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„Frauen werden eher persönlich diffamiert“

Christine Kröger hat den Henri Nannen Preis in der Kategorie investigative Recherche erhalten. Seit über zehn Jahren berichtet die Reporterin des Bremer Weser-Kuriers über Rechtsextremismus und Rockerbanden. Ein nicht ungefährlicher Job: "Ich hatte schon oft Angst, wenn ich einem Neonazi gegenüberstand und wusste: Der kennt dich", sagt die 43-Jährige. Im MEEDIA-Interview spricht sie über den Reiz der Themen und warum sie als Frau das Gefühl hat, eher persönlich diffamiert zu werden als männliche Kollegen.

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Die diesjährige Verleihung des Henri Nannen Preises stand unter keinem guten Stern. René Pfister wurde im Nachhinein der Preis in der Kategorie Reportage aberkannt, weil er in seiner Reportage eine Einstiegsszene beschrieb, die nicht auf seinen Beobachtungen, sondern auf Aussagen anderer beruhte. War die Aberkennung in Ihren Augen richtig?
Vorab: Mich hat René Pfisters Text „Am Stellpult“ gefesselt, ich habe ihn mit wachsender Begeisterung und Bewunderung gelesen – und halte ihn auch nach wie vor für brillant! Trotzdem hat Herr Pfister meiner Meinung nach den handwerklichen Fehler begangen, den Leser nicht wissen zu lassen, dass und warum er nicht selbst in Herrn Seehofers Keller war. Er erweckt vielmehr ganz klar den Eindruck, er sei selbst in diesem Keller gewesen, weshalb der Jury auch kein Vorwurf zu machen ist, dass sie diesen Umstand nicht vorab hinterfragt hat. Dieser handwerkliche Fehler bleibt ein handwerklicher Fehler unabhängig davon, ob Herrn Pfisters Beschreibung des Kellers stimmt beziehungsweise ob seine Quellen zuverlässig waren. Nun ist der Henri-Nannen-Preis in der Kategorie Reportage der renommierteste Preis für die „Königsform“ des Journalismus und gebührt daher meines Erachtens Texten, die frei von derlei handwerklichen Fehlern sind. Trotzdem ist das alles extrem unglücklich gelaufen, weil manche meiner Berufskollegen Herrn Pfister nun viel mehr als einen handwerklichen Fehler nachsagen.
Würden Sie eine Reportage mit einer Szene einleiten, die Sie nicht selbst so erlebt haben?
Ja, das halte ich grundsätzlich für legitim – aber eben nur, wenn gleich im nächsten Absatz klargestellt wird, dass und warum ich diese Beschreibung nicht aus eigener Anschauung liefere und woher sie tatsächlich stammt.
Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Rockerbanden, Rechtsextremismus und Organisierte Kriminalität. Wie sind Sie dazu gekommen?
Wie die Jungfrau zum Kinde, will sagen, ich habe da keinerlei persönliche Affinität, Interessen oder Motive. Es gab irgendwann einen aktuellen Aufhänger – der Kauf einer Immobilie durch den inzwischen verstorbenen Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger – im Bremer Umland, der den Weser-Kurier veranlasst hat, über Rechtsextremismus in Bremen und umzu zu recherchieren, und dieses Thema landete bei mir. Das Abwiegeln der offiziellen Stellen widersprach meinen eigenen Beobachtungen, und ich hakte nach… Über diese Recherchen bin ich an Informationen zum Thema Hooligans und Rocker gekommen, und wieder hakte ich nach. Aus dieser Arbeit resultierten nicht nur zahlreiche Kontakte ins Rotlichtmilieu, sondern auch in die Ermittlungsbehörden, ich erfuhr, dass auch dort nicht immer alles „rund und sauber“ läuft. Und ich begann, zusätzlich polizei- und justizkritisch zu berichten…
Was reizt Sie an den Themen?
Organisierten Kriminellen ist ihr Geld aus illegalen Geschäften mit Waffen, Drogen und mit Menschen (!) irgendwann nicht mehr genug. Sie müssen nicht nur ihr dreckiges Geld in scheinbar legalen Geschäften waschen, sie wollen zugleich raus aus der „Schmuddelecke“ und rein in den elitären Golf- oder Was-auch-immer-Club, denn schließlich haben sie nicht weniger Geld als deren übrige Mitglieder. Diese gesellschaftliche Akzeptanz lassen sie sich einiges kosten, sie spenden, treten öffentlich als Wohltäter auf… Ein ungemein gefährlicher Prozess, der keineswegs mit spektakulären Schießereien und blutigen Bandenfehden einhergeht. Er vollzieht sich vielmehr in sehr kleinen, kaum merklichen Schritten. Ganz unspektakulär, fast langweilig. Daher ist er nur zu verhindern, wenn wir Journalisten ganz genau, kontinuierlich und kritisch hinschauen, intensiv und fleißig recherchieren, Zusammenhänge herstellen, Netzwerke aufdecken – und trotz aller persönlichen und presserechtlicher Risiken die Öffentlichkeit über all das informieren.
Im vergangenen Jahr hat der Weser-Kurier ein Ressort für investigative Recherche und Ausbildung gegründet, das Sie leiten. Wie sieht die Arbeit aus?
Den typischen Arbeitstag gibt es nicht. Ausbildung und Ressortleitung bedeuten viele organisatorische Aufgaben, zugleich macht der Austausch mit jungen Kollegen großen Spaß und eröffnet neue Sichtweisen. Er ist die beste Medizin gegen Betriebsblindheit. Was die Recherchearbeit angeht, verbietet der Informantenschutz jede realistische und detaillierte Beschreibung.
Sie sind gut vernetzt, wie man Ihren Artikeln auch anmerkt. So gibt es viele Gerüchte, dass Sie Ihre Quellen im direkten privaten Umfeld haben, weil Sie mit einem Staatsanwalt, einem Rocker oder auch einem LKA-Angestellten liiert sein sollen. Was ist nun richtig? Und wie erklären Sie sich, dass es diese Gerüchte gibt? Liegt es beispielsweise daran, dass einer Frau eine solche investigative Recherche, wie Sie es betreiben, nicht zugetraut wird?
Nichts davon ist wahr, ich bin und war auch nie mit einem Staatsanwalt, einem Polizeibeamten oder einem Rocker liiert. Mehr möchte ich zu meinem Privatleben nicht sagen. Und ja, ich fürchte, diese Gerüchte haben – zumindest auch – damit zu tun, dass ich eine Frau bin. Ich habe den Eindruck, dass Frauen mehr als Männer persönlich diffamiert werden, wenn sie besonders hartnäckig recherchieren und kritisch berichten. Solange diese Gerüchte aus dem Rocker- und Rotlichtmilieu stammen, kann ich damit leben. Zu denken gibt mir aber, dass die Urheber eben nicht nur aus diesen Milieus stammen, sondern auch in Ermittlungsbehörden sitzen. Und richtig zu schaffen macht mir, dass einige Urheber sogar Berufskollegen, also Journalisten, sind.
Ihre Recherchen sorgen für Aufsehen – auch bei den Behörden. In einem Fall stellten Sie Polizeibeamte in ein schlechtes Licht. Vor gut einem Monat wurde bekannt, dass sie Sie bespitzeln lassen wollten. Wie haben Sie davon erfahren?
Na, na, na, Sie lesen wohl auch nur Spiegel und Stern regelmäßig? Spaß beiseite: Ich habe weit mehr als nur einmal polizei- und justizkritisch berichtet. Und der von Ihnen zitierte Versuch, mich zu bespitzeln, war leider auch nicht der erste seiner Art. Ich weiß seit Jahren von ähnlichen behördeninternen Vorstößen aufgrund ähnlicher behördenkritischer Berichte, in denen ich auf ähnliche behördeninterne Informationen zurückgreifen konnte. Nur konnte und wollte ich nie über diese Vorstöße berichten – zuerst und vor allem aus Gründen des Informantenschutzes, aber auch aus der Überlegung heraus, dass ich Berichte von Journalisten über Journalisten immer mehr als einmal hinterfrage. Der Verdacht der „Selbstbeweihräucherung“ liegt einfach zu nahe. In dem Fall, den Sie ansprechen, lag dem Weser-Kurier aber ein amtliches Dokument solch hanebüchenen Inhalts vor, dass wir entschieden haben: Verdammt noch mal, da müssen wir ausnahmsweise über uns selbst berichten – auch auf die Gefahr hin, dass die Geschichte eher Polizisten, Staatsanwälte und Journalisten interessiert als unsere Abonnenten und anderen treuen Leser.
Wie ist das weitere Vorgehen in dem Fall? Können Sie dagegen vorgehen?
Nein, weil die Staatsanwaltschaft ausweislich dieses Dokumentes im Sinne der Pressefreiheit vorbildlich reagiert hat. Die – ich sage es mal verniedlichend – nassforschen Polizeibeamten sind juristisch kaum zu belangen, weil sie ja – dank der beteiligten Staatsanwälte – mit ihrem Vorstoß gescheitert sind.
Durch Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Sie im Visier der Kriminellen. Haben Sie es schon mal bereut, diesen gewählt zu haben?
Schon mal? Unzählige Male! Aber „hätte der Hund nicht geschissen, hätte er einen Hasen gerissen“, wie wir in der niedersächsischen Tiefebene, in der ich geboren wurde, ebenso derbe wie treffend sagen. Und „gewählt“ ist eigentlich auch schon zu viel gesagt.
Sind Sie schon einmal in eine bedrohliche Situation geraten?
Wie man es nimmt. Ja, ich hatte schon oft Angst, wenn ich unversehens einem Rocker, Hooligan oder Neonazi gegenüberstand, von dem ich wusste: Der kennt dich! Toi, toi, toi, bislang bin ich heil geblieben. Natürlich befolge ich brav die Anweisungen der Polizei, die mir Tipps für „gefährdete Personen“ gegeben hat. Wie die genau aussehen und welche Maßnahmen ich sonst noch für meine persönliche Sicherheit ergriffen habe, möchte ich aus naheliegenden Gründen nicht öffentlich preisgeben.
Anders als andere Kollegen aus dem Bereich Rechtsextremismus gehen Sie ganz offensiv damit um und zeigen auch "Gesicht", soll heißen, dass Ihr Bild im Internet verfügbar ist. Haben Sie sich bewusst dafür entschieden?
Ein deutliches Jein. Als ich mit der Berichterstattung zu diesen Themen begann, habe ich deren Dimension im Allgemeinen und das Gefährdungspotenzial im Besonderen nicht überblicken können und daher beispielweise über ein Pseudonym noch nicht einmal nachgedacht. Als sich derlei Fragen stellten, war es zu spät. Hätte über meinen Artikeln nun plötzlich „von Lieschen Müller“ (das sonst nie für den Weser-Kurier schreibt) gestanden, hätte sich auch der dümmste Neonazi denken könne, wer das tatsächlich geschrieben hat. Fotos zu veröffentlichen, habe ich in Absprache mit der Polizei lange vermieden. Aber letztlich ist das im Zeitalter des Internets nicht mehr konsequent möglich. Schließlich rieten mir Polizeiexperten, eher mehr als weniger Fotos zu veröffentlichen. Denn angesichts meiner „Prominenz“ in bestimmten Milieus sei mittlerweile Öffentlichkeit eher Schutz als zusätzliche Gefährdung. Seither zeige ich uneingeschränkt „Gesicht“.
Wieso sollte man Ihrer Meinung nach heute Reporter werden?
Bloß nicht aus Ehrgeiz: In vielen anderen Berufen lässt sich mit viel weniger Aufwand viel mehr Geld verdienen und viel mehr Anerkennung erreichen. Bloß nicht aus Sendungsbewusstsein: Der Journalist ist kein Lehrer, er darf seine Leser, Hörer oder Zuschauer nicht belehren, er muss sie informieren, Zusammenhänge herstellen und Hintergründe beleuchten. Und er darf auch seine Meinung kundtun, sprich: kommentieren. Aber letztlich muss der Leser, Hörer oder Zuschauer die Chance behalten, sich sein eigenes Urteil bilden – auch wenn wir Journalisten es im Einzelfall ganz und gar nicht teilen. Was als Motiv bleibt? Idealismus. Eine freie und kritische Presse ist nicht nur die vierte Macht der Demokratie, sie ist zugleich eine der Säulen, ohne die die Demokratie zusammenbricht.

Christine Kröger erhielt für ihre journalistische Arbeit neben dem diesjährigen Henri Nannen Preis auch den Theodor-Wolff-Preis (2006) sowie den Wächterpreis (2010).

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