Das Image-Problem der Nachrichten-Sites

Stefan Niggemeiers Blog-Eintrag zu stern.de hat eine längst fällige Diskussion ausgelöst: Welchen Sinn machen hunderte deutsche Nachrichten-Websites mit zu 80% identischen Inhalten? Sind die Kosten sparenden Angebote der einzige Weg zum Glück oder sollten die Verlage nicht investieren, um ihre Marken langfristig zu sichern - nicht nur im Netz? Ein wichtiger Aspekt, der dabei zu wenig beachtet wird, ist: Junge Leser kommen zuerst mit der Website, erst später oder gar nicht mit dem Print-Produkt in Kontakt.

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Verschiedenste Studien zeigen, dass gerade bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Internet längst das Informationsmedium Nummer 1 geworden ist. Passiert etwas, das die jungen Menschen interessiert, schalten sie nicht den Fernseher ein oder warten gar auf die Tageszeitung vom nächsten Tag – oder die Zeitschrift der nächsten Woche – sie googlen und lesen im Netz. Die Hoffnung, dass diese jungen Medienkonsumenten schon irgendwann zum Papier greifen werden, wenn sie erwachsen sind, dürfte ein unter normalen Umständen unerfüllbarer Wunsch der Verlage bleiben. Langzeituntersuchungen zum Mediennutzungsverhalten zeigen jedenfalls, dass Menschen mit höherem Alter nur selten ihre Gewohnheiten ändern.

Die Folge dieser Entwicklung: Junge Leute entscheiden sich für Nachrichten-Websites nicht mehr, weil sie das Print-Produkt kennen, sie kommen zuerst mit dem Internet-Angebot in Berührung. Konsequenz: Eine Image-Übertragung findet nicht mehr von Print zu Online statt, sondern umgekehrt. Und genau das kann für Verlage mit billig zusammen geschusterten Websites zum Problem werden. Wenn die deutschen Nachrichten-Angebote zu 80% aus identischem Agenturmaterial bestehen, wie Oliver Eckert von Tomorrow Focus gegenüber MEEDIA erzählt, dann sind diese Angebote austauschbar, eine Markenbindung oder ein positives Image können kaum entstehen.

Und wenn die jungen Nutzer merken, dass überall gleiche Texte zu lesen sind – was denken sie dann über die ursprünglichen Print-Marken. Denken sie, dass der stern wie sein Internet-Beiboot eine Sammlung aus Agenturmeldungen ist – und nicht ein Magazin mit starken Reportagen, großartigen Bildern und langer Tradition? Und dass der Spiegel mindestens so viel Boulevard wie Politik enthält? Oder in der Vor-Ort-Tageszeitung nur das überregionale Zeug steht, dass sie schon kennen – und nicht Interessantes aus der Region? Was wenn die Auflagenverluste der Tageszeitungen und Magazine gar nicht nur automatisch durch das "neue" Medium Internet entstehen, sondern mehr und mehr durch die Tatsache, dass junge Menschen dem Papier fern bleiben, weil sie dort keine hochklassigen Inhalte erwarten?

Wenn Verlage mit ihren Marken dauerhaft Erfolg auf allen Medienkanälen haben wollen, sollten sie diesen Imagetransfer von Online zu Print unbedingt beachten. Eine mit austauschbarem Agenturmaterial zusammengeklebte Website ohne eigene journalistische Glanztat mag kurzfristig Geld sparen und das Angebot in die schwarzen Zahlen führen, auf Dauer schadet sie aber nicht nur sich selbst, sondern der gesamten, womöglich über Jahrzehnte aufgebauten, journalistischen Marke.

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