„Respektlose“ Presse kippt Grünen-Senator

Dass Bundespräsidenten womöglich zurücktreten, wenn ihnen der „notwendige Respekt für mein Amt“ vorenthalten wird, ist seit Horst Köhlers Demission vom Mai 2010 bekannt. 
Jetzt hat auch ein Landespolitiker seinen angekündigten Rückzug aus der Politik damit begründet, dass er angeblich respektlos behandelt wurde - vor allem von den Medien. Er heißt Reinhard Loske, ist bisher noch Bremer Umwelt-, Bau- und Verkehrssenator und hat sich bundesweit einen Namen als Klimaexperte gemacht.

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Immerhin arbeitete er mal im angesehenen „Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie“ und war umweltpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion sowie deren Vizevorsitzender.
Medienkritiker Loske ist also nicht irgendwer. Bei der Bremer Bürgerschaftswahl am 22. Mai, wo erstmals neben Parteinamen auch einzelne Kandidaten angekreuzt werden konnten, bekam er die zweithöchste Stimmenzahl auf der Grünen-Liste. Aber drei Tage danach kündigte er plötzlich an, dass er nicht mehr für eine weitere Amtsperiode zur Verfügung stehe.
Den völlig überraschten Journalisten lieferte der 52-Jährige zunächst nur eine schriftliche Erklärung mit den üblichen nichtssagenden Worten: „Die Motive für diesen Schritt sind persönlicher Natur.“
Später stellte er sich aber einer Mitgliederversammlung seiner Partei. Und dort rückte er ein bisschen mehr mit der Sprache heraus: Ein Grund für seinen Abgang – es klang eher nach dem zentralen Grund – sei die „sehr aggressive Respektlosigkeit“ gegenüber seinen Leistungen.
In seinen vier Bremer Amtsjahren, so erzählte er seinen Parteifreunden, habe er versucht, „nach besten Kräften starke Akzente zu setzen“. Und dann folgte eine ganze Liste von Aktivitäten, die vor allem dem Klimaschutz und der Nachhaltigkeit dienen sollten. Loske hatte zum Beispiel den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und des Car-Sharings vorangetrieben, mehr Tempolimits auf Innenstadtstraßen und Autobahnen verhängt, neue Radwege anlegen lassen und eine Bewerbung Bremens für den Titel „Hauptstadt des Fairen Handels“ auf den Weg gebracht.
In den Medien, so Loskes Klage, „fand sich von alledem so gut wie nichts“. Stattdessen sei dort wochenlang polemisch über drei neue Fußgängerampeln an einem Autobahnzubringer oder über Tempo 120 auf den Bremer Autobahnen debattiert worden – so, als ob die Hansestadt durch solche Maßnahmen nicht mehr per Auto erreichbar wäre.
Die Presse habe auf diese Weise ein Zerrbild von ihm gezeichnet. Ihr seien „oft alle Maßstäbe abhanden gekommen“ – „von Maßstäben des Respekts ganz zu schweigen“.
Ein Teil dieser Medienschelte scheint nachvollziehbar. Vor allem in den ersten Monaten seiner Amtszeit, als Loske frisch aus Berlin in die Provinzmetropole gewechselt war, machte sich der Weser-Kurier (WK) ständig darüber lustig, dass der Senator sich wohl als „Weltklimabeauftragten“ sehe, statt sich auf die konkreten Alltagsprobleme einer Großstadt einzulassen. Dass seine umweltfreundliche Politik sogar mit teils internationalen Preisen ausgezeichnet wurde, erfuhr die Leserschaft allenfalls am Rande.
Andererseits transportierten der WK und andere lokale Medien oft nur jene Kritik, die von der Handelskammer oder der konservativen Opposition an Loske geübt wurde – und die war zum Teil wirklich maßlos. Die Bremer FDP zum Beispiel warf dem Senator vor, er bastele an „Plänen für eine Klimadiktatur“. So gesehen, traf Loske mit seiner pauschalen Medienschelte überwiegend die Falschen, nämlich die Überbringer anstelle der eigentlichen Absender der unangenehmen Botschaften.
Neben den Journalisten wurden auch die Grünen völlig von Loskes Abgang überrascht. Sie äußerten großes Bedauern, warben aber um Respekt für seine Entscheidung: Es sei gut, dass es auch in der Politik noch „Menschen mit dünner Haut“ gebe.
Empfindlich war Loske allerdings. Er hielt es schon für respektlos, dass er am Wahlabend von einem Journalisten gefragt wurde, ob seine automobilkritische Verkehrspolitik den Grünen wohl eher genützt oder geschadet habe. Eine offene Frage als Majestätsbeleidigung.
Merkwürdig aber auch die Reaktion des Weser-Kuriers: Obwohl Loskes Gekränktheit ein bezeichnendes Licht auf ihn wirft, erfuhren die WK-Leser kein Wort von seiner Medienschelte.

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