Der invasive Journalismus der Unfehlbaren

Dass die Jury des Henri Nannen Preises dem Spiegel-Reporter René Pfister den Preis für die beste Reportage aberkannt hat, ist ein Eklat, wie er in der deutschen Presselandschaft seinesgleichen sucht. Unabhängig von der aktuellen Debatte wirft der Vorgang ein Schlaglicht auf Methoden des Top-Journalismus. Texte, die den Eindruck vermitteln, die Autoren könnten in die Köpfe der Protagonisten hineinkriechen, sind zu einem Stilmittel geworden - eine Art invasiver Journalismus der Unfehlbaren.

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Der Meister dieser ganz speziellen Stil-Form dieser in die Köpfe hineinschauenden Berichterstattung ist die US-amerikanische Reporter-Ikone Bob Woodward. Der Amerikaner, der zusammen mit seinem Kollegen Carl Bernstein die Watergate-Affäre aufdeckte, hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von Büchern, vor allem zum Wirken des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush, veröffentlicht. Woodwards Werke “Bush at War”, “Plan of Attack” und “State of Denial” lesen sich eher wie spannende Romane statt wie politische Sachbücher eines Journalisten. 
Woodward gibt darin seitenweise Dialoge, kleine Gesten und atmosphärische Einsprengsel aus geheimsten Sitzungen wider. Der Leser gewinnt den Eindruck, bei den wichtigsten militärischen und politischen Entscheidungen der jüngeren US-Geschichte selbst dabei gewesen zu sein. Für Zweifel ist kein Platz. Woodwards Darstellungen haben eher die Aura des Unfehlbaren statt des Unbestechlichen (“Die Unbestechlichen” war der deutsche Titel des berühmten Films, der über die Watergate-Enthüllungen gedreht wurde).

Das ist eine Art invasiver statt investigativer Journalismus. Dieser eindringliche Schreibstil hat gewiss seinen Teil zum Erfolg der Bücher Woodwards beigetragen. Aber man stellt sich als kritischer Leser ab und zu auch die Frage: Woher weiß der Mann das alles so genau? Woher weiß er, was Donald Rumsfeld “denkt”? Woher weiß er, wann Präsident Bush bei einer wichtigen Sitzung Kaugummi gekaut und an die Decke gestarrt hat? Woher kennt er die privaten Gepflogenheiten des saudi-arabischen Botschafters so genau?

Saß Woodward bei all den beschriebenen Sitzungen unter dem Tisch oder schwebte er als unsichtbarer Reporter-Geist im Kopf der Beteiligten? Natürlich nicht. Die Antwort ist banal und muss lauten: Jemand hat es ihm erzählt. Die Tatsache, dass es sich bei Reality-Thrillern vom Schlage Woodwards um Infos aus zweiter Hand handelt, wird über dem Roman-artigen, spannungsreichen Erzählstil leicht vergessen. Und nicht wenige deutsche Spitzen-Autoren, haben sich – ob bewusst oder unbewusst – einen ähnlichen Stil angewöhnt.

Regelmäßig wird mit teils wörtlichen Dialogen und mimischen Regungen aus internen Partei-Sitzungen oder Sitzungen des Koalitions-Ausschusses berichtet. Die Reporter scheinen, gleichsam in den Köpfen der Politiker sitzend, genau zu wissen, was diese “denken”, “wollen” und “meinen”. Man muss sich nur den Einstieg der nun gebrandmarkten Spiegel-Reportage über Horst Seehofer durchlesen: “Seit neuestem hat auch Angela Merkel einen Platz in Seehofers Keller. Er hat lange überlegt, wohin er die Kanzlerin stellen soll. Vor ein paar Monaten dann schnitt er ihr Porträtfoto aus und kopierte es klein, dann klebte er es auf eine Plastikfigur und setzte sie in eine Diesellok. Seither dreht auch die Kanzlerin auf Seehofers Eisenbahn ihre Runden.” Wie wir mittlerweile wissen, hat der Autor diese eindrücklichen Schilderungen von Seehofers Modellbahn nicht selbst erlebt. Warum aber schreibt er über Seehofer: “Er hat lange überlegt…”? Woher weiß er das? Nun, man hat es ihm erzählt oder er hat es sich gedacht.

Das ist schlicht normal geworden. Es geht wohl darum, dass sich ein Text gut liest, dass der Leser den Eindruck gewinnt, selbst dabei zu sein. Das ist nicht unbedingt eine neue Entwicklung. Schon in dem “Handbuch des Journalismus” von Wolf Schneider und Paul-Josef Raue von 1998 heißt es über die Reportage: “Die Leser möchten neben dem Kanzler am Kabinettstisch sitzen oder mit dem Polizisten in die Bank stürmen.”

Über allem schwebt freilich auch der Nimbus einer journalistischen Elite. Blätter wie der Spiegel (man kann auch die anderen nennen: Focus, Stern, Zeit, Süddeutsche, FAZ usw.), gelten als Leuchttürme des deutschen Qualitäts-Journalismus. Sie haben den Anspruch, ihren Lesern die Welt und die große Politik zu erklären. Dabei wähnt man sich gerne “auf Augenhöhe” mit den Objekten der Berichterstattung.

In einer Zeit, in der wirkliche Exklusiv-Informationen immer rarer werden, ist es gang und gäbe geworden, einen exklusiven Zugang in die Hirnwindungen der Mächtigen zu suggerieren und auch dröge Politk als leichter konsumierbar zu machen. Das ist per se nichts verwerfliches. Aber über die Jahre können so auch schon mal Maßstäbe verrutschen.
Abgesehen davon, ist “auf Augenhöhe” ein schrecklicher und verräterischer Begriff. Journalisten sollten eben nicht “auf Augenhöhe” sein, sondern die Rolle eine Beobachters haben. Jene Kumpanei, die in dem Begriff “auf Augenhöhe” ungesagt mitschwingt, ist zu einem Gutteil verantwortlich für einige Fehlentwicklungen, die es heute im Journalismus zu beklagen gibt.
Nun wird gefragt, wer ist “Schuld” an dem Eklat beim Nannen-Preis? Hätte der Autor den Text überhaupt einreichen dürfen? Hätte der Spiegel zulassen dürfen, dass der Text eingereicht wird? Hätte die Jury nicht kritischer sein müssen? Haben die Leser auch eine Mit-Schuld, weil sie nach solchem subjektiven Erzählstil in Thriller-Manier dürsten und nicht nach dem gepflegte Langeweile verströmenden Hintergrund-Artikel?

Die “Schuld”-Frage wird uns in diesem Fall nicht weiterbringen. “Schuld” sind hier in gewisser Weise alle und keiner. Das ist auch der Grund, warum die Debatte wohl noch ein Weilchen weitergehen wird. Es war schlicht ein bemerkenswerter Moment des Zufalls und der Wahrhaftigkeit, als der Spiegel-Reporter Pfister von der Moderatorin Bauernfeind am Abend der Preisverleihung gefragt wurde, wie es denn so war im Modellbahn-Keller vom Seehofer. Und der Reporter antwortete frisch und frei, dass er dort nie gewesen war. Diese spontane Reaktion zeigt, dass er sich keiner “Schuld” bewusst war. Er hat ja nur das getan, was viele andere auch tun und was von ihm erwartet wurde, um einen guten Text zu liefern. Die Reaktion der Jury, ihm den Preis abzuerkennen, wirkte dann genauso spontan. Die Mehrheit der Jury-Mitglieder scheint das Gefühl gehabt zu haben, dass da doch etwas nicht stimmte mit dieser Art des Geschichtenerzählens.

Hier muss man nun ansetzen in der Diskussion. Im besten Falle wird die Debatte dazu führen, dass gerade auch die auf Preise abonnierten Spitzenschreiber der Republik wieder ein wenig mehr Demut walten lassen. Die Mitglieder im exklusiven Club der Nannen-Preisträger wirken schon lange nicht mehr wie die berühmten “unbestechlichen” Reporter aus dem Film über die Watergate-Affäre, sondern eher wie selbst ernannte “Unfehlbare”. Die echten Fragen, die sich aus diesem Eklat ergeben, sind daher nicht die Fragen nach der Schuld. Man sollte vielmehr fragen: Was ist eine Reportage? Wie gehen wir mit Sprache um? Was ist, große Worte, wahrhaftiger und guter Journalismus? Wie sieht die Verantwortung gegenüber den Lesern aus? Das ist nichts Neues und Antworten auf solche Fragen sind zugegebenermaßen auch nicht eben leicht. Der Henri-Nannen-Eklat hat uns aber alle daran erinnert, dass man nie aufhören sollte, danach zu suchen.

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