‚Tatort‘: Postels Fronteinsatz im Binnenrevier

Ein mutiges Thema: Die Ermittler Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) kommen durch ihren aktuellen Fall mit Flüchtlingspolitik und illegaler Einwanderung in Berührung. Angesichts der Dramatik an den europäischen Grenzen ist der Bremer "Tatort" zwar an Aktualität kaum zu überbieten und wird somit seinem politischen Anspruch gerecht. Doch ist die Episode "Der illegale Tod" so überfrachtet von Verstrickungen der Protagonisten, dass man schnell den Überblick verliert.

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Drehbuchautor Christian Jeltsch hat sich für diesen "Tatort" viel vorgenommen: Anhand des persönlichen Schicksals der afrikanischen Asylbewerberin Amali Agbedra (Florence Kasumba) will der preisgekrönte Filmemacher, der auch die Figur des von Ulrich Tukur gespielten Wiesbadener "Tatort"-Kommissars Felix Muro erfand, die ganze Bandbreite der Flüchtlingspolitik erzählen. Es geht um illegale Einwanderung, die Angst der Asylbewerber vor ihrer Abschiebung und die Abschottung der europäischen Grenzen durch die Wasserschutzpolizei sowie die Agentur Frontex, die es auch in Wirklichkeit gibt.

Was hat das alles mit Bremen zu tun, mag man sich da fragen? Eine Besatzung der Wasserschutzpolizei aus Bremerhaven ist für Frontex auf dem Mittelmeer unterwegs und soll die europäischen Grenzen bewachen. Dabei kommt es zu einem tragischen Zwischenfall, der Amali Agbedra Rache an den vier Polizisten schwören lässt, die wieder in ihrer Heimat sind.

Wäre dieses Bündel an politischen Themen nicht schon genug, wird Kommissarin Lürsen noch ein Problem mit ihrer Tochter Helen (Camilla Renschke) aufgehalst. Sie ist zu ihrer Vorgesetzten aufgestiegen, doch anstatt sich zu freuen, ist Lürsen von dem Karrierewillen der Tochter enttäuscht und gerät mit ihr aneinander. Doch das nur nebenbei. Den größeren Auftritt der beiden Ermittler hat ausnahmsweise mal der sonst eher blass wirkende Stedefreund, der eine Nacht mit seinem alten Kumpel Peer, einem Beamten der Wasserschutzpolizei, durchzechte, die jedoch mit einem möglichen Verbrechen endete. Denn Stedefreund wacht in der Wohnung seines Freundes zwischen Couch und Blutflecken auf – Peer ist spurlos verschwunden.

Regisseur Florian Baxmeyer ist es durch aufwendige Inszenierungen gelungen, den Fall so realitätsnah wie möglich darzustellen. Die Szene auf dem Flüchtlingsboot wurde an einer Kaimauer in Bremerhafen gedreht. Es sei gar nicht so einfach gewesen, in Bremen und Umland genügend afrikanische Komparsen zusammenzutrommeln, sagte Baxmeyer in einem Interview. Dazu war ihr Unterfangen, bei eiskalter Nacht ohne Schwimmwesten auf einem wackeligen Boot eine Panik zu spielen, nicht ganz ungefährlich. Herausgekommen ist eine starke, eher untypische Einstiegsszene für den Bremer "Tatort", die den Anspruch auf die kommenden 85 Minuten enorm steigen lässt.

Doch es ist nicht leicht, fortan durch den Fall durchzusteigen. Der Plot ist zu kompliziert. Die Verstrickungen der Protagonisten untereinander sowie in die von der Agentur betriebene Flüchtlingspolitik sind bei den abenteuerlichen Wendungen schwer zu durchschauen und machen Mühe, den Krimi bis zum Ende anzusehen. Die persönlichen Probleme von Lürsen und Stedefreund tragen dann zumindest für einen Augenblick dazu bei, sich bei diesem "Tatort" entspannt zurücklegen zu können.

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