„Er war der Beste, den wir hatten“

"Ach, Michael Althen ist gestorben, viel zu früh; es ist falsch und ungerecht, er war der größte aller Filmkritiker, und dass uns seine Texte bleiben, ist nur ein schwacher Trost", schreibt Claudius Seidl in seinem Nachruf. Mit 48 Jahren starb Michael Althen nach einer heftigen und kurzen Krebserkrankung. Das Feuilleton ist sich einig. Mit Althen starb der beste deutsche Filmkritiker. Tobias Kniebe schreibt über die Texte des Grimme-Preisträgers: "nie bettelte da ein Autor um Beachtung der eigenen Brillanz".

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Frank Schirrmacher, FAZ.net: "Es ist unvorstellbar, dass er nicht mehr da ist. Michael Althen war die führende Stimme und der größte Cineast der deutschen Filmkritik seit den achtziger Jahren. Uns allen hat er gezeigt, wie man nicht nur über Film schreiben, sondern mit Film leben kann."
Tobias Kniebe, Süddeutsche.de: "In Erinnerung sind seine typischen, offenen weißen Oberhemden selbst in der Mittagshitze von Cannes oder Venedig niemals verschwitzt. Irgendwie umgab ihn seine eigene Zeit, die er womöglich durch puren Willen verlangsamen konnte, um noch mehr Sätze in noch weniger Sekunden in sie hineinzuschreiben. Seine Faxe, die früher aus aller Welt in der Redaktion eintrafen, trugen auch oft die merkwürdigsten Zeitstempel zwischen Mitternacht und Morgengrauen. Das zeigte schon, wie entschlossen er war, den Stunden, die er hatte, das Maximum des nur irgendwie Möglichen abzutrotzen."
Bayerischer Rundfunk: "Michael Althen war einer der größten deutschen Filmkritiker. Seine Artikel bereicherten die Feuilletons. Außerdem war er Filmliterat und selber Filmemacher. Heute ist der große Cineast im Alter von 48 Jahren verstorben."
Georg‘> "Michael Althen war ein Skeptiker, der wusste, dass man die Dinge von sich wegrücken muss, um sie besser zu betrachten. Er benutzte die Sprache dazu, seinen Platz in der Welt zu finden. Das machte ihn in jedem Moment zu einem wunderbaren Autor. (…)
Er glaubte an die Verzauberung der Welt, was überraschend ist für jemanden, der nicht nur ein großer Skeptiker, sondern auch ein besonders eloquenter Schweiger war. Niemand konnte so schön nichts sagen wie Michael Althen. Es war diese seltsame Mischung, die ihn dem entrückte, was ihn umgab: dem Gehechel der Meinungen, der Manipulation der Geschmäcker, der Kleinheit der Karrieristen, die im Kulturbetrieb vielleicht noch korrupter sind als anderswo. Denn sie verraten das Einzige, um was es am Ende geht: zu wissen, warum man es tut. Michael Althen hätte über all das natürlich gelächelt. (…)
Michael Althen war Filmkritiker, er war der beste, den wir hatten. (…) Er war vielleicht ehrlich, loyal, leidenschaftlich, ruhig, zurückhaltend, auf die angenehmste Art nur arrogant. Eines war er nicht: nett. Er hasste sie geradezu, die Nettheit, die ja nur bedeutete, dass alles gleich ist und keiner sich traut zu sagen, wie es ist. Und dafür ging Michael Althen nicht ins Kino, dafür las er keine Bücher, dafür unterhielt er sich nicht mit Menschen: Egal war immer der Feind."
Peter Michalzik, Frankfurter Rundschau: "Es war ein neuer Ton, ein neuer Blick, ein neues Verhältnis zum Kino: Michael Althen war einer der maßgeblichen Filmkritiker seiner Epoche, einer Epoche, die noch nicht vorbei ist. (…) Ich glaube, alle haben Michael Althen geliebt. Wenn man nicht weiter wusste in einer Redaktion, ging man zu ihm. Er war keiner jener Kritiker, die sich im Dunkeln verstecken, er hatte eine Familie mit zwei Kindern. Und auch die Leser haben ihn geliebt. Denn auch seine Kritiken hatten diesen Stil, diese Anschaulichkeit, diese bunte Deutlichkeit, die Klarheit der Wahrnehmung, des Gedankens und des Gefühls, und den lässigen, ruhigen Spaß am Schreiben."
Holger Liebs, Monopol: "2005 war es, da bat Monopol bekannte Filmkritiker, so zu posieren wie eine ihrer Lieblingsfiguren im Film: wie Bill Murray in ‚Lost in Translation‘. Im Bademantel auf dem Bett. Und wer weiß, ob es Zufall war, dass Michael Althen sich einen Umhang aussuchte, der mehr dem Yoda-Kostüm aus ‚Star Wars‘ ähnelte als einem Bademantel. Er besaß einfach diese natürliche Souveränität."
Christiane Peitz, Tagesspiegel: "Kaum einer kannte sich so gut aus, im Genrekino wie in der Filmkunst. Seine Kenntnis hat ihn nie schlaumeierisch dozieren lassen, sondern seine Leidenschaft befeuert. Das ist selten im Kritikergewerbe, die Liaison zwischen Enthusiasmus, Expertenwissen und Ergriffenheit. Er hörte nicht auf, sich beeindrucken zu lassen, von einer unbekannten Schauspielerin, einem besonders schönen Licht, einem durchgeknallten Plot, einem kleinen, stillen Film. Dann konnte er poetisch werden, im guten Sinne pathetisch. Kunst oder Kommerz? Für ihn gab es nur gute oder schlechte Filme, und auch in den schlechten meistens noch einen guten Moment."
Claudius‘> "Er hat den Himmel immer Himmel genannt, obwohl er, glaube ich, nicht besonders gläubig war. Es war der Ort, an dem er Robert Mitchum und James Stewart vermutete, um jetzt nur die zwei Wichtigsten zu nennen – er wusste, dass es diesen Ort geben musste, er hatte die beiden da ja selbst hingestellt, in seinen Nachrufen, die jeden Leser zu Tränen rühren konnten. Und zugleich waren diese Texte immer auch ein Trost, weil Michael Althen wie niemand sonst die Kunst beherrschte, diese Menschen, die doch eben gestorben waren, so genau zu beschreiben und so sehr zu lieben, dass sie noch einmal so lebendig wurden, wie sie es dann bleiben sollten in unserer Erinnerung. (…)
Die Momente der Wahrheit, wie Michael Althen sie verstand, ereignen sich zum Beispiel in den Western von John Ford, in den Melodramen; oder wenn James Stewart in einer Komödie von Frank Capra den naiven Helden spielte. Es sind die Momente, in denen die ungeübten Kinogänger zu kichern oder zu gackern anfangen, weil sie sich fürchten vor der Wucht der Gefühle, die sie überwältigen könnte. Michael Althen hat sich immer berühren und niemals täuschen lassen vom Kino, der großen Emotionsmaschine."
Hamburger Abendblatt: "Für ihn waren Filme Gedichte aus Bildern. Welten, die sich für einige Stunden öffneten, mit unglaublichen Geschichten, schönen Menschen und überlebensgroßen, überlebenswichtigen Gefühlen. Wer ihn las, fühlte sich getröstet und verstanden, man lernte für den Rest des Lebens jenseits der Leinwand."

Manuel Brug, Die Welt: "Wüsste man es nicht besser, man hätte nie bemerkt, dass seine feine, elegante Prosa, sein immenses, niemals prunkendes Wissen, sein unbestechlicher Blick auf die Dinge vor, auf und hinter der Leinwand das Ergebnis von viel Mühe, auch und vor allem um die Kunst des Weglassens gewesen ist."

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