Anzeige

Der große Zeitungskrisen-Report – Teil 1

Kaum ein Medienthema ist in den vergangenen Jahren so präsent wie das der Zeitungskrise. Experten und Möchtegern-Experten diskutieren gleichermaßen, wann das erste Blatt in Deutschland die Segel streicht und wie lange überhaupt noch Texte auf Papier gedruckt werden. MEEDIA will in einer Artikelserie mit umfangreichem Zahlenmaterial Licht ins Dunkel bringen: Wie haben sich die Verkaufszahlen der Tages- und Wochenzeitungen tatsächlich in den vergangenen zehn Jahren entwickelt?

Anzeige
Anzeige

Die verkaufte Auflage ist für jede Zeitung das entscheidende Erfolgskriterium. Auf der einen Seite sinken mit weniger Käufern direkt die Vertriebserlöse – auf der anderen Seite auch indirekt die Werbeumsätze, denn das für die Reklame potenziell erreichbare Publikum schrumpft ja. In drei Artikeln werden wir Ihnen an den kommenden Tagen einen genauen Überblick darüber verschaffen, wie sich diese Zahlen entwickeln. In Teil 1 beschäftigen wir uns mit den regionalen Abozeitungen, in Teil 2 mit den Boulevard- bzw. Kaufzeitungen und in Teil 3 mit den überregionalen Abozeitungen und den Wochen- bzw. Sonntagszeitungen.

Um ein möglichst genaues Bild auf die Auflagenentwicklung der deutschen Zeitungen liefern zu können, konzentrieren wir uns in unseren Auswertungen auf die beiden wichtigsten IVW-Auflagenkategorien, die Abonnenten und den Einzelverkauf. Ohne Auflagenkosmetik durch sonstige Verkäufe, Bordexemplare, etc. zeigt sich wesentlich besser, wie sich die Verkaufszahlen entwickeln. In Teil 1, der Entwicklung bei den regionalen Abozeitungen, betrachten wir alle Titel mit einer Gesamtverkaufsauflage von mindestens 100.000.

Gleich zu Beginn betreten wir dabei eine der größten Krisenregionen der Tageszeitungen: die östlichen Bundesländer. Gerade im umkämpfen Berliner Markt rauschen die Zahlen teilweise deutlich nach unten. So hat die Berliner Zeitung in den vergangenen zehn Jahren 32,9% bei den Abos und dem Kioskverkauf verloren, die Berliner Morgenpost sogar 35,5%. Relativ glimpflich davon gekommen ist hingegen Der Tagesspiegel (-14,4%), der bei einer ähnlichen Entwicklung in den kommenden Jahren an der Berliner Zeitung vorbei ziehen könnte.

Ausnahmslos heftig sehen die Zahlen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen aus. Keine der großen Zeitungen verlor hier bei der harten Auflage weniger als 22%. Mit der Mitteldeutschen Zeitung (-37,2%), der Freien Presse (-31,7%), der Leipziger Volkszeitung (-31,8%) und der Zeitungsgruppe Thüringen (-34,6%) gibt es gleich vier Wettbewerber mit einem Rückgang von mehr als 30%.

Rot geht es weiter. Der Weser-Kurier aus Bremen verlor ebenso wie das Hamburger Abendblatt mehr als 20% seiner harten Verkäufe. In Niedersachsen hingegen sieht es etwas besser aus. Zwar verloren auch hier alle großen Blätter bzw. Zeitungs-Zusammenschlüsse, mit 10,6% bis 21,2% aber nicht so dramatisch wie andernorts. In Schleswig-Holstein sind direkte Vergleiche nur bei den Lübecker Nachrichten möglich. Sie büßten verhaltene 13,8% ein. Bei den beiden anderen Titeln wurden die Auflagen in den zehn Jahren durch verschiedene Zukäufe und Verkäufe so beeinflusst, dass ein direkter Vergleich nicht möglich ist.

Ähnlich sieht es bei einigen Titeln in NRW aus. So wechselte das Bocholter Borkener Volksblatt im ersten Quartal 2010 von der Rheinischen Post zur Zeitungsgruppe Münsterland. Folge: Die heutigen Auflagen sind nicht mehr direkt mit denen aus 2001 vergleichbar. Rechnet man die zuletzt etwas weniger als 23.000 BBV-Verkäufe nicht mit, läge die Rheinische Post bei einem Minus von ca. 11 bis 12%, bei der Zeitungsgruppe Münsterland wird es noch komplizierter, weil dort auch schon 2002 eine Zeitung neu hinzu gekommen war.

Anzeige

Unkomplizierter lassen sich die Zahlen des NRW-Giganten WAZ beurteilen: Die Zeitungen der Mediengruppe verloren in zehn Jahren heftige 30,4, bzw. über 333.000 Abonnenten bzw. Kioskkäufer. Damit hat die WAZ fast so viele Käufer verloren wie eine Stadt wie Bochum Einwohner hat. Ebenfalls kräftig nach unten gerauscht ist die Westdeutsche Zeitung, glimpflich davon gekommen ist die Zeitungsgruppe Neue Westfälische aus Bielefeld, die nur 8,1% verlor.

Am wenigsten schlecht sieht es für die meisten großen Titel im Süden der Republik aus. So verloren in Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Baden-Würtemberg und Bayern nur zwei der 20 Titel mehr als 20%: der Mannheimer Morgen und die Saarbrücker Zeitung. HNA, Rhein-Zeitung, Südwest Presse, Augsburger Allgemeine/Allgäuer Zeitung und Nürnberger Nachrichten liegen hingegen allesamt recht klar unter dieser Marke.

In Bayern gibt es sogar drei Blätter, denen in den zehn Jahren weniger als 10% der Käufer abhanden gingen: der Münchner Merkur, die Passauer Neue Presse und das Duo Straubinger Tagblatt und Landshuter Zeitung. Sie dürfen sich in den für Tageszeitungen schweren Zeiten also als Gewinner fühlen, denn ihre Auflagenrückgänge liegen weit unter dem Normalmaß.

Fazit: Zusammenfassend lässt sich also Folgendes über die Entwicklung der Regionalzeitungs-Auflagen der Jahre 2001 bis 2011 sagen:

1. Keins der Blätter konnte in dieser Zeit seine Auflage halten. Im Durchschnitt verloren die Regionalzeitungen mit mehr als 100.000 Käufern in den zehn Jahren rund 23% ihrer Abonnenten und Kioskkäufer.
2. Die wenigsten Verluste verzeichneten die Neue Westfälische, der Münchner Merkur, die Passauer Neue Presse und das Duo Straubinger Tagblatt und Landshuter Zeitung.
3. Offenbar verlieren regionale Abozeitungen derzeit vor allem in ländlichen Regionen und insbesondere im Süden der Republik unterdurchschnittlich viele Käufer.
4. Am bittersten sieht es hingegen in Metropolregionen wie Berlin und dem Ruhrgebiet, sowie im gesamten Osten Deutschlands aus. Hier gehen die Auflagenverluste mit zum Teil mehr als 30% allmählich an die Substanz.

In Teil 2 unseres Zeitungskrisen-Reports widmen wir uns am Donnerstag den Boulevard- bzw. Kaufzeitungen. Und dort werden wir über ganz andere Minuszeichen reden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*