NR-Vorstand bedauert Maschmeyer-Absage

"Medienopfer oder Finanzbetrüger"? So hätte die Veranstaltung auf der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche (NR) einem ersten Entwurf zufolge heißen sollen, bei der AWD-Gründer Carsten Maschmeyer mit Spiegel-Redakteur Markus Grill diskutieren sollte. Der geplante Auftritt löste Ärger zwischen der "Panorama"-Redaktion und dem NR-Vorstand aus. Doch der war wohl umsonst: Maschmeyer hat seinen Auftritt abgesagt. Laut SZ habe er sich dazu entschieden, so "seinen Beitrag zur Glättung der Wogen zu leisten".

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"Panorama"-Autor Christoph Lütgert und sein Team, die insgesamt drei Reportagen über die fragwürdigen Methoden des Finanzoptimieres AWD und seinem ehemaligen Firmenchef gedreht haben, hatten sich wegen des geplanten Auftritts von Maschmeyer düpiert gefühlt. Maschmeyer hatte trotz mehrerer Interviewanfragen ein Gespräch mit Lütgert abgelehnt und ging gegen Lütgert und die Redaktion juristisch vor. Weil der Finanzmogul das Gespräch auf der NR-Konferenz an die Bedingung knüpfte, dass der Journalist nicht mit auf dem Podium sitze, drohte Lütgert mit dem Austritt aus dem Verein. Aus dem Streit zwischen Maschmeyer und dem "Panorama"-Team wurde so ein Streit zwischen "Panorama" und Netzwerk Recherche.

Am Mittwoch sagte Maschmeyer seine Teilnahme an der Jahreskonferenz via Brief an Markus Grill ab. Darin heißt es laut SZ: Er verfolge die Debatte um seinen Auftritt "mit Befremden". Das Gespräch sei zur "willkommenen Gelegenheit mutiert, bei der doch jeder sagen kann, wie er sich von ihm ungerecht behandelt und verfolgt fühlt", was aber nie Intention gewesen sei. Maschmeyer weiter: "Nach reiflicher Überlegung habe ich entschieden, meinen Beitrag zur Glättung der Wogen zu leisten, und meine Teilnahme abzusagen, solange ich ja auch noch nicht im offiziellen Programm stehe".   

Der Schritt kommt zu diesem Zeitpunkt überraschend, denn bislang konzentrierte sich die Kontroverse auf das Netzwerk selbst. Nun hat der Verband der Investigativen einen doppelten Schaden: Der umstrittene Gast wird der Veranstaltung in Hamburg am ersten Juli-Wochenende fernbleiben, gleichwohl wird seine Einladung auch dort ein Thema bleiben, das zu erhitzten Debatten führen dürfte. Mit dem Rückzug erscheint nun das Netzwerk Recherche in einem wenig vorteilhaften Licht – so als sei man dort nicht in der Lage, einen kritischen Austausch mit einem prominenten Lobbyisten zu führen. Das Netzwerk ist beim Versuch, den Finanz-Unternehmer zu "grillen" (SZ), der viele seiner Kunden ins Unglück gestürzt haben soll, letztlich an sich selbst gescheitert.

Wohl deshalb war man im Verband am Freitag auch um Schadensbegrenzung bemüht. Auf Anfrage von MEEDIA teilte der Vorstand mit: "Netzwerk Recherche bedauert die Absage von Herrn Dr. Maschmeyer." Zugleich betonte das Gremium: "Sollten alle Beteiligten ihre Positionen zu einer qualifizierten Debatte in den nächsten Wochen erneut überdenken, steht die nr-Jahreskonferenz auch weiterhin als Forum für ein faires, argumentatives Streitgespräch offen." Man werde aber auch künftig am dramaturgischen Prinzip der Kontroverse festhalten und sich von niemandem dazu zwingen lassen, auf "unerwünschte" Referenten zu verzichten. "Wir werden auch künftig Referentinnen und Referenten einladen, die nicht unsere Positionen vertreten oder deren Verhalten im Umgang mit Journalisten kritikwürdig ist. Alle kritikwürdigen Positionen werden auch künftig in Rede und Gegenrede zur Diskussion gestellt. Dies gilt auch in Zukunft für die Preisträger der ‚Verschlossenen Auster‘, die in ihrer Rede oder mit einer schriftlichen Stellungnahme auf die vorgetragene Kritik reagieren können."

Dies kann als Signal an NR-Mitglied Christoph Lütgert gedeutet werden, der mit seinem Protest gegen die Befragung von Maschmeyer durch Grill die Kontroverse erst ausgelöst hatte. Denn auch dies macht der NR-Vorstand klar: "Das geplante Streitgespräch mit Publikumsbeteiligung (wäre, Anm. d. Red.) für die Teilnehmer der Jahreskonferenz eine Informationsquelle aus erster Hand gewesen."

Die Debatte um Carsten Maschmeyer wird also weitergehen, auch wenn der Finanzmogul selbst nicht in Hamburg präsent ist.

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