Nannen-Eklat: Was wir daraus lernen können

“Märklin-Gate”, “Medien-Skandal des Jahres” - dass die Jury des Henri Nannen Preises dem Spiegel-Reporter René Pfister den Preis für die beste Reportage aberkannte, hat hohe Wellen geschlagen. Pfister hatte in seinem Porträt über Horst Seehofers Modelleisenbahn geschrieben, ohne sie gesehen zu haben. Darf man das? Es ist an der Zeit, einen Schritt vom Klein-Klein der Debatte zurückzutreten und zu überlegen, was dieser Vorfall über Medien und ihr Verhältnis zur Wahrheit aussagt.

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Die Diktatur des Einstiegs

Hans Leyendecker, selbst die Investigativ-Ikone seines Blattes, der Süddeutschen Zeitung, schrieb zum Fall Pfister: “Der Einstieg in eine Geschichte oder einen Kommentar müsse wie ein Lasso sein, mit dem der Leser eingefangen wird. Dieser müsse gleich überzeugt werden, dass sich das Weiterlesen lohne, hat vor Jahren ein Spiegel-Chefredakteur seinen Leuten geraten.” Der Einstieg ist jener Teil eines Textes, dem Journalisten überproportional hohe Bedeutung beimessen und der auch im Fall Pfister der Stein des Anstoßes war. Warum ist der Einstieg so wichtig? Der Leser gilt in Redaktionsstuben als ein scheues Reh, das mit großer Kunstfertigkeit erlegt werden will. Der Einstieg ist dabei die schärfste Waffe. Wenn hier nicht alles sitzt, wenn hier kein Effekt gezündet wird und die Formulierungen geschliffen sind wie Edelsteine, dann hat man den Leser schon verloren. Ein Grund, warum der Fall Pfister für so großes Aufsehen sorgte ist, dass es gerade der heilige Einstieg war, an dem der Reporter sich scheinbar versündigte. Egal, was danach in seinem Text noch kommen mochte – der Einstieg war es, der der gesamten Geschichte Gerüst und Titel (“Am Stellpult”) gab. War der nicht authentisch, war alles verloren – zumindest der Nannen Preis. Diese spezielle Art auf den Einstieg hin zu schreiben und zu denken, wird nicht zuletzt in deutschen Journalistenschulen und in den Redaktionen der Top-Medien gelehrt und gepflegt. Der erste Satz, der muss reinziehen, wird auch Sprach-Papst Wolf Schneider nicht müde zu betonen. Aber es geht auch anders. Die Auflagen-Erfolgsgeschichte der vergangenen zehn Jahre im Print-Segment ist die viel zitierte Landlust. Die Einstiege und Texte dieses Magazins würden einem deutschen Journalisten-Schüler oder Redaktions-Volontär samt und sonders um die Ohren gehauen werden. Langsame, geradezu behäbige Einstiege, chronologisches Erzählen, kaum Personen, null Subjektivität. Zumindest die Landlust-Leser schätzen das. Das soll nicht bedeuten, dass man sich nicht bemühen sollte, stilistisch gut und lesbar zu schreiben und Leser anzusprechen. Es geht aber darum, dass wir Journalisten vielleicht darüber nachdenken sollten, um was es eigentlich geht. Der Einstieg ist das Mittel zum Zweck, eine gute Geschichte an die Leser zu bringen. Allzuoft ist der knallige Einstieg heute aber zu einem Selbstzweck verkommen.

Das Hinschreiben auf fertige Thesen

In einer idealen Welt recherchiert der Redakteur und bildet sich seine Meinung, sein Urteil aus den Fakten, die er erfährt. Die Genese dieser Meinung darf der Leser hautnah miterleben und je nach Lane und Gesinnung zustimmen oder widersprechen. In der Realität ist es oft so, dass Vor-Urteile in Redaktionen sehr oft schnell bei der Hand sind. Es gibt “herrschende Meinungen”, den so genannten Herdentrieb. So nennt man das, wenn die meinungsführenden Medien im Gleichschritt gedanklich immer nur in ein und dieselbe Richtugn marschieren. Egal, ob es darum geht, wie provinziell beispielsweise der frühere SPD-Vorsitzende Kurt Beck in Berlin auftrat oder wie toll oder schlimm Karl Theodor zu Guttenberg gerade war.

Es geht oft darum, eine bestimmte These, eine vorgefasste, eine herrschende Meinung mit Hilfe von gezielt herbei recherchierten Fakten zu untermauern. Ein oder zwei Experten (Professoren am besten) sind auch nicht schlecht, um dem Ganzen einen neutralen, unanfechtbar objektiven Anstrich zu geben. Gerne werden auch Studien zitiert. Dass es für jedes Thema und jede These fast immer verschiedene Experten und Studien gibt, die unterschiedliche, oft gegensätzliche Ansichten vertreten, ist da nur praktisch, denn es erleichtert die Auswahl. Auf diese Weise entstehen Texte, an denen nichts falsch ist, die sich aber auch nicht bemühen, ein umfassendes Bild zu zeichnen. Fakten, die die These des Artikels stören werden ausgeblendet oder zurechtgebogen. Das Bild, das erzeugt werden soll, ist oft stärker als die Realität. Das bunte Bild, die starke Szene übertönt allzuoft die nackten Fakten. Im Zweifel sollte es doch eher umgekehrt sein.

Der Zwang zur Nähe

Der berühmte Satz von Hanns-Joachim Friedrichs, ein guter Journalist dürfe sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten, ist oft nur noch Makulatur. Journalisten versuchen mehr denn je, Exklusivität durch Nähe zu erreichen. Das Mitfliegen in Regierungs-Flugzeugen bei Minister-Terminen ist ebenso eine Sache des Prestiges wie die Teilnahme an exklusiven Hintergrund-Zirkeln in Berlin. Besser noch sind halb private Einladungen, bei denen die Konkurrenz gleich ganz außen vor bleibt und bei denen sich Details aus der Wohnung zur Illustration eines künftigen, preisverdächtigen Porträts aufsaugen lassen. Dem Politiker oder Künstler oder sonstwie Prominenten mag dabei durchaus bewusst sein, das die Nähe zu Journalisten irgendwann ihren Niederschlag in Veröffentlichungen findet. Das ist Teil des Geschäfts, des großen Gebens und Nehmens zwischen Medienleuten und den Objekten ihrer Berichterstattung. Der vorherrschende Schreib-Stil von Top-Medien erfordert es, dass ständig der Eindruck erweckt wird, der Berichterstatter sei überall dabei, kenne sich bestens aus. Der Journalist und seine Sache werden eins. Scheinbar jedenfalls. Nun hat sich gezeigt, dass sich manchmal ein wesentlicher Teil jener exklusiv vorgegaukelten Nähe im Falle Pfister und der Modelleisenbahn sogar mit ein paar Klicks bei Google aus alten Artikeln problemlos zusammenstoppeln lassen. Das hat Pfister zwar nicht getan – alle Details und Infos seines Einstiegs waren aber durchaus bei Google leicht aufzufinden – in Dokumenten, die vor seinem Text veröffentlicht wurden, wohlgemerkt. So etwas kratzt gewaltig am elitären Selbstverständnis der Leitmedien wie dem Spiegel. Wohl darum ist das Nachrichtenmagazin auch so über die Maßen aufgegeregt und echauffiert. Es bräuchte womöglich etwas mehr Mut zur Demut. Ein Reporter, dem gestattet wird, dass er nicht alles weiß, der zweifelt, der benennt, wenn er andere Medien verwendet, der Quellen stärker offenlegt und seine Arbeitsweise transparenter macht, als dies normalerweise der Fall ist. Um solche Schwäche, die eigentlich eine Stärke wäre, zuzulassen, dafür bräuchte es vor allen Dingen eine weit größere Gelassenheit und Selbstsicherheit im Medienbetrieb.

Die Schizophrenie der Subjektivität

Der Zwang zur Nähe führt uns automatisch zur Frage, wie wir es mit der leidigen Subjektivität halten. Medien haben zur Subjektivität eine schizophrene Haltung. Einerseits ist sie verpönt. Man will objektive Wahrheiten vermitteln, rühmt sich als Profi-Journalist etablierte Standards anzuwenden – im Gegensatz zu publizierenden Amateuren, wie etwa Bloggern. Andererseits ist die Subjektivität als Stilform gefragt wie nie zuvor – denn damit fängt man das Publikum. Siehe oben. Der Ich-Form haftet zwar noch ein bisschen die Aura des Schul-Aufsatzes an, aber mit ein wenig Geschick kann man auch ganz und gar durch die eigene Brille schauend schreiben ohne das “Ich” im Text tatsächlich zu verwenden. Die Subjektivität wird gekonnt hinter Fakten-Wolken verschleiert. Vielleicht resultiert hieraus auch die große Beliebtheit von Meinungs-Stücken bei den Lesern. Wenn groß “Meinung” drüber steht, dann weiß man immerhin, woran man ist. Wünschenswert wäre, dass auch Profis öfter mal “Ich” sagen, in ihren Texten. Im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne. Das wäre nämlich in erster Linie transparent und ehrlich. Hier könnte man vom guten alten Kommentar lernen: Ein Kommentator kann seine Meinung auch nicht hinter scheinbar unangreifbaren Fakten oder Experten-Äußerungen verstecken.

Das Dilemma der Kritik

Ein Vorwurf, der Medien oft gemacht wird, ist eine kollektive Lust an der Miesmacherei. Filme, Bücher, Personen werden gnadenlos verrissen. Regierungen werden stets aufs Neue an den Pranger gestellt, das politische Personal hämisch abgeurteilt. Die Apokalypse ist immer nur eine Ausgabe entfernt. Das kann man Journalisten aber freilich nur zum Teil zum Vorwurf machen. Negative Kritik, Verrisse sind populärer und werden, bittere Erkenntnis, auch lieber gelesen. Wenn etwas gelobt wird, setzen sich Journalisten schnell dem Vorwurf aus, Schleimer zu sein, Werbung zu betreiben oder sich vor einen Interessen geleiteten Karren spannen zu lassen. Der Verriss per se ist mit dem kritischen Selbstverstädnis großer Teile der Branche einfach besser vereinbar. Ein wenig mehr Abwägung in dieser Frage und manchmal auch der Mut zum Lob, wären womöglich angezeigt. Aber für lobende Artikel gibt es selten Lob und meistens keine Preise.

Die Macht der Preise

Womit wir wieder beim Anfang wären: dem Henri-Nannen-Preis, der hier nur stellvertretend für die vielen, vielen anderen Journalisten- und Medienpreise steht. Journalisten sind auch nur Menschen und sie bekommen in jüngerer Zeit gerne eingebleut, dass sie auch Marken zu sein haben. Und um die eigene Marke (und das Ego…) ein bisschen zu polieren, kommt so ein Preis gerade Recht. Darum gibt es verständlicherweise ein großes Bedürfnis nach solchen Auszeichnungen wie dem Henri-Nannen-Preis. Das gibt den Jurys dieser Preise eine nicht zu unterschätzende Gestaltungsmacht für die gesamte Branche. Was ausgezeichnet wird, wird von Kollegen genau angeschaut. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass bei der nächsten Verleihungsrunde Stücke eingereicht werden, die in Tonalität und Thema versuchen, den vorgezeichneten Geschmack der Jury zu treffen. Da ist es praktisch, wenn die Jury mit den selben Leuten besetzt ist, die auch im redaktionellen Alltag darüber entscheiden, welche Themen und welcher Stil in Zeitungen und Zeitschriften gepflegt wird. Beim Henri Nannen Preis ist das besonders augenfällig: Die Jury-Mitglieder sind zum Großteil namhafte Chefredakteure ebenjener Publikationen, die meist auch ausgezeichnet werden. Einen Preis bekommt, was dem Chef gefällt. Auf diese Weise wird ein Journalismus-Biotop, das nicht nur Stärken hervorkehrt, sondern auch die dem System inne wohnenden Schwächen und Makel ständig aufs Neue reproduziert und verstärkt. Die Lösung? Vielleicht weniger Preise, vielleicht nachprüfbarere Kriterien und eine transparentere Vergabepraxis. Das undurchsichtige Geschacher um Nominierungen zwischen Vor-Jury und Jury gerade beim Nannen-Preis ist legendär und taugt gut als Negativ-Beispiel. Vielleicht wäre auch eine wechselnde Jury heilsam und nicht zuletzt der Mut, über den Tellerrand der eigenen Publikation und, Gott behüte, vielleicht sogar des eigenen Genres hinauszudenken.

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