schwenn, dass man den Ex-Leiter der Berliner Staatsanwaltschaft, Hansjürgen Karge als “durchgeknallten Staatsanwalt” bezeichnen darf. Schwenn vergaß nicht, sich auch dieser Leistung in der Lanz-Sendung mit sichtlicher Genugtuung zu rühmen.

Für seinen Vorgänger als Kachelmann-Verteidiger, Reinhard Birkenstock, hatte er dagegen nur herablassenden Spott übrig. Es sei ja nicht alles schlecht gewesen, was die frühere Verteidigung so gemacht habe, meinte er. Dass auf Birkenstocks Betreiben der Laptop der Nebenklägerin untersucht und ihre Lügen aufgedeckt wurden und es auch Birkenstock war, der die wesentlichen rechtsmedizinischen Gutachten, die Kachelmann entlasteten, in Auftrag gegeben hatte, war für Schwenn augenscheinlich nicht von großer Bedeutung.

Es war Sabine Rückert, die  2001 in der Zeit über die Zunft der Strafverteidiger als “Quälgeister der Justiz” und “ungeliebte Stars” schrieb. Schwenns spätere publizistische Partnerin charakterisierte ihn damals so: “Er hat kein Problem damit, heute einen Panzerknacker oder Spion brillant gegen die Vorwürfe des Staatsanwalts zu verteidigen und morgen in einem anderen Verfahren als Vertreter eines vermögenden Nebenklägers der Staatsanwaltschaft geschliffene Argumente gegen den Angeklagten zu liefern.”  Und weiter: “Da, wo Schwenn gerade steht, ist das Recht. Er ficht nicht für eine Ideologie. Seine Freude an der Weltverbesserung bleibt deutlich zurück hinter seiner Lust am Duell, am Hauen und Stechen, am Kräftemessen, am Sport, am Sieg.”

Schwenns Auftritte vor Gericht und im TV bei Lanz haben deutlich gemacht, dass diese alte Einschätzung Rückerts immer noch zutreffend ist. Der Fall Kachelmann war wie für Schwenn geschaffen: prominenter Angeklagter, Vorwurf einer Sexualstraftat, Medien-Auftrieb, großer Sport. Am Ende steht er als strahlender Held da, der wieder mal den Unschuldigen herausgehauen hat und dem Gericht, den Boulevard-Medien und seinem Vorgänger-Anwalt gezeigt hat, was Sache ist. Für Schwenns Mandanten und sein Ego ist diese Art und Weise des Vorgehens ganz ohne Zweifel von Vorteil. Mit solchen Dingen wie Wahrheit oder gar Gerechtigkeit hat das alles freilich herzlich wenig zu tun. Wie schrieb Frau Rückert noch: “Da, wo Schwenn steht gerade steht, ist das Recht.” Besondere Beachtung verdient die Formulierung, “wo er gerade steht”. Diesmal stand er auf Seiten Jörg Kachelmanns. Wo Johann Schwenn das nächste Mal stehen wird, weiß er vermutlich nicht einmal selbst. Hauptsache er hat Recht.

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