ESC-Journalisten: die Stunde der Patrioten

Im Pressezentrum des ESC wird gesungen, geklatscht und getanzt. Rund 2.300 Journalisten sollen sich für das Event in Düsseldorf akkreditiert haben. Dabei sind die Grenzen zwischen objektiver Berichterstattung und Fan-Kult fließend: Hier ein Fähnchen neben dem Laptop, dort ein Kopfschmuck in landesüblicher Tradition, und bei den Pressekonferenzen gibt es nur wenige kritische Fragen. Journalisten werden zu Fans und umgekehrt: Beim ESC herrscht ein eigenwilliges Selbstverständnis mangelnder Distanz.

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Auf den Bildschirmen im Pressezentrum werden die Proben aus der Arena übertragen. Als Mika Newton, die ukrainische Kandidatin, die Bühne betritt, sind für einen Moment die Augen auf die erste Arbeitsplatz-Reihe gerichtet. Die vier Journalisten springen auf, halten ihre Nationalflagge hoch, feuern ihre Landsfrau an und tanzen zu der Ballade, soweit das möglich ist. Dann tosender Applaus, als die Show vorbei ist und die Künstlerin die Bühne verlässt.
Diese Begeisterung für den landeseigenen Musikact ist hier nicht die Ausnahme. Auch wenn die Kandidaten in der Arena nebenan davon nichts mitbekommen, sitzen hier im Pressezentrum die vielleicht für sie wichtigsten Fans: die Journalisten.
Das zeigt sich auch in den Pressekonferenzen, die einer "Anbetungshandlung" gleichen, wie Jan Feddersen im ESC-Blog schreibt. Seit Jahren verfolgt der taz- und NDR-Autor den Musikwettbewerb vor Ort und hat darüber mehrere Bücher geschrieben. Feddersen meint mit "Anbetungshandlung" jenes Verhalten der Medienvertreter, sich zunächst in epischer Breite bei den Kandidaten für ihren Auftritt und ihr Engagement als Botschafter ihres Landes zu bedanken, bevor sie zu ihrer (belanglosen) Frage kommen und den Musikacts on top noch ein Geschenk überreichen. Da wundert sich manch ein Journalist über die fehlende Distanz des Kollegen und ist peinlich berührt.
Am Freitag beispielsweise meldete sich in der Pressekonferenz der Big-Five-Kandidaten Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland und Großbritannien ein englischer Kollege zu Wort, der sich selbstironisch als "Eurovision-Stalker" von "Blue" outete, bevor er mit seiner Dankesrede loslegte. Dann seine Fragen stellte und damit genau das offenbarte, was beim ESC gang und gäbe ist: Das Lob an die Kandidaten steht im Vordergrund, nicht etwa auch nur leise Kritik. Und wenn, dann ist der Adressat ein Anderer. Am Mittwoch beschwerte sich ein polnischer Journalist beispielsweise bei Jon Ola Sand, Executive Superviser Eurovision Song Contest, über die schlechte Inszenierung des Beitrags aus dem Heimatland, der zuvor im ersten Halbfinale ausgeschieden war. Sand reagierte gelassen: Die Geschmäcker von 43 Nationen und die Vorstellungen der Sendung seien nun mal unterschiedlich. Punkt.
"Man muss schon ESC-Fan sein, sonst ist man hier als Journalist nicht authentisch", findet Sven Brockmann und formuliert damit eine merkwürdige Reporterlogik. Der 30-Jährige, der für den Stadtkurier aus Neuss, ein 14-tägiges Stadtmagazin, schreibt, ist seit zwei Wochen in Düsseldorf dabei: Als Journalist und Fan. "Es geht hier nur um die Musik und die tolle Atmosphäre, die transportiert wird. Hier hat Politisches nichts zu suchen." Das würde den ganzen Wettbewerb in ein schlechtes Licht rücken, meint er. Auch wenn man eine schlechte Meinung über ein Land habe, müsse das außen vor bleiben. "Fan zu sein steht hier über allem." Ohne ESC im Blut, ist Brockmann überzeugt, könne man nur emotionslos von dem Event berichten.
Rund 80 Prozent der Presseleute, schätzt er, sind nur wegen ihrer Bewunderung für den Musikwettbewerb hier. Darunter viele bekannte Gesichter von früheren ESC-Veranstaltungen. Man kennt sich von einschlägigen Partys, man hat die gleiche Motivation: Gute Stimmung fürs eigene Land zu machen, egal wie gut oder schlecht der Song ist. Hier ist man Patriot.
Journalisten werden zu Fans und umgekehrt. Es scheint, als werde bei der Auswahl der zu vergebenen Akkreditierungen kein Unterschied gemacht. Hier trifft der (Gelegenheits-) Blogger auf den (etablierten) Redakteur. Frei nach der Devise: Jeder darf kommen – Hauptsache es wird nett, und alle haben sich lieb. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Texte, die kritische Töne über den heiligen Wettbewerb und seine Kandidaten enthalten, schnell wegen persönlicher Betroffenheit als "Unsinn" und "albern" kommentiert werden.
"Der ESC ist wie eine große Blase, in der kleinere und größere Grand Prix-Fans sich um sich selbst und um das Event kreisen", fasst es Michael Schleicher vom Münchner Merkur zusammen. Der Feuilleton-Leiter ist zum ersten Mal bei dem Wettbewerb vor Ort und ist überrascht, wie viele Journalisten sich als eine Art Botschafter ihres jeweiligen Landes verstehen. Auch wenn die Dekoration der Arbeitsplätze mit den Nationalflaggen nett sei und den europäischen Geist widerspiegele, sieht er den Fan-Kult der Berichterstatter auch kritisch. "Ich habe kein Verständnis, wenn Pressekonferenzen von einzelnen Journalisten genutzt werden, um die Verantwortlichen etwa für Kameraführung und Lichtgestaltung beim Auftritt des Kandidaten des eigenen Landes zu kritisieren."
Beim ESC herrscht ein eigenwilliges Selbstverständnis von journalistischer Distanz, die verwundern mag, aber wohl zu dem Event dazu gehört, wie jeder zur Objektivität verpflichtete Sportkommentator seinen Lieblingsverein hat. Nur geht der nicht im Trikot zur Arbeit.

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