„Die Iren haben das Zeug zum Sieger“

Er ist die Stimme des Eurovision Song Contest: Seit 1997 kommentiert Radiomoderator Peter Urban den europäischen Musikwettbewerb aus "sicherer Entfernung", wie er sagt. "Die Bühne ist nicht mein Ding, ich bleib lieber im Hintergrund", erklärt der 63-Jährige im MEEDIA-Interview. Der ESC-Experte erzählt, wie er zu dem Job in der Sprecherkabine kam, warum der Verband der Dickleibigen sich über eine seiner bissigen Bemerkungen beschwerte und wer in diesem Jahr sein persönlicher Favorit ist.

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Herr Urban, in diesem Jahr kommentieren Sie zum 13. Mal den Eurovision Song Contest, kurz ESC. Sind Sie noch aufgeregt, wenn es raus aus dem Radiostudio und hinein ins Fernsehen geht?
Bei Radiosendungen bin ich generell nicht aufgeregt, aber bei so einem Event wie dem ESC werde ich dann kurz vor der Sendung aufgeregt. Es kommt darauf an, wie viele Menschen zusehen oder zuhören. Im letzten Jahr waren es beim Finale 20 Millionen Zuschauer. Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich natürlich richtig aufgeregt gewesen. In diesem Jahr kann man davon ausgehen, dass das Interesse durch den Vorlauf sehr groß ist. Es gibt ja rund um die Uhr Sendungen zum ESC, Fulltime-TV sozusagen. Man kann schon mit einer hohen Quote rechnen.
Wie bereiten Sie sich auf Ihren Kommentator-Job vor?
Ich habe mir vor einigen Wochen die Videos von den Kandidaten angesehen. Doch die geben nicht den richtigen Eindruck wieder: Man kann nicht beurteilen, wie sie live singen, ihre Choreographie oder Bühnenperformance ist. Man kann sich nur einen Eindruck von dem Song machen, der Rest muss dann live, beispielsweise bei den Halbfinals geschehen. Die Infos über die Kandidaten hole ich vorher ein kann. Ich schreibe alles auf, was ich beim Radio selten mache. Da läuft meistens alles spontan. Im Fernsehen hat man nur dreißig bis vierzig Sekunden Zeit für den Kommentar, und da muss die Pointe schon stimmen.
Werden Sie in diesem Jahr neben dem Finale auch die Semifinals kommentieren?
Früher war das immer entspannt: Da war man eine Woche vor Ort und hatte somit eine lange Vorbereitungszeit für das Finale. Jetzt häufen sich die Sendungen. In der ESC-Woche sieht es so aus: Montag wird geprobt, Dienstag finden Probe und Sendung des ersten Halbfinals statt, und so geht es dann jeden Tag weiter. Zwischendurch bleibt also wenig Zeit, man ist immer in Aktion, so dass man vormittags oder nachts dann die Texte schreibt. Und dann kommen noch die anderen Termine dazu. Viele Partys werde ich nicht erleben in Düsseldorf!
Wie hat sich der Grand Prix über die Jahre entwickelt?
Als ich 1997 anfing, war das noch nicht so ein großer Event. Damals fand der Grand Prix in Dublin, Irland, statt. Weil die Iren damals schon vier Mal gewonnen hatten, war das zwar auch schon eine große Nummer: Man wurde beispielsweise vom Staatspräsidenten empfangen, das war richtig was Dolles zu der Zeit. Über die Jahre ist es eine immer größere Show geworden, was man auch an dem Medienaufgebot sieht: Damals waren es vielleicht bis zu 400, jetzt sind es bis zu 3.000 Journalisten, die zum ESC hinkommen. Die Veranstaltungshallen sind ja auch größer geworden. In Düsseldorf können 36.000 Menschen zusehen. Ich glaube, das ist Rekord.
Wie sind Sie zu dem Job gekommen?
Eigentlich ist es ja nicht meine Sparte. Aber ich bin immer am Grand Prix interessiert gewesen, schon als Kind. 1965 fand ich France Gall unheimlich toll und ihren Gewinnersong  "Poupée de cire, poupée de son" fand ich großartig, den hatte Serge Gainsbourg für sie geschrieben. Das Interesse hat zwischenzeitlich nachgelassen, weil es musikalisch dann Zeiten gab, wo es mich dann nicht interessiert hat.
Zu dem Job gekommen bin ich dadurch, dass ich in den 90ern mit dem damaligen NDR-Verantwortlichem schon gemeinsam bei Großkonzerte und Veranstaltungen wie Live Aid oder dem Konzert von Nelson Mandela gearbeitet habe. Der dachte, dass ich auch so ein Event wie den Grand Prix kommentieren könnte. Meine Reaktion war damals: "Wieso das denn? Ist doch gar nicht meine Baustelle." Aber beim zweiten Überlegen dachte ich mir, dass es auch eine spannende Sache sein kann, so einen Live-Event zu kommentieren, der auch so eine Art Sportveranstaltung ist: Man kann das Ergebnis nicht voraussagen und zum Schluss hat man  einen Sieger. Ich wollte das kennenlernen. Und so bin ich da 1997 hingefahren, fand es gut und hab es seitdem weitergemacht.
Reizt Sie der Wettbewerb auch musikalisch?
Ich finde, dass es immer öfter musikalisch tolle Nummern gibt. Man sollte es nicht nur aus einer ironischen Warte betrachten, sondern man kann es auch mit einem großen Interesse und mit Leidenschaft kommentieren. Es ist aber besonders schön, wenn Deutschland gewinnt und man gute Punktzahlen verkünden kann mit einer guten Pop-Nummer und einer charismatischen Sängerin.
Sie meinen Lena. Dass sie in Oslo gewonnen hat, hat Sie hörbar verblüfft. Sie wirkten bei der Verkündung des Sieges etwas sprachlos.
Ich hatte schon einen guten Platz erwartet, aber dass sie gewonnen hat, hat mich total überrascht. Ich hab mir die Sendung dann nachher nochmal angesehen: Ich habe schon so etwas wie "unglaublich" gesagt. Nur ich glaube, dass die Leute zuhause so gejubelt haben über jede zwölf Punkte, die eintrudelten, dass sie meinen Kommentar nicht mehr gehört haben. Die haben in der Lautstärke des Jubelns einfach nicht mehr mitbekommen, was ich gesagt habe. Deswegen sagen alle: "Och, der war ja ruhig."
Sie sind bekannt für Ihre bissigen Kommentare. Gab es schon deswegen Ärger?
In den letzten Jahren wird es eigentlich weniger. Die Menschen zeigen mehr Toleranz. Ich kann mich noch daran erinnern, als ich mal eine sehr beleibte Sängerin aus Malta als "runden Beitrag" bezeichnet habe, bekam ich Ärger mit dem Verband der Dickleibigen. Dabei war vom Bühnenbild bis zu den Kerzen um die Sängerin herum alles rund. Da musste ich dann einen Antwortbrief drauf schreiben.
Empfindlichkeiten gibt es natürlich immer. Wenn man etwas Lustiges über einen Beitrag aus Aserbaidschan oder Armenien sagt, meldet sich dann schon der ein oder andere, der das in den falschen Hals bekommen hat. Das ist aber nie böse gemeint, nur amüsant-ironisch. Es sind mehr so kleine Spitzen, dass ich beispielsweise kommentiere "Beim Songcontest wird live gesungen, wie man hören kann", wenn die Interpreten nicht richtig gesungen haben.  Es gibt oft Missverständnisse, weil die Leute mich falsch zitieren oder sie nicht richtig zugehört haben.
Inwiefern?
Da gab es einen Fall mit der Bild-Zeitung: Sie hat mir auf der Titelseite vorgeworfen, ich hätte nicht Belarus, also Weißrussland, für die Zuschauer übersetzt. Das sei ja unmöglich, die ARD würde sich so arrogant zeigen, hieß es damals. Gott sei Dank konnte man schnell beweisen – und das hat Stefan Niggemeier im Bildblog gemacht – dass ich das wohl gemacht hatte. "Und nun zu Weißrussland" habe ich gesagt. Damals musste dann auch eine riesige Gegendarstellung gedruckt werden, was wunderbar war.
Wer ist Ihr Favorit in diesem Jahr?
Es gibt da den Unterschied zwischen persönlichem Favoriten und dem, der das Zeug zum Sieger hat. Das haben in diesem Jahr die Iren. Das sind 18-jährige Zwillinge, die einen guten Synthie-Popsong machen und etwas eigentümliche Frisuren haben. In derselben Sparte können auch Schweden oder Russland interessant sein. In der Stilistik Mainstream-Rock ist Dänemark ganz gut. Persönlich finde ich Italien am besten. Die haben einen sämigen Pianisten, der ein Lied auf halb Italienisch, halb Englisch sind. Das ist klasse, es hat Feuer und Charme. Aber ob das den Geschmack aller trifft, ist fraglich.
Wie sind Ihrer Meinung nach Lenas Chancen?
Ich glaube, dass Lenas Chancen nicht schlecht sind, weil der Song so außergewöhnlich ist. Er tritt aus diesem Mainstream vollkommen raus, weil er geheimnisvoll ist und auch eine andere Aura als die anderen Songs hat. Das ist ganz wohltuend bei dem Wettbewerb. Ich schätze so Platz fünf bis sechs für sie, die Google-Prognose ist gerade bei Platz drei. Außerdem haben die europäischen Länder Lena jetzt ein Jahr lang nicht gesehen. Sie hat ja nicht an Charme verloren. In Deutschland gab es natürlich so eine Art Überfütterung mit dem Thema, im Ausland ja nicht.
Was halten Sie von der Zusammenarbeit zwischen ARD und ProSieben?
Das klappt ganz hervorragend. Doch ich muss ehrlich sagen: Das ganze Lob wird immer über Stefan Raab ausgeschüttet, der das auch verdient, aber die Initiative zu dieser Zusammenarbeit kommt von Thomas Schreiber, dem ARD-Unterhaltungschef. Er hat auch die Hauptorganisation übernommen für diesen Event und tritt in Düsseldorf als Executive Producer auf. So wie es jetzt ausschaut, ist es ein Event, der groß wird und auch gut aussieht. Generell finde ich diese Zusammenarbeit zwischen der ARD und ProSieben sehr glücklich in  diesem Fall, weil durch die Möglichkeit dieser Casting-Show eben auch ganz neue Felder eröffnet worden sind. Und geradezu im ersten Jahr so ein Ergebnis zu erzielen ist natürlich sensationell. Ich kann mir vorstellen, dass das auch über die nächsten Jahre so weitergehen kann, weil ich es befruchtend finde. Die Semifinals werden jetzt sogar bei ProSieben und im Ersten ausgestrahlt, die haben früher niemanden interessiert.
Was halten Sie von dem Moderationstrio Raab, Engelke, Rakers?
Ich finde das wunderbar. Man hat ja gemerkt, wie gern Stefan den ESC moderieren wollte. Er hat ja in den Shows zum Vorentscheid den Titel "Taken by a Stranger" so stark promoted, dass man sich schon gefragt hat, warum er das nicht mit seinen eigenen Songs gemacht hat. Stefan wollte gar nicht gewinnen, weil er ja sonst die Show nicht hätte moderieren können. Das war ihm, glaube ich, sehr wichtig. Und ich finde es auch toll, dass er das machen wird, weil er ja bisher schon in jeder Rolle beim ESC tätig geworden ist: als Komponist, Künstler, Produzent, Autor und nun als Präsentator. Raab ist einfach Raab auf der Bühne, er wird seinen Teil schon machen. Anke Engelke ist bei solchen Events großartig. Sie hat ja auch die Eröffnung der Filmfestspiele moderiert. Das war toll. Sie wird als Halb-Kanadiern bestimmt den englischen Teil übernehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass sich Judith Rakers bei der Abstimmung ins Bild bringen wird. Sie ist jemand, den man international vorzeigen kann – sie sieht ja nunmal wahrhaftig klasse aus.
Würden Sie auch gerne als Moderator auf der Bühne stehen?
Ich werde ja immer wieder gefragt, wie es im letzten Jahr zu dem Auftritt auf der Bühne kam, nachdem Lena gesiegt hatte. Da wurde ich von der EBU-Angestellten durch die Halle gescheucht und kam schweißtriefend auf die Bühne und führte das Interview mit Lena. Dabei dachte ich, dass die Antworten rausgeschnitten werden. Aber nein: Das Interview wurde live gesendet. Ich hatte ja zuvor über drei Stunden in der Kabine gesessen, die super heiß war. Dazu hatte ich die ganze Zeit den Kopfhörer auf. Ganz ehrlich: Da sieht jede Frisur aus wie kalter Kaffee. Ganz schrecklich! Die Bühne ist nicht mein Ding, ich bleib lieber im Hintergrund und betrachte das Ganze aus sicherer Entfernung.
Sie sind nun 63 Jahre alt. Wie lange möchten Sie den ESC noch kommentieren, wenn Sie es sich aussuchen könnten?
Mir ist das wurscht, ich hab Spaß an dem Job. Ich habe gerade die Prinzenhochzeit gesehen, die Rolf Seelman-Eggebert kommentiert hat. Er ist 74 Jahre alt und hat das wunderbar gemacht. Die ARD hatte bei weiten die meisten Zuschauer bei diesem Event und nicht die anderen.
Wenn Sie als Musikjournalist entscheiden könnten: Welchen deutschen Künstler würden Sie für Deutschland ins Rennen schicken?
Es gibt ganz wunderbare deutsche Singer-Songwriter: Alin Coen zum Beispiel. Aber ich weiß nicht, ob sie große Erfolgschancen hätte, weil sie zu speziell ist. Von den bekannten Namen hätte ich früher mal Xavier Naidoo hingeschickt. Seine Kombination von Soulmusik und deutscher Sprache fand ich faszinierend. Ich weiß nicht, ob ich es heute noch tun würde. Johannes Oerding finde ich auch sehr gut. Ansonsten ist Lena eigentlich ziemlich perfekt. 

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