Bissinger fordert das Verleger-Internet

Die meisten heutigen Chefredakteure und Verlagsmanager sind "Schisser". Das meint - zumindest sinngemäß - der ehemalige Vize von Henri Nannen, Merian-Chefredakteur und Woche-Gründer Manfred Bissinger. Im Editorial der Festschrift zum Henri Nannen Preis 2011 formuliert der Alt-Journalist eine schonungslose Abrechnung mit den Online-Verfehlungen der Medienhäuser. Bissinger fordert eine verlagsübergreifende Paid Content-Strategie und ätzt - ganz nebenbei - auch noch aufs Genüsslichste gegen Blogger und Twitterer.

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Am vergangenen Freitag feierte sich im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg die Branche selbst (bevor es dann in der Folge zu einer erregten Debatte um den Hauptpreis kam). Zumindest gilt das für die Titel und Verlage, die sich in die Kategorie der Qualitätsmedien einordnen. Bei der siebten Verleihung der Henri Nannen-Preise versicherten sich über fast drei Stunden Chefredakteure, Journalisten und Verlagsmanager, wie gesellschaftlich wichtig das eigene Tun ist, dass die Krise überwunden sei und das man schon – wenn man nur angestrengt genug überlegt – auch einen Weg aus dem massiven Auflagenrückgang der vergangenen Jahre finden wird.
Es gab aber auch kritische Stimmen. Die lauteste und schneidenste von ihnen bekam von Gruner + Jahr sogar einen höchst prominenten Platz eingeräumt. Manfred Bissinger, ehemals stern-Vize unter dem legendären Chefredakteur Henri Nannen, durfte in der Festschrift eine Art Vorwort verfassen. Sein Text heißt "Von Henri Nannen lernen. Oder warum Journalisten auch als Täter gefragt sein können". Und in der Tat verfasste der Ex-Merian-Chef eine scharfe und treffende Analyse der Situation der Medienhäuser.
"Dass das Internet sich überhaupt nachhaltig als mediale Alternative in das Bewusstsein der Konsumenten schleichen konnte, ist der Fahrlässigkeit der Verlage geschuldet. Sie erkannten zu spät die Sprengkraft des Netzes und behandelten es von oben herab", analysiert der Hamburger. Trocken stellt er fest, dass der Traum vom Internet "als Appetizer" für das gedruckte Wort sich schnell verflüchtigt habe. Die Folge: Die Auflagen schmilzen, und bislang gelang es nicht, das Ruder herumzureißen.
"Und noch etwas dämmerte den Managern zu spät: Dass das Internet ein genialer Marktplatz sein könnte, genialer als alle Rubriken es in ihren Objekten je waren. Warum ist Ebay keinen Verlag eingefallen? Warum ist keiner journalistischen Marke gelungen, um sich herum ein soziales Netzwerk aufzubauen?", fragt Bissinger. "Das hätte einträglicher sein können, als der Süddeutsche-Weinhandel oder die Bild-Bibeln."
Am meisten ärgert den Publizisten die Untätigkeit der Manager, dass sie noch nicht einmal den Versuch unternommen haben, einen gemeinsamen "Auftritt als Verleger-Internet" diskutiert tu haben; "schon gar nicht die Eigenentwicklung eines dazugehörigen Bezahlsystems. Der blieb der Krake Google überlassen."
Immerhin erkennt er mittlerweile erste zaghafte Paid-Content-Versuche wie Amazon, Ebay oder Otto im Internet Geschäfte betreiben. Doch bisher "scheint da einzig Bild erfolgreich zu sein".
Den alten Print-Hasen fuchst es ungemein, dass guter Journalismus im Web noch immer nicht verkäuflich ist, ohne gekauft werden zu können. Guter Journalismus muss für ihn zuspitzen und Haltung zeigen. Genau hier scheitere das Netz. Denn: "Die Blogger-Szene ist ein Marktplatz eigensüchtiger Präsentationen. Vieles, was einem tagtäglich entgegen googelt, ist interessengeleitet oder fremdbestimmt. Da hat das manipulierte Falsche ebenso seinen Auftritt wie das recherchierte Wahre."
Wenn schon mal in Rage, nimmt sich der Star-Schreiber auch gleich noch Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter vor. Für ihn tropfen sie nur so von "eitler Selbstbespiegelung. Sie markieren das Ende des Privaten. Mit all den schrecklichen Folgen für unser tägliches Zusammenleben."
Nach der bissigen Bissinger-Analyse schlägt der 70-Jährige keine altersmilde Lösung, sondern einen radikalen Schritt vor. Der Hamburger ist sich sicher, dass der Web-Journalismus ohne die Print-Inhalte schnell an Geschmack verlieren würde und geistige Insolvenz anmelden müsste. "Wenn also Verleger, Redakteure, und Autoren den Mut fänden und sich verabredeten, ihre Kunst der Zuspitzung, ihre Kraft zu Auswahl und Reduzierung, ihre Fähigkeit zu Recherche auf einen Schlag kostenpflichtig zu machen, dann wäre das Gemurmel um die Krise des Gedruckten schnell verstummt.“
Aber für solch eine Allianz wären einmal mehr "Täter" gefragt, wie es Henri Nannen, Axel Springer, Rudolf Augstein oder Gerd Bucerius waren. "Die hätten sich von einer neuen Technik, von einem noch so genialen Vertriebskanal nicht ins Bockshorn jagen lassen. Sie hätten ihn bespielt. Mit ihrem Content und natürlich gegen Bares." 

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