„Für Fußball keine Gebühren verpulvern“

"Eigentlich wollte ich nur eine Glosse schreiben." Doch aus dem Spaß wurde Ernst: FAS-Feuilleton-Chef Claudius Seidl entwickelt sich immer mehr zum Gegenkandidaten von Thomas Bellut als neuer ZDF-Intendant. Via Facebook sammeln sich die Seidl-Unterstützer. Im MEEDIA-Interview verrät Seidl nun, dass er eigentlich gar nicht den Sender übernehmen will, "denn ich habe den fantastischsten Job der Welt. Aber so kann es beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht weitergehen." Also macht Seidl doch weiter.

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Den Anfang um das "Possenspiel um Intendantenwahl" (Turi2) machte eine Seidl-Glosse in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vor zwei Wochen. Seit dem entwickelt sich Geschichte munter weiter. Eine eigene Facebook-Gruppe, mit der der Journalist jedoch nichts zu tun hat, sucht mittlerweile Unterstützer für die Kandidatur des Gegenkandidaten. Seidl selbst weiß allerdings immer noch nicht so genau, wie er sich überhaupt bewerben kann. Er fragte beim ZDF nach, und die Mainzer versprachen einen Rückruf.

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Claudius Seidl als ZDF-Intendant – Wahlkampftrailer

Hat das ZDF mittlerweile zurückgerufen?

Natürlich nicht. So wie ich es in der Glosse beschrieben habe, spielte es sich wirklich ab. Ich suchte auf der Webseite des ZDF die Ausschreibung der Intendantenstelle und fand sie nicht. Also rief ich an und wurde weiter verbunden und weiter verbunden. Nur helfen konnte mir keiner. Auf den versprochenen Rückruf warte ich noch immer.
Würden Sie sich denn tatsächlich bewerben?
Aber sicher. Nur ich weiß ja gar nicht, ob ich die Anforderungen erfülle. Bislang konnte ich nur herausfinden, dass ich zur Bewerbung von mindestens einem Fernsehrat vorgeschlagen werden muss. Das nahm der Schriftsteller und Journalist Lorenz Schröter mittlerweile zum Anlass, auf der Facebook-Seite "Claudius Seidl als ZDF-Intendant" eine Serie zu starten, die die ZDF-Fernsehräte vorstellt. Diese zeigt brutal auf: Das gesamte Gremium ist komplett in der Hand der Politik. Also verspreche ich jetzt schon mal: Eine meiner ersten Amtshandlungen ist eine Umgestaltung des Fernsehrates.

Sie schreiben, dass Sie eh wenig fernsehen. Da könnte Ihnen das Programm doch völlig schnuppe sein?
Das ist schon richtig, aber ich muss trotzdem dafür zahlen. Wenn nun das Programm, das auch von mir finanziert wird, besser wäre, würde ich vielleicht auch wieder fernsehen. Die Logik, der das öffentlich-rechtliche TV zur Zeit folgt, ist aber: Es muss das ZDF geben, weil wir das Fernsehen nicht nur kommerziellen Anbietern überlassen dürfen. Wir produzieren aber den gleichen Mist wie die kommerziellen Sender, weil wir von allen Gebühren verlangen und deshalb allen etwas bieten müssen.

Ihre Lösung ist, dass Sie stattdessen alle Programme, die es anderswo auch umsonst geben würde, komplett rauswerfen.
Ja. Fußball läuft sowieso. Dafür müssen nicht noch unsere Gebührengelder verpulvert werden.

Sie meinen Ihre Kandidatur also wirklich ernst?
Ich will eigentlich ja gar nicht Intendant werden, denn ich habe den fantastischsten Job der Welt. Aber so kann es beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht weitergehen. Die Gebührensender verhalten sich längst wie Wirtschaftsunternehmen. Dabei sollten sie dies gerade nicht.

Neben dem ZDF rütteln Sie zudem noch kräftig an der Position der GEZ?
Wenn man über das System der Gebühreneinzugszentrale nachdenkt, wird man verrückt. Im Vergleich zur GEZ ist es einfacher aus der Mafia auszusteigen. Die Menschen müssen für das Fernsehen zahlen, haben bei der tatsächlichen Programmgestaltung aber nichts zu sagen.

Würde Programmdirektor Thomas Bellut, mit dem Sie auch um den Intendanten-Posten konkurrieren, denn seinen alten Job behalten?
Über die tatsächliche Macht eines Intendanten will ich gar nicht nachdenken. Denn eigentlich wollte ich nur eine Glosse schreiben.

Heißt: Sie wissen auch nicht, wer hinter der Facebook-Seite steckt?
Ich weiß es wirklich nicht. Ich habe lediglich eine Vermutung.

Sind Sie überrascht von dem Erfolg Ihrer Aktion?
Ich weiß nicht so recht. Denn bislang hat die Facebook-Gruppe nur 1.400 Fans. Um Mubarak zu stürzen bedürfte es schon ein paar mehr Fans. Zudem zeigte sich, dass das gedruckte Wort doch noch ein ganz anderes Gewicht hat. Die Reaktionen auf eine kleine Meldung in der Berliner Zeitung waren stärker als das Facebook-Feedback.

Ist Ihre Aktion Satire?
Nein. Das wirklich Absurde ist das öffentlich-rechtliche System.

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