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Obst und Fürst: das RTL-Coaching-Debakel

Am gestrigen Mittwoch schickte RTL zur Primetime zwei Coaching-Formate ins Quoten-Rennen: “Nachbarschaftsstreit“ mit Frontman Franz Obst (54) und die “Anwältin der Armen“ Helena Fürst (35). Fazit nach Betrachtung der erschütternd dürftigen Produkte: Mit der Qualität beider Formate konnte der Sender den alten Traum von Skifahrern verwirklichen, die beim Start eines Abfahrtsrennens oben am Hang stehen. Es gelang RTL und dem Genre von Doku-Soap-Coaching- Formaten, in Rekordzeit herunterzukommen.

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Man mag  über Christian Rach (“Rach, der Restauranttester“, RTL)  und Peter Zwegat (“Raus aus den Schulden“, RTL) denken, wie man will. Auch Kritiker stimmten zu: Beide sind Kult und haben mit teilweise sensationellen Quoten und den unverwechselbaren Ecken und Kanten wiedererkennbarer Identifikationsfiguren ihre Formate durch Jahre getragen und das Genre von Coaching-Formaten auf RTL’s Plattform salonfähig gemacht.
Gestern nun, am abendlichen Coaching-Mittwoch des Senders, durften Obst und Fürst in der Primetime herausfinden, ob Sie als Lückenfüller, Anreicherungen oder gar als künftige Wettbewerber von Zwegat, Saalfrank, Rach & Co taugen. Die unterirdische Qualität beider Formate des gestrigen Abends hätte wahrscheinlich weder bei Christian Rach noch bei Peter Zwegat je den Schnitt verlassen.
Seit Sat.1-Gartenzaun-Zeiten versuchten sich viele an Nachbarschaftsstreit-Themen. Gestern reihte sich Franz Obst mit einer abenteuerlichen Vorstellung in die Riege der Streitschlichter ein. Obst, der visuell jederzeit als unerkannter Stiefbruder von Mick Knauff  (Vorstand Deutsches Anlegerfernsehen und Börsenkommentator N24) durchgehen würde, fand sein Betätigungsfeld in der Enge von Urspringen bei Würzburg. Verfeindete Nachbarn, Ratten, blockierte Einfahrten und im Kamin verbrannte, stinkende Schuhe zeichneten ein äußerlich und innerlich enges Millieu: kleingeistige und armselig verhärtete Streitpartner mit deutlichen intellektuellen und sozialen Grenzen stritten sich nur wenige Millimeter entfernt vor den Menschen-Schrottplätzen der Gesellschaft. Diesem Klienten-Ambiente nun begegnete Obst im fein geputzten Zwirn mit einem ansatzweise geklauten Zwegat-Opener: „Hallo, ich bin Franz Obst. Rechtsanwalt und Streitschlichter. Sie haben mich zu Hilfe gerufen!“.
Obst setzt sich im dunklen Zweireiher mit Krawatte auf die muffige Dorfcouch von Hildegard Pfeiffer, einer der beiden Streithennen, und wirkt von Beginn der Sendung an wie ein blankpolierter Fremdkörper mit gelernt lockeren Vertriebsformulierungen. Der Mann, der als Bestatter ebenso durchgehen würde wie als Schatzmeister eines Karnevals-Vereins, beginnt seine Arbeit mit der Bilanzierung der Ausgangssituation und spricht mit beiden Parteien. Auch für die Begegnung mit den Streit-Gegnern Pfeiffers findet Obst eine elegante Eingangsformulierung: „Ich bin gerade auf dem Weg zu Ihnen!“, sagt Obst zum Feind Pfeiffers, während er direkt vor ihm steht. Kann man so machen.
Mit diesen Eingangsszenen ist die gesamte Qualität der Streitschlichtung umfassend beschrieben. Obst hält sein unterirdisches Niveau – aus Obst wird Fallobst: Der Zuschauer sieht kleine Gesprächsrunden, die letztlich Vehikel für völlig überflüssige Zusammenfassungen von Obst an Stellen sind, wo kaum ein wirkliches Gespräch zwischen den Streitenden stattgefunden hatte. Obst bilanziert munter, wo nichts zu bilanzieren ist. Auf der Strecke seiner Beratungsbemühungen lernen  Zuschauer zumindest weitere Garderobe des Streitschlichters  kennen. Als Highlight kann ohne Zweifel die Kombination mit seidenem Einstecktuch gelten, die harmonisch mit der schwarzen, teuren Brille korrespondiert. Und da eine Mischung aus pseudoernstem Dilettanten-Schleim, anspruchsvoll paradoxer Garderobe und Gelaber  für Zuschauer ein wenig zu langweilig sein könnte, muss ein beratender Psychologe der Produktion, der sich qualitativ auf Fall-Obst-Level befunden haben musste, angeraten haben, ein wenig mehr Action in den Streit zu bringen. Schnell konstruierte das Drehbuch ein Show-Down aller Beteiligten, in dessen Verlauf Sie “ihre Emotionen herauslassen“ sollten. Die Aufgabe bestand darin, alberne rote Overalls anzuziehen und sich Mehl-Pakete vor die Füße zu werfen. Das Mehl ging kaputt, Emotionen gab es keine. Die Situation wurde von allen als Durchbruch in der Streitschlichtung verkauft.
Das alles war so schlecht, dass “schlecht“ gar nicht ausreicht um zu beschreiben, wie schlecht es war. Obst, der während seines Studiums Reiseleiter und auch Chauffeur des Auswärtigen Amtes war, hat auch gestern Reiseleiter-Attitüden nie ablegen können. Er hat im TV ebensowenig zu suchen, wie in ernsten Beratungssituationen innerhalb integrativer Konfliktlösungen. Das Format selbst war billig, ohne Spannungsbögen von Imago TV produziert, und bot zu einem weitgehend ausgelutschten Thema Langeweile statt Profil und Gestelztes statt Lebendigkeit.
Durch Helena Fürst, “Anwältin der Armen“, wurde der Abend qualitativ nicht besser. Sie hielt Obsts Niveau. Konsequent und: leider. "Anwälte der Armen" ist von Solis TV eine Spur lebendiger und qualitativ besser produziert, als “Nachbarschaftsstreit“. Der ehemalige SAT.1- Chef Roger Schawinski ist dort seit 2010 mit 24% an der Gesellschaft beteiligt und kümmert sich um Strategie und Formatentwicklung.
Mit Frontfrau Helena Fürst sahen Zuschauer nicht nur eine ungelenk in den Raum gestellte Hartz-IV-Domina mit regungslosem Plastikgesicht, sondern eine rhetorische Nordic-Walkerin. Fürst bot durchgängig sprachliches Gehen am Stock: Inhaltlich vor dem Hintergrund einer lieblos mechanistischen Außenwirkung und auch in ihrer Art der Aussprache. Leise verschluckte nuschelnde Endsilben bei gleichzeitig spürbarem Bemühen um eigene Kontrolle des gesprochenen Wortes kennen präzise Zuhörer sonst eher von Menschen mit hartnäckiger Neigung zu Alkohol und Medikamenten-Konsum. Fürst hangelte sich durch die tragische Situation einer jungen Familie, die in der Tat Hilfe dringend nötig hatte und der alle Ämter trotz einer herzkranken Tochter jede Unterstützung verweigerten.
Fürst schaffte es immerhin mit versteckter Kamera bis zum Landrats-Referenten. Sie errotzte nuschelnd und fahrig Geld für die Familie, nicht ohne dem Familienvater einen Job zu besorgen und ihn im Vorbeigehen therapeutisch zu verarzten. Kann man so machen. Ist ja alles drin im Preis. Fokus und Orientierung jedoch sehen anders aus. So wirkte die Breitseite des Leistungsportfolios der Sportskameradin Fürst eher, als müsse man vor den Hintergrund befürchteter Langeweile die Protagonistin noch ein wenig aufblasen, um schnell mal im Vorbeigehen die Familie therapeutisch abzufrühstücken. Ein Format zu backen wie eine Pizza, auf welche man einfach immer dann etwas wirft, wenn Geschmack zu dünn wird, scheint als inhaltliche Strategie für TV- Formate ebenso innovativ wie erfolglos.
Die Betriebswirtin mit der lieblosen Ausstrahlung eines defekten Feuermelders kann übrigens auf frühere Einsätze als Sozialfahnderin bei SAT.1 zurückblicken und streitet nun für RTL – bislang bei “Punkt Zwölf“- nicht mehr gegen sondern für Hilfebedürftige sozialer Randgruppen. Beide Protagonisten der Formate sahen in der Sache den jeweiligen Erfolg für ihre Klienten. Der Klient RTL allerdings wird für Erfolg möglicherweise umdenken müssen: Fürst mit 17,5 % in der Zielgruppe und Obst mit 14% in der Zielgruppe bedeuten für RTL keine herausragenden Quoten. Qualitativ sind beide Formate nicht Primetime-tauglich.
Sollte der gestrige Abend eine mögliche Perspektive der Zukunft von Coaching-Formaten im Abendprogramm aufgezeigt haben, besäße "Big Brother" auch eine Chance als Nachfolgeformat des Philosophischen Quartetts. Obst und Fürst sind meilenweit entfernt von den lebendigen Identifikationsflächen, die ein Zwegat und ein Rach als Person abzubilden in der Lage sind. Man darf gespannt sein, ob das Desaster Zukunft hat.
Mehr über den Autor: http://www.leadership-academy.de

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